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Probleme auf der Zielgeraden

Bis zum Unabhängigkeitstag wollte Joe Biden 70 Prozent der erwachsenen Amerikaner geimpft haben - Impfzögerer stehen dem im Weg

  • Von Moritz Wichmann
  • Lesedauer: 11 Min.

Joe Biden wird sein Ziel verfehlen, wenn auch eher knapp. Zum Nationalfeiertag am 4. Juli sollten, so sein Ziel, 70 Prozent der US-Amerikaner über 18 Jahren mindestens eine Impfdosis gegen Covid-19 bekommen haben. Am »Independence Day« Anfang Juli rückt die Nation zusammen. Mit BBQ, Bier und Flaggenwedeln feiert man die Großartigkeit der eigenen Nation. Es ist ein symbolischer Tag - und eine Gelegenheit nach einem Jahr Pandemie demonstrativ zur Normalität zurückzukehren. Schon Anfang März in seiner ersten Rede als Präsident hatte Biden erklärt, »nach einem langen, harten Jahr« könne man am Unabhängigkeitstag auch die »Unabhängigkeit vom Virus feiern«.

Als Biden Anfang Juni noch einmal offensiv das Ziel »70 Prozent« bis zum Nationalfeiertag verkündete, war die Dynamik der Impfkampagne bereits zurückgegangen. Zu Hochzeiten Mitte April erhielten bis zu 3,4 Millionen Menschen pro Tag eine Spritze - es waren überwiegend die Gruppen, die sich bereitwillig und eifrig impfen ließen: Anhänger der Demokraten, ältere Amerikaner, Gebildete, Weiße. Anfang Mai waren es nur noch etwas über zwei Millionen, aktuell sind es etwas weniger als eine Million. Denn nun müssen gesellschaftliche Gruppen erreicht werden, die entweder einen weniger guten Zugang zur Gesundheitsversorgung haben, wie Afroamerikaner und Migranten, oder solche, die politische Vorbehalte haben, wie viele Anhänger der Republikaner, Konservative und Religiöse.

Mit einem »Aktionsmonat« versuchte das Weiße Haus gegenzusteuern. Die Impfstoffverteilung wurde flexibilisiert, man ging unter anderem eine Partnerschaft mit Schwarzen Barbershops ein, initiierte einen Wettbewerb unter 79 Städten um die höchste Impfrate, bot freie Kinderbetreuung für den Impftag und schickte mobile Impfteams und Pop-up-Kliniken der Katastrophenschutzbehörde FEMA in überwiegend von Minderheiten bewohnte Viertel. Damit will man auch diejenigen erreichen, die weißen Medizinern, die mit der Regierung verbunden werden, skeptisch gegenüberstehen. Die Erinnerung an medizinische Experimente an afroamerikanischen Männern, die die US-Regierung etwa in Alabama noch bis in die 1970er Jahre ohne deren Einverständnis und Wissen durchführte, ist dort immer noch allgegenwärtig.

Aktuell sind rund 66,7 Prozent der US-Amerikaner über 18 Jahren mindestens einmal geimpft. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung waren es Stand 1. Juli aber nur 54,6 Prozent. Damit sind die USA in dieser Woche - bisher war das Land in der weltweiten Spitzengruppe, was die Impfgeschwindigkeit angeht - von Deutschland bei der Erstimpfquote überholt worden: Zum 1. Juli waren in Deutschland 55,1 Prozent aller Menschen mindestens einmal geimpft. Der Grund ist die noch geringe Anzahl von Impfungen bei jungen Amerikanern unter 30 Jahren und denen unter 18, aber auch Impfzögerer oder -verweigerer tragen zu diesen Ergebnissen bei.

18 der 50 Bundesstaaten - die meisten an der Ost- und an der Westküste gelegen - haben bisher das Biden-Ziel von 70 Prozent Erstimpfquote erreicht. Oregon und Washington werden es in Kürze erreichen. Alle diese Staaten haben 2020 mehrheitlich für Joe Biden gestimmt. Im republikanisch regierten Süden und auch im Mittleren Westen und Westen sieht es weniger gut aus. Am niedrigsten ist die Impfrate in den Südstaaten Mississippi und Louisiana sowie im einsamen Nordstaat Wyoming. Alle diese Staaten sind fest in der Hand der Republikaner.

Laut einer Gallup-Umfrage von Ende Mai sagen 80 Prozent der Ablehner und Zögerer, dass es »unwahrscheinlich« oder »ausgeschlossen« ist, dass sie ihre Meinung ändern werden. Die angegebenen Gründe dafür sind Sorgen über die Sicherheit der Impfstoffe, der Glaube, im Falle einer Covid-Infektion nicht schwer zu erkranken, Misstrauen gegenüber der schnellen Entwicklung der Impfstoffe und generelle Ablehnung von Impfungen. Gleichzeitig zeigt die Umfrage aber auch, dass rund 20 Prozent aus dieser Gruppe sich eventuell überzeugen oder motivieren ließen.

Die Zahlen belegen: Es gibt in den USA vermutlich eine »Decke« von etwa 80 Prozent, die für die Impfkampagne erreichbar sind. Rund 75 Prozent planen laut Umfragen eine Impfung, weitere fünf Prozent können vielleicht durch Lockangebote überzeugt werden. Viele Staaten haben beispielsweise Lotterien eingerichtet. Teils werden jede Woche Geldprämien von über einer Million US-Dollar unter Neugeimpften verlost - anfangs mit beachtlichem Erfolg. Mike DeWine, der republikanische Gouverneur von Ohio, erreichte mit der Bekanntgabe einen 43-prozentigen Anstieg der wöchentlichen Impfzahlen gegenüber der Vorwoche. In den darauffolgenden Wochen sank die Impfbereitschaft aber wieder.

Einige Forscher halten es für möglich, dass die USA keine Herdenimmunität erreichen werden. Experten wie der Virologe und oberste medizinische Berater der Biden-Regierung, Anthony Fauci, schätzen, dass das Land für eine echte Herdenimmunität eine Impfquote von 70 bis 85 Prozent haben müsste. Doch derzeit ist die Pandemie im Alltagsleben der Amerikaner quasi vorbei. Die meisten Staaten haben fast alle Eindämmungsmaßnahmen beendet, zuletzt New York Ende Juni. Die Zahl der täglich landesweit gemeldeten Neuinfektionen hat sich von 250 000 im Sieben-Tages-Durchschnitt zu Jahresbeginn auf aktuell etwas über 10 000 reduziert. Die Zahl der Toten von täglich mehreren Tausend ist zuletzt auf unter 300 gesunken.

Aktuell kommt es angesichts der sich verbreitenden Delta-Variante verstärkt zu »intensiven« lokalen Ausbrüchen, etwa in ländlichen Gegenden in republikanisch regierten Staaten wie Arkansas und Missouri, wo die Impfraten niedrig sind. Epidemiologen schätzen, dass die Impfwilligkeit mit einer stärkeren Verbreitung der Delta-Variante und »hyperlokalen« Ausbrüchen noch einmal zunehmen könnte. So würde der aktuell in weiten Teilen des Landes vorherrschende Eindruck, die Pandemie sei vorbei, ganz praktisch vor Ort widerlegt. Joe Biden wiederum ruft die Amerikaner weiterhin beharrlich auf, sich impfen zu lassen, aber er hat in den letzten Tagen sein 70-Prozent-Ziel nicht mehr erwähnt. Es werde wohl »einige Extrawochen« dauern, bis es erreicht werde, heißt es aus dem Weißen Haus.

Gewehr gegen Impfung

In West Virginia lockt die Regierung auch mit Waffen

Zwei voll ausgestattete Trucks, 25 Wochenendausflüge in Nationalparks, fünf lebenslang gültige Fisch- und Jagdlizenzen stehen auf der Liste an Preisen, die West Virginia seit dem 20. Juni unter neu geimpften Einwohnern des Bundesstaates verlost. Neben Geldpreisen und Stipendien für Studierende stehen auf der Liste auch diese ganz besonderen Preise: fünf handgefertigte Jagdgewehre und fünf Shotguns. Das sorgte für die gewünschte Aufmerksamkeit, Lokalmedien und auch solche aus dem ganzen Land berichteten über die zwei Pressekonferenzen von Republikaner-Gouverneur Jim Justice Ende Mai und Anfang Juni, wo er die Preise vorstellte.

Die passen zum Lebensgefühl im eher ländlichen und konservativen Bundesstaat, den Donald Trump bei der Präsidentschaftswahl 2020 mit 39 Prozent Vorsprung gewann - und sie passen zu den Vorurteilen, die man in den liberalen Küstenstädten über die Waffen liebenden und Truck fahrenden Redneck-Hinterwäldler hat, wie die Reaktionen in den sozialen Medien der vergangenen Tage zeigten.

Der Staat ist mit einer Erstimpfquote von nur 44 Prozent unter den Schlusslichtern im Lande. Die Preise seien nur sekundär, es gehe darum »Leben zu retten«, so Gouverneur Jim Justice. »Noch simpler kann man es nicht erklären, alle Menschen, die bei uns an Covid sterben oder mit einer Infektion im Krankenhaus liegen, waren nicht geimpft«, so Justice. Vor Kurzem hatte es unter anderem einen Ausbruch in einem Altenheim gegeben.

Begleitet wurde Justice bei den Pressekonferenzen von seinem Hund Babydog. »Wenn ihr es schon nicht für euch oder für andere tut, dann tut es für Babydog, sie will, dass ihr euch impfen lasst«, erklärte der Gouverneur mit der Bulldogge auf dem Schoß hinter seinem Dienstschreibtisch. West Virginia ist nicht der einzige Ort, wo man versucht Waffenliebhaber zu locken, um sich impfen zu lassen. Der Staat Illinois hat ein Impfzentrum auf einem Schießplatz einrichten lassen. Dabei werden auch 100 Schießziele vergeben, etwa Wurfscheiben und Tonfiguren. Moritz Wichmann

Plötzlich Impfmillionär

In mehreren US-Bundesstaaten gibt es Impflotterien

Als der Anruf kam, konnte es Shelly Wyramon kaum fassen, dass sie jetzt Millionärin ist. »Ich glaube noch immer nicht so recht daran, meine Familie ist immer noch schockiert«, erzählte die Lehrerin dem Lokalsender WECT-News im US-Bundesstaat North Carolina. Wyramon hatte an der Impflotterie des Staates teilgenommen und so Anfang der Woche eine Million Dollar gewonnen. Mit der Aussicht auf hohe Geldgewinne versuchen derzeit verschiedene Staaten mehr Amerikaner zu motivieren, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen. In North Carolina heißt diese Kampagne »Bringt den Sommer zurück«. Bis zum 4. August wird nun jede Woche ein Gewinner gezogen.

Innerhalb von zwei Wochen nach Verkündigung der Initiative erhielten 118 000 Einwohner*innen des Staates ihre erste Impfung. »Wir müssen alle Tricks nutzen. Was auch immer die Leute dazu bewegt, sich impfen zu lassen, wir werden es tun«, erklärte Roy Cooper, der demokratische Gouverneur des Staates, der aktuell der Staat mit der zwölftschlechtesten Impfquote im Land ist. Die Impflotterien, die es mittlerweile auch in mehr als einem Dutzend anderer Staaten gibt, sind ein Beispiel von amerikanischem Pragmatismus.

Sie zielen eher auf Impfzögerer, deren Gründe unpolitischer und eher alltagspraktischer Natur sind, die vielleicht bisher einfach zu träge waren, sich ihren »Shot« zu holen. Sie werden von umfangreicher Berichterstattung bei der Ankündigung und über die Gewinner im Lokalfernsehen begleitet. Sie folgen der Einsicht von Verhaltensforschern, dass Menschen von der - wenn auch objektiv geringen - Chance, einen hohen Geldbetrag zu gewinnen, mehr motiviert werden, als von einer geringen Prämie von etwa 100 Dollar. Diese wird in einigen Orten der USA gezahlt, ist aber für die Staatsregierungen in Summe teurer.

Für Shelly Wyramon war es weniger das Geld, sondern vielmehr die Möglichkeit durch den Impfschutz mehr Zeit mit ihren alternden Eltern zu verbringen und wieder gefahrlos ihre Schüler*innen unterrichten zu dürfen. »Ich wollte meinen kleinen Teil beitragen, um das Virus zu stoppen«, erklärte die Pädagogin mit 20-jähriger Lehrerfahrung gegenüber dem Sender WECT News. »Bitte lasst euch impfen«, appellierte sie an ihre Mitbürger - eine Nachricht ganz im Sinne der Staatsregierung. Moritz Wichmann

Impfen in der Kirche

Kirchen spielen eine wichtige Rolle dabei, die Impfquote unter Afroamerikanern zu erhöhen

Rassismus, Armut, weniger Zugang zu medizinischer Versorgung sowie historisch bedingtes Misstrauen gegenüber Regierungsbehörden sind maßgebliche Faktoren der vielen Schwarzen Corona-Toten gewesen. Nun verkomplizieren sie die flächendeckende Impfung. Nachdem in manchen Teilen der USA die Pandemie mehr als doppelt so viele Schwarze wie weiße Opfer forderte, liegt der Anteil der geimpften afroamerikanischen Bevölkerung noch weit hinter den Quoten für Weiße.

Die New Zion Baptist Church ist eine der großen schwarzen Kirchen in der Küstenstadt Williamsburg in Virginia. Sie ist eine Partnerschaft mit einer örtlichen Drogerie eingegangen. Die gemeinsame Impfkampagne richtet sich gezielt an schwarze Jugendliche in der Region, um diese im besten Fall noch rechtzeitig für das kommende Schuljahr zu impfen. In Virginia sind Schwarze momentan die am wenigsten geimpfte Gruppe, nur etwa 24 Prozent haben bis dato mindestens eine Dosis erhalten.

Gegenüber der Lokalzeitung »The Virginia Gazette« sagt Jade Ranger, Mitbesitzerin der Drogerie und Mitglied von New Zion: »Wir versuchen gezielt die Menschen zu erreichen, die sich noch unsicher sind.« Im Gespräch mit skeptischen Familienmitgliedern und Jugendlichen erwähnt sie dabei auch immer wieder Dr. Kizzmekia Corbett, eine junge schwarze Immunologin, die maßgeblich an der Entwicklung des Moderna-Impfstoffes beteiligt war. »Der Impfstoff wurde von einer schwarzen Frau entwickelt«, appelliert auch Bidens medizinischer Chefberater Anthony Fauci an Afroamerikaner.

Anderswo wird der Impfstoff sogar direkt im Gotteshaus verabreicht. In Milwaukee, Wisconsin hat eine Koalition verschiedener kirchlicher Initiativen Impfungen in mehr als 80 lokalen Kirchen organisiert. In einer tief segregierten Stadt genießen religiöse Führungsfiguren oft einen weitaus besseren Ruf als die örtliche Regierung. Melanie Paige ist Mitglied der St.-Mathews-Kirche und ließ sich vor kurzem trotz Angst vor Nebenwirkungen in ihrer eigenen Kirche impfen. Gegenüber der Associated Press sagte sie dazu, dass das Engagement von St. Mathews ausschlaggebend für ihre Entscheidung gewesen sei. Johannes Streeck

Datingstatus »geimpft«

Partnerbörsen bieten die Möglichkeit, den eigenen Impfstatus mitzuteilen

Für junge Menschen in den USA sind Dating-Apps eine der beliebtesten Möglichkeiten, online zu flirten und neue Leute kennenzulernen. Tinder ist die heute meistgenutzte App, und das Wischen nach potenziellen Partnern auf dem Smartphone längst wie auch in Europa Normalität. Mit dem Ende des Lockdowns in den USA erwacht auch das soziale Leben auf den Apps, und auch hier wird der Impfstatus für manche zur wichtigen Angabe. Schon Anfang des Jahres begannen manche User ihr Profil mit der Angabe »geimpft« zu ergänzen, oft in Kombination mit einem Emoji von einer Spritze, in manchen Fällen sogar mit konkreten Angaben über die erhaltene Dosis und den verwendeten Impfstoff.

Mittlerweile gibt Tinder seinen Usern nicht nur die Möglichkeit, den Impfstatus über eigens dafür vorgesehene Sticker auf ihren Profilen mitzuteilen, sondern bietet vollständig Geimpften als Anreiz sogar den Zugang zu ausgewählten Premium-Funktionen, wenn sie ihren Status verifizieren. Hinter dieser Kampagne steht eine Zusammenarbeit von Match Group, dem Eigner von Tinder, und dem Weißen Haus. Match Group müsste dabei ein idealer Kooperationspartner sein, da zu dem Firmenkonglomerat nicht nur Tinder, sondern auch dessen vermeintliche Konkurrenz gehört.

Die Dating-App für homosexuelle Männer Grindr kommt zwar nicht auf die gleichen Nutzerzahlen wie Tinder, dafür ist die App in ihrem Marktsegment seit mehr als einem Jahrzehnt unangefochten. Laut einer Studie gaben schon im Jahr 2012 weit mehr als die Hälfte der Befragten Nutzer in New York an, Verabredungen über Grindr gehabt zu haben.

Die App wird bis heute breitflächig genutzt, aber selbst unter den eigenen Nutzern kontrovers gesehen. Die Firma stand mehrfach wegen schlechter Moderation von rassistischen Inhalten in der Kritik, zuletzt kam sie wegen mangelhafter Sicherung von sensiblen Nutzerdaten in die Presse. Grindr-Nutzer haben schon lange die Möglichkeit, ihren HIV-Status über die App zu teilen. Eine Verifizierung für die Coronaimpfung gibt es bis jetzt noch nicht. Johannes Streeck

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