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Journalist auf Lesbos festgenommen

Behörden hielten Filmemacher Tim Lüddemann fest

  • Von Sebastian Bähr
  • Lesedauer: 3 Min.
Ein Polizist steht vor dem Flüchtlingslager Mavrovouni auf der Insel Lesbos.
Ein Polizist steht vor dem Flüchtlingslager Mavrovouni auf der Insel Lesbos.

Griechische Sicherheitsbehörden haben am Montag den deutschen Journalisten Tim Lüddemann festgenommen. Der freie und regelmäßig für »nd« tätige Filmemacher hatte nach eigener Aussage auf der griechischen Insel Lesbos Bilder von einem Flüchtlingslager gemacht. Vor Ort sei er mit einer Anwältin und einem Übersetzer gewesen. Ein Polizist habe daraufhin die gesamte Gruppe festgenommen, so Lüddemann.

»Nach zwei Stunden, inklusive der Durchsuchung unserer Smartphones und der Durchsicht unserer Bilder, die wir von dem Camp gemacht hatten, ließ man uns wieder gehen«, berichtete der Filmemacher. Der Durchsuchung der Smartphones habe man widersprochen. Die Anwältin sei angeschrien und von den anderen Festgenommenen getrennt worden. Auch wenn keine große Ausrüstung benutzt worden sei, habe die Polizei bemerken müssen, dass es sich um Medienarbeit handelte, ist sich der Journalist sicher.

Mittlerweile befindet sich Lüddemann wieder in Athen, weitere Probleme mit griechischen Behörden habe es vorerst nicht gegeben. Zufrieden ist er aber nicht. »An den europäischen Außengrenzen herrscht in Teilen Rechtswillkür«, sagte der Filmemacher am Mittwoch gegenüber »nd«. Ob im Mittelmeer, Kroatien oder Polen: Geflüchtete würden drangsaliert und ihrer Rechte beraubt, Unterstützung werde kriminalisiert und Berichterstattung verhindert. »Offenbar wollen die EU-Staaten nicht, dass die Welt die Folgen ihrer eigenen Politik zu sehen bekommt«, sagte Lüddemann. Für ihn als Journalist bedeute dies, ein hohes Risiko einzugehen. Er wisse nicht, ob letztlich ein Foto eine Festnahme zur Folge habe oder seine Ausrüstung beschlagnahmt werde. »Meine Arbeit wird eingeschränkt und damit auch die Pressefreiheit – das ist ein Zustand, den wir nicht akzeptieren dürfen.«

Immer wieder berichten Aktivisten und Journalisten von Polizeiübergriffen oder Behinderungen der Arbeit auf Lesbos. Beschwerden gab es unter anderem von dem International Press Institute IPI, der Europäischen Journalistenföderation EFJ und Reporter ohne Grenzen. Auch die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) innerhalb von ver.di übt scharfe Kritik. »Wir verurteilen die Festnahme und Kontrolle des Journalisten auf das Schärfste«, sagte Jörg Reichel, dju-Geschäftsführer in ver.di Berlin-Brandenburg, am Mittwoch gegenüber »nd«.

Der Gewerkschafter betonte ebenfalls, dass seit 2020 auf der Insel Journalisten regelmäßig angegriffen und in der Pressearbeit durch Polizei, Bevölkerung, rechte Gruppen oder Hooligans behindert würden. Zuletzt sei im August eine TV-Crew des griechischen Senders Open TV attackiert worden – die Polizei habe jedoch die Hilfe verweigert. »Aktuell besteht auf der Insel nach Einschätzung von Journalisten vor Ort eine Atmosphäre von Selbstjustiz«, so Reichel. Medienschaffende würden attackiert, beschimpft und bespuckt werden.

Für ganz Griechenland stellte die EU in dem »Bericht über die Rechtsstaatlichkeit 2020« fest: »Die Arbeitsbedingungen von Journalisten sind nach wie vor problematisch und Angriffe oder eine Gefährdung ihrer körperlichen Unversehrtheit sind nicht ausgeschlossen.«

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