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Zeit des Nichtstuns und der Partys

Lutz Hachmeister hat mit »Hotel Provençal« eine Geschichte der Côte d’Azur verfasst

  • Von Harald Loch
  • Lesedauer: 3 Min.

Eine Volksfront gegen rechtsaußen? In der französischen Großregion Provence/Alpes/Côte d’Azur (PACA) vermag Marine Le Pens Rassemblement National viele Wähler für sich zu gewinnen, jüngst gar über ein Drittel. Um dem wachsenden Einfluss der Rechten Einhalt zu gebieten, sollte eigentlich eine Volksfront wie in den 30er Jahren unter dem Sozialisten Léon Blum formiert werden.

Wer die besondere Situation in unserem Nachbarland verstehen will, greife zu dem Buch über das »Hôtel Provençal« in Juan-les-Pins, einem Ortsteil von Antibes. Der 1959 in Westfalen geborene Publizist und Filmemacher Lutz Hachmeister erzählt anhand des einstigen, rege frequentierten Luxushotels bis hin zu dessen jahrzehntelangem Leerstand die Geschichte der Côte d’Azur. Das ist kein Reiseführer, sondern eine Kulturgeschichte.

An deren Anfang werden die Erholungsreisen reicher Leute im Sommer wie im Winter an der französischen Mittelmeerküste reflektiert. Im Fokus des kometenhaften Aufstiegs des Seebads von Juan-le-Pins stellt Hachmeister die Person des »reichsten Amerikaners« Frank Jay Gould. Der Erbe des mit dem Eisenbahnbau im 19. Jahrhundert zum »Self-made-Milliardär« aufgestiegenen Liebhabers der französischen Lebensart vernarrte sich in die Atmosphäre an der Riviera und ließ dort das 1927 eröffnete Luxushotel erbauen.

Der Chronist hat in öffentlichen und privaten Archiven sowie in Gesprächen mit Zeitzeugen viele Deetails liebevoll zusammengetragen. Voller Bewunderung, ja fast Neid erfährt das Publikum, dass die Bauzeit des riesigen, mit allen technischen Neuerungen ausgestatteten Palastes nur ein Jahr in Anspruch nahm (Gruß an BER und die Hamburger Elbphilharmonie). Der Autor beeindruckt den Leser zudem mit Berühmtheiten der Zwischenkriegszeit. Zu den Gästen des Hotels gehörten Prominente wie Charly Chaplin, Marlene Dietrich, Gary Cooper, Josephine Baker oder Coco Chanel. Als eine »Zeit von Nichtstun und tausend Partys« beschrieb der US-Schriftsteller F. Scott Fitzgerald deren Aufenthalt dort. Juan-le-Pins war jedenfalls einer der angesagtesten Orte.

Die schmunzelnd und auch stirnrunzelnd zu lesenden Anekdoten fügen sich zu einem Bild, das sich über das glanzvolle, weltberühmte Jazz-Festival in Juan-les-Pins/Antibes letztlich im Aufstieg der Rechten verdüstert. Hachmeister besuchte inzwischen längst geschlossene Bars und verfolgte den Abstieg des »Provençal« zur Bauruine, die immer wieder Begehrlichkeiten von Investoren weckt. Sein Blick geht zurück auf die NS-Besetzung des Landes. Mit Empathie beschreibt er das Schicksal jüdischer Flüchtlinge, denen einerseits geholfen, die andererseits denunziert und an die Gestapo verraten wurden. Zur Sprache kommt die Kollaboration von Franzosen mit den Nazi-Okkupanten, aber auch der heroische Widerstand. Selten schafft es ein unterhaltsames Buch, so viel Wissenswertes auf knappem Raum zusammenzutragen und nachdenklich zu stimmen.

Lutz Hachmeister: Hotel Provençal. Eine Geschichte der Côte d’Azur. C. Bertelsmann, 239 S., geb., 22 €.

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