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Bundesstaaten und Firmen machen Druck

Trotz Klagen vor Gerichten gilt in den USA bereits seit einigen Wochen und an bestimmten Orten eine teilweise Impfpflicht

  • Von Moritz Wichmann
  • Lesedauer: 4 Min.
Impfung in der Turnhalle einer Schule in Florida
Impfung in der Turnhalle einer Schule in Florida

Hierzulande wird sie noch diskutiert, in den USA ist man Deutschland bei der Einführung einer Corona-Impfpflicht schon etwa drei Monate voraus. Sie wurde in den letzten Wochen und Monaten schrittweise ausgeweitet, zuletzt vor einigen Tagen. Am Montag verkündete die Millionenmetropole New York City eine weitere Verschärfung. Bis zum 27. Dezember muss der erste Piks im Arm sein - das gilt für alle, die bei einem privaten Arbeitgeber arbeiten. Ein Freitesten soll nicht möglich sein. Beschäftigte, die im Homeoffice arbeiten, sind von der Pflicht ausgenommen.

Im Oktober hatte die Millionenmetropole eine Impfpflicht für die rund 380 000 Beschäftigten des öffentlichen Dienstes in der Stadt verkündet; die Angestellten der Stadt hatten 30 Tage Zeit, sich mindestens eine Spritze setzen zu lassen. Anfang November hatten rund 13 000 Beschäftigte eine Ausnahme aus religiösen Gründen beantragt. Rund 9000 weitere hatten sich nicht impfen lassen. Sie wurden daraufhin in unbezahlten Urlaub geschickt. Zehn Tage später war ihre Zahl auf 2600 gesunken und die Erstimpfquote der Stadtbeschäftigten auf 93 Prozent gestiegen.

Gewerkschaftsvertreter hatten zuvor vor verlassenen Feuerwachen und Chaos gewarnt, Polizistenverbände mit Bummelstreik gedroht. Doch es kam rund um die Stichtage nur zu kleinen Beeinträchtigungen. Besonders Polizisten, Feuerwehrleute und Gefängniswärter - auch in New York City von einem konservativen und männlichen Berufsethos geprägt und traditionell eine Hochburg der Republikaner - sträubten sich offenbar lange gegen die Impfung - vergeblich. Dutzende Städte und Gemeinden in den USA haben mittlerweile Teil-Impfpflichten erlassen; in 22 Staaten gibt es laut einer Zählung der National Conference of State Legislature unterdessen eine Impfpflicht für bestimmte Beschäftigte, etwa im öffentlichen Dienst, im Gesundheitssektor oder in Schulen.

Ende Juni waren die Vereinigten Staaten, nach zuvor fulminantem Start der Impfkampagne, von den Ländern der Europäischen Union überholt worden. Landesweit hatte US-Präsident Joe Biden deswegen Anfang September per Erlass eine weitgehende Impfpflicht verfügt, nachdem man zuvor auf freiwillige Anreize wie Prämien und Lotterien gesetzt hatte. Beschäftigte von US-Regierungsbehörden und solche in der Privatwirtschaft bei Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitern wurden per Präsidialerlass verpflichtet, sich bis Anfang Januar impfen zu lassen. Rund ein Dutzend Klagen von Republikanern und konservativen Aktivisten haben die Bundesimpfpflicht vorerst gestoppt. Anfang November haben Bundesgerichte sie bis zu einer endgültigen Entscheidung ausgesetzt. Bei den 3,5 Millionen Mitarbeitern der Bundesbehörden ist die Impfquote in der Zwischenzeit auf 92 Prozent geklettert.

Trotz der gerichtlichen Aussetzung ist die Impfquote in den USA in den vergangenen Monaten auch insgesamt weiter gestiegen. Anfang September lag die Erstimpfquote in der Gesamtbevölkerung bei 63 Prozent, die Zweitimpfquote bei 53 Prozent. In den letzten drei Monaten sind beide Quoten - seit Anfang November empfiehlt die nationale Gesundheitsbehörde CDC auch eine Impfung für Fünf- bis Elfjährige - auf 71 Prozent beziehungsweise 60 Prozent gestiegen. In der Altersgruppe der über 18-Jährigen haben bereits 84 Prozent einen vollständigen Impfschutz, bei den über 65-Jährigen sogar 87 Prozent. Nach einem Sommertief im Juli, wo täglich landesweit nur etwas mehr als 500 000 Impfungen pro Tag verabreicht wurden, ist diese Zahl seitdem wieder angestiegen. Von einem Feiertagstief Ende November abgesehen, wurden in den letzten Wochen täglich über eine Million Impfdosen verabreicht.

Zum erneuten Anstieg der Impfquote trug auch die Privatwirtschaft bei. Diese hat in Sorge um eigene Profite und aus Virus-Angst beim Kontakt von Kunden mit den Beschäftigten die im Spätsommer angekündigte Impfpflicht vielerorts durchgesetzt, teils mit Unterstützung von Gewerkschaften. So agierten die Fluglinie United Airlines, die Supermarktkette Walmart oder etwa der Fleischfabrikant Tyson Foods.

Zuvor hatte es Ängste vor zahlreichen Kündigungen gegeben, doch laut der Beratungsfirma Willis Towers Watson berichteten nur drei Prozent aller von Marktforschern befragten Unternehmen von einer Zunahme von Kündigungen nach Einführung einer Impfpflicht. Vielmehr erklärten rund 57 Prozent der 543 befragten Unternehmen, man habe eine Impfpflicht bereits eingeführt oder plane dies. Etwa die Hälfte der Unternehmen ist dazu aber nur bereit, wenn der Oberste Gerichtshof Bidens Impfpflicht aufrechterhält.

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