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Meditation mit Netz und Rute

Eisfischen ist eines der Lieblingshobbys der Finnen. Wer Erfolg haben will, braucht viel Geduld und einen wärmenden Kaffee

  • Von Rasso Knoller
  • Lesedauer: 5 Min.

Jukka wartet auf den Fisch. Und das seit Stunden. Er sitzt dick vermummt in Thermokleidung auf dem zugefrorenen See und trotzt dem finnischen Winterwind. Der ist eisig, auch an einem sonnigen Tag wie diesem. Es ist Winter in Ostfinnland, und alle finnischen Männer scheinen draußen auf dem Saimaasee zu sein. Eisangeln - Pilkki - ist Männersache. Sie alle starren wie Jukka in ein kleines Loch in der Eisfläche.

Jukka kennt seine Fische. Er weiß, wo und wann man sie am besten fängt. Zielsicher hat er eine Stelle etwa 200 Meter vom Ufer angepeilt, seinen Klappstuhl aufgestellt, die Thermoskanne mit heißem Kaffee in Stellung gebracht und mit seinem großen Eisbohrer ein Loch in die Oberfläche getrieben. 50 Zentimeter dick ist das Eis und Jukka kommt ins Schwitzen.

Aber sobald das Loch im Eis ist, geht es ruhiger zu. Viel ruhiger. Für die nächsten Stunden ist erst einmal nur Sitzen angesagt. Obwohl - der eine oder andere Eisangler wechselt im Laufe des Tages dann doch einmal das Angelloch, um an anderer Stelle des Sees ein neues Loch zu bohren. Ein Mittel gegen Langeweile? »Nein, Langeweile gibt es beim Eislochangeln nicht«, sagt Jukka mit dem Brustton der Überzeugung. Dass einige Angler ihr Loch aufgeben und weiterziehen, habe fangtaktische Gründe, erklärt er. Wenn man in der ersten halben Stunde an einem Loch nichts fange, stünden die Aussichten dort generell schlecht: »Die Fische treten in Schwärmen auf, wo du einen fängst, fängst du mehrere«, sagt er.

Ein Blick auf Jukkas Fang, der recht lieblos neben ihm auf der Eisfläche verstreut herumliegt, scheint ihm recht zu geben. Dort liegt schon nach kurzer Zeit ein Dutzend Barsche. Doch die sind so klein, dass ich mich trotz der großen Anzahl frage, was Jukka damit anfangen will. »Die werden in Brotteig eingebacken und als eine Art «Fischtasche» gegessen«, erklärt er.

Barsche seien Futterneider, erklärt mir Jukka später. Für den Angler ist das gut, denn wenn einer dem anderen den Köder nicht gönnt, dann beißen alle gierig zu. Und freuen sich, wenn von oben regelmäßig Nachschub kommt.

Ein Eisloch ohne Fische

Mein Angelloch ist keine 20 Meter von Jukkas entfernt - und scheint leer zu sein. Futterneid gibt es hier nicht. Kein noch so kleiner Barsch will sich an der Made, die an meiner Angel hängt, verschlucken. Auch Jukkas genaue Anweisungen - erst die Angelschnur bis zum Seegrund ablassen, dann wieder einen halben Meter zurück hochziehen und schließlich die Fische durch verführerische Ruckbewegungen mit der Angel richtig hungrig machen - bringen nicht den gewünschten Erfolg. Nach einer Stunde bei minus zehn Grad bin ich total durchgefroren und beginne so langsam den Spaß am Pilkki zu verlieren. Was alles könnte man an diesem herrlichen Wintertag machen: Skilanglauf, Schneeschuhwandern oder mit den Schlittschuhen über den See brausen.

Hier bei Oravi, einer kleinen Ortschaft am Saimaasee, wird den ganzen Winter über eine knapp 50 Kilometer lange Eisbahn auf dem See freigeräumt. Die ist inzwischen so populär, dass Oravi sogar im eislaufverrückten Holland zu einem beliebten Winterreiseziel geworden ist. Etwas neidisch blicke ich auf die Schlittschuhläufer, die nur 50 Meter von meinem Eisloch entfernt ihre Bahnen ziehen. Ob das Schleifen ihrer Kufen die scheuen Fische verscheucht? Offenbar nicht, denn Jukka meldet seinen nächsten Fangerfolg. »Ahven« schreit er zu mir herüber - schon wieder ein Barsch. Ich lege erst einmal eine kleine Fangpause ein und wärme mich an meinem Kaffeebecher. Die Hände bleiben aber trotzdem kalt.

Jetzt aufstehen, die paar Minuten zum Ufer hinüberstapfen und dann ab in die Sauna. Das wär’s. Von meinem Angelplatz aus sehe ich sogar die drei Saunahäuschen, die zum Ferienzentrum Järvisydän gehören. Eine eigene »Saunamaid« haben sie da, die ständig des Holz im Ofen am Brennen hält, während man selbst entspannt vor sich hin schwitzt und sich nur darüber Gedanken machen muss, ob man lieber in einer Rauchsauna, einer typischen finnischen Holzofensauna oder in einer Dampfsauna entspannen möchte - oder nicht doch lieber gemütlich im 40 Grad warmen Wasser des Hotpots sitzen will, um von dort aus den »dämlichen Eisanglern« auf dem kalten See zuzusehen. Im Augenblick gehöre ich aber selbst zu den »Dämlichen« auf dem See und weiß, dass mich nur die Dämmerung retten kann.

Entspannung bei Minusgraden

»Im Winter sind die Fische nur bei Tageslicht aktiv«, hat mir Jukka vor dem Aufbruch erklärt - und so begründet, warum wir zu den Ersten gehören sollten, die am Morgen hinaus auf den See gehen. Er mache deswegen auch früher Schluss als die anderen, verspricht mir Jukka. In der Dämmerung habe man nur wenig Aussicht auf Angelerfolg. »Herr, lass Abend werden«, schicke ich ein Stoßgebet gen Himmel.

Noch aber ist gerade einmal Mittag und deswegen steht jetzt eine zünftige Brotzeit auf dem Eis an. Wieder Kaffee, das Lebenselixier der Finnen, und ein paar Wurstbrote. Und wieder scheint mir das Ufer so verführerisch nah. War da nicht ein Restaurant? Eines, in dem das Feuer im offenen Kamin flackert? Es sind nur wenige Hundert Meter in die Wärme. Doch die Finnen haben ein anderes Verhältnis zur Natur als wir verweichlichte Mitteleuropäer. Ein Ausflug hinaus auf den zugefrorenen See und ein Picknick an einem Lagerfeuer im Freien gehören auch bei Minusgraden zum normalen Wochenendprogramm.

Bevor ich weiter mache, stapfe ich noch hinüber zu den beiden Eisfischern, die ein paar Hundert Meter entfernt ihre Netze einholen. Einige große Hechte und Barsche können sie als Beute vorweisen. Dagegen nimmt sich sogar Jukkas Fang vom Vormittag bescheiden aus,

Nach der Mittagspause klappt es auch bei mir besser. Nein, nicht das Angeln. Aber ich komme langsam in »Finnlandstimmung«. Und ich begreife: Den finnischen Männern geht’s gar nicht um die Fische. Sie wollen nur dasitzen, von niemandem gestört werden und die Welt um sich herum vergessen. Und nach etwas Anlaufzeit tauche auch ich aus der Realität ab. Zumindest so lange, bis mich das Rucken an der Angel aus meinen Träumen reißt. »Ahven« schreie ich zu Jukka hinüber und halte stolz zehn Zentimeter Fisch in die Luft.

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