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Von unten kommt Gutes

Ideen und Konzepte für Genossenschaften im Profifußball

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 6 Min.
Konkrete Idee rund um das Millerntorstadion: Beim FC St. Pauli ist eine Genossenschaftsgründung im Gespräch.
Konkrete Idee rund um das Millerntorstadion: Beim FC St. Pauli ist eine Genossenschaftsgründung im Gespräch.

Erfinder? Josef Derkum lacht. Nein, diese Bezeichnung möchte er nicht für sich beanspruchen. Begibt man sich aber auf die Suche nach einem Zusammenhang zwischen Genossenschaften und dem deutschen Profifußball, fällt der 34-jährige Kölner zuerst auf. Als »Denkansatz« beschreibt er seine Idee, die er im Frühjahr 2015 ins Gespräch gebracht hatte. An der schon ewig währenden Diskussion um die Ausgliederung der Profiabteilungen kritisierte Derkum damals, dass es den Vereinen vorrangig um die Erhöhung ihrer finanziellen Möglichkeiten gehe. Auf der Plattform »Faszination Fankurve« schrieb er: »Die Bildung einer Kapitalgesellschaft für den Spielbetrieb bietet die Möglichkeit, Anteile an dieser Gesellschaft zu veräußern.« Mit der Warnung vor windigen Investoren zeigte er eine Alternative auf. »Genossenschaften haben den Zweck, ihre Mitglieder zu fördern. Diese Förderung wird dadurch sichergestellt, dass jedes Mitglied eine Einlage leistet und im Umkehrschluss damit demokratisch an den Geschicken der Genossenschaft teilhaben soll.«

Erstaunlich ist es nicht, dass ein dermaßen auf Wachstum ausgerichteter Wettbewerb wie der Profifußball kaum Platz für Werte wie Mitbestimmung oder Basisnähe bietet. Und die turbokapitalistische Kommerzspirale hat die Bundesliga ja auch schon ordentlich durcheinandergewirbelt: Mit Mainz 05, dem SC Freiburg und dem 1. FC Union Berlin sind dort nur noch drei eingetragene Vereine zu finden. Sie spielen gegen Aktiengesellschaften, Gesellschaften mit beschränkter Haftung und Kommanditgesellschaften auf Aktien um Punkte.

Abwegig aber ist der Gedanke an Genossenschaften im Profifußball keineswegs. Auch Josef Derkum hat sich das nicht einfach mal so ausgedacht. »Die Idee, dass man einen Klub in Form einer eingetragenen Genossenschaft organisieren kann, kam mir im Laufe meines Studiums«, erklärt er »nd«. Der Betriebswirt hat sogar seine Diplomarbeit über den Bereich des Genossenschaftswesens geschrieben. Die Liebe zum Fußball bekam er als gebürtiger Kölner gleich mit in die Wiege gelegt – zum 1. FC Köln. Eine Novellierung des seit 1889 in Deutschland geltenden Genossenschaftsgesetzes ließ Derkum dann irgendwann darüber nachdenken, ob sich beides verbinden lässt. Im Jahr 2006 wurde der Förderzweck von Genossenschaften auf kulturelle und soziale Belange ausgeweitet. »Dass Fußball Kultur ist, dürfte unbestritten sein«, wie Derkum neun Jahre später schrieb, war nichts Neues. Der Gedanke an Genossenschaften im Profifußball anscheinend schon. Zumindest lässt sich vor 2015 nichts dazu finden.

Unstrittig ist, dass die Genossenschaft als Modell generell funktioniert – in Deutschland seit rund 170 Jahren. Heute sei es mit mehr als 22 Millionen Mitgliedern die größte Wirtschaftsorganisation des Landes, wirbt der deutsche Dachverband DGRV. Und: Die Insolvenzrate bei Genossenschaften beträgt nur 0,1 Prozent. Im Profifußball gibt es noch keine. Aber die charmante Verbindung von Wachstum und Nachhaltigkeit oder Kapital und Demokratie ließ aus Derkums Idee immerhin schon Konkreteres werden. »Besonders für Traditionsvereine mit einer großen Fangemeinde könnte ein solcher Weg interessant sein«, schrieb er vor sechs Jahren – und sollte recht behalten.

Faustrecht im Rattenrennen Dauermeister Bayern München steht symbolisch für den Wettbewerb im deutschen Profifußball, in dem der Sport an Bedeutung verliert

Beim FC Schalke 04 wurde immer mal wieder über eine Ausgliederung der Profiabteilung diskutiert, deutlich intensiver seit anderthalb Jahren. Damals verabschiedete sich der umstrittene Klubchef Clemens Tönnies. Und das »Handelsblatt« schrieb, der Verein tendiere »zur Rechtsform der Genossenschaft«. Schalke ist ja noch ein (eingetragener) Verein – mit 160 000 Mitgliedern der zweitgrößte in Deutschland, weltweit gar der sechstgrößte. Aber Schalke geht es schlecht: sportlich als Zweitligist, finanziell mit mehr als 200 Millionen Euro Schulden. Mehr als eine Idee ist die Genossenschaft in Gelsenkirchen noch nicht. Allein davon war Günter Althaus aber schon überrascht, »positiv« natürlich. Schließlich war er zwei Jahre lang Präsident des DGRV. Bedenken hat der 54-Jährige angesichts seiner langjährigen Erfahrungen keine. Im Gegenteil, er erkennt darin ein »erhebliches Potenzial«. Der Schalker Faninitiative »Zukunftself« beschrieb es Althaus folgendermaßen: »Genossenschaften sind der festen Überzeugung, dass wirtschaftliche Aktivitäten auf Vertrauen beruhen und nicht über die Köpfe der Menschen hinweg praktiziert werden dürfen. Sie sind auf Nachhaltigkeit und Verlässlichkeit ausgerichtet. Aus meiner Sicht ein wohltuendes Korrektiv zu den teilweise sehr hektischen und kurzfristig ausgerichteten Verhaltensweisen in den Managementetagen zahlreicher Profifußballvereine.«

Es sind auch die Nachteile der bisher üblichen Wege, die eine Genossenschaft im Profifußball attraktiv machen. Auflösung, Insolvenz oder Zwangsabstieg: Beispiele gescheiterter Versuche von Vereinen, die sich auf der Suche nach schnellem Geld in die Abhängigkeit von Investoren begeben haben, gibt es viele. Neben dem Risiko der Fremdbestimmung, die auch auf der emotionalen Ebene zur Entfremdung an der Basis führen kann, können fremde Kapitalgeber noch andere unangenehme Dinge ins eigene Haus bringen. Erinnert sei hier nur an die turbulente Mitgliederversammlung des FC Bayern München Ende November: Das Thema Katar zerreißt den Verein.

Jüngst kam das Thema Genossenschaft auch in Köln wieder zur Sprache. »Im Rahmen einer Mitgliederveranstaltung am 5. September über Finanzierungsformen wurde die Möglichkeit einer Genossenschaft von einem Mitglied in die Diskussion eingebracht«, berichtet Derkum. Der 1. FC Köln hat die Profiabteilung schon vor fast 20 Jahren ausgegliedert. Zufrieden ist er dennoch, denn sein Verein hält noch immer 100 Prozent der Anteile an der GmbH & Co. KGaA. Und erzählt von der letzten Jahreshauptversammlung. »Es wurde mit 92 Prozent der Stimmen beschlossen, dass die Mitglieder in Zukunft ab dem ersten Prozent über Anteilsverkäufe entscheiden – ein Notverkauf darf künftig unter Zustimmung des Mitgliederrates nur noch 12,5 Prozent umfassen.« Und da entscheidet auch Derkum mit. Seit 2018 gehört er dem Aufsichtsgremium des 1. FC Köln an, dem Mitgliederrat, und wurde im November wiedergewählt.

Die Idee der Genossenschaft entstand, als er »nur« Fan und aktives Mitglied seines Vereins war. Auf seinen Kölner Klub bezog er diese Gedanken aber schon damals nicht, sondern auf die allgemeine Problemlage im deutschen Fußball bei der Kapitalsuche. Die Kraft von Partizipation und Mitbestimmung versuchen Fans seit Jahren ins Spiel zu bringen. Josef Derkum, der als Referatsleiter Allgemeine Revision im Erzbistum Köln arbeitet, weiß: Auch von unten kommt viel Gutes.

Über die Vorteile einer Genossenschaft ist sich auch der FC St. Pauli bewusst. Eine Ausgliederung ist kein Thema beim Zweitligisten aus Hamburg. Es gilt das Präsidentenwort: »Wir wollen mitgliedergeführt, selbstbestimmt und unabhängig bleiben.« Oke Göttlich will diese identitätsstiftenden Merkmale auch für die »Weiterentwicklung des Vereins« nutzen. Und dies soll genossenschaftlich geschehen. Das Konzept, bis zu 46 Prozent der Anteile an der eigenen Millerntorstadion Betriebsgesellschaft über die Form einer Genossenschaft in die Hände der Fangemeinde zu geben, existiert seit drei Jahren. Ein Mitglied, eine Stimme – dieses Prinzip der demokratischen Teilhabe passt zum Verein, die ohnehin schon große Bindung der Basis wird damit noch weiter gestärkt. Doch selbst wenn die Bedingungen optimal erscheinen, ist der Weg kompliziert. Der Organisationsprozess ist noch nicht abgeschlossen. Aber: »Die Idee der Genossenschaft lebt noch«, bestätigte St. Paulis Pressechefin Anne Kunze gegenüber »nd«.

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