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Was noch zu sagen wäre

Die heutige nd-Ausgabe ist die letzte, die im Verlag Neues Deutschland Druckerei und Verlag GmbH erscheint.

  • Von Matthias Schindler
  • Lesedauer: 4 Min.

Die heutige nd-Ausgabe ist die letzte, die im Verlag Neues Deutschland Druckerei und Verlag GmbH erscheint. Im April 1946 mit den Unterschriften von Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl gegründet, dann hinter dem gleichnamigen Organisationseigenen SED-Betrieb verschwunden, 1990 zur Währungsunion wieder aufgelebt und nun die Geschäftstätigkeit einstellend, war seine Existenz stets an die Partei gebunden, die den Verlag gründete - bzw. an deren Nachfolgeparteien. Mit der ersten Ausgabe 2022 wird das Geschichte sein; Herausgeberin und Verlag ist dann nd.Genossenschaft eG.

Als im Februar 2021 die Absicht der Gesellschafter der ND GmbH öffentlich wurde, deren Geschäftstätigkeit zum Jahresende einzustellen, gab es kritische Nachfragen und Kommentare von allen Seiten. Im Verlauf des Jahres - als sich abzeichnete, dass eine Genossenschaft gegründet und der neue Verlag für »nd« werden würde, ebbte das öffentliche Interesse ab. Dessen ungeachtet ist die Genossenschaftsgründung ein Erfolg derjenigen, die »nd« auch nach mehr als 75 Jahren Existenz als linke Stimme neben anderen in der Zeitungslandschaft für notwendig erachten. Mitarbeiter*innen, Leser*innen und Sympathisant*innen beteiligen sich ungeachtet von »Taz« und »Junge Welt«, die in genossenschaftlicher Solidarität zu den Herbeirednern des Endes von »nd« gehörten.

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Diejenigen, die den Gründungsprozess seitens der Gesellschafter begleitet haben, wissen, dass die Zumutung groß war. Sie haben das Unverständnis und den Zorn von Mitarbeiter*innen und Aktivist*innen erfahren und zur Kenntnis genommen. Aber sie mussten angesichts der Entwicklung der letzten drei Jahrzehnte davon ausgehen, dass »nd« in der Bindung an eine Partei keine Perspektive hat. Auch wenn sie dafür Unverständnis oder Kritik ernteten. Sie wollten, dass die Zeitung nicht nur für die Bestand hat, die sie noch lesen, sondern auch für künftige Leser*innen, die auf eine aufklärerische Informationsquelle Wert legen. Selbst für diejenigen, denen im Zusammenhang mit »nd« noch immer nur das Stichwort ehemaliges Zentralorgan in den Sinn kommt.

Zu den anhaltenden Erkenntnissen des Herbstes ’89 gehört, dass unabhängiger Journalismus und Parteibindung ein Widerspruchspaar sind. Die über drei Jahrzehnte praktizierte redaktionelle Unabhängigkeit konnte diesen Widerspruch nicht vollständig auflösen. Allein die mittelbare Beteiligung der PDS bzw. Linkspartei genügte je nach Opportunität,um »nd« als Parteizeitung zu charakterisieren - ob aus Konkurrenz- oder aus ideologischen Gründen. Oder unter Linken die nd-Berichterstattung und -Kommentierung im Blickwinkel der eigenen strömungspolitischen Position argwöhnisch zu beäugen und einzusortieren. Das verengte die Verbreitung und öffentliche Wahrnehmung von »nd«.

Es war die Solidarität der Leser*innen, die das Erscheinen des »nd« in den letzten 31 Jahren ermöglichte. Die Gesellschafter haben sich in den letzten Jahren verstärkt engagiert, soweit es die Sicherung der Existenz des »nd« betraf. Das war ihre Pflicht, wurde aber zum Beweis fehlender Unabhängigkeit erhoben.

Gesellschafter, Geschäftsführung und Mitarbeiter*innen haben in den letzten Jahren den Umbau von »nd« in Print- und Digitalausgabe vorangetrieben. Sie haben auf veränderte Lesebedürfnisse und neue technische Möglichkeiten reagiert. Die Publikationsstruktur wurde erkennbar in Tag, Woche und Monat mit jeweils eigenem Profil gegliedert; Partner*innen für zusätzliche Veröffentlichungen wurden gewonnen, Formate wie Supernova getestet, Podcasts und Video eingeführt. Inzwischen amtiert eine kollektive Reaktionsleitung. 2021 haben wir das Design unter dem Dach »nd« zu einer erkennbaren Marke zusammengeführt. Ein neues Redaktionssystems soll im ersten Quartal 2022 eingeführt werden. Wer all dies tut, will »nd« nicht einstellen, sondern weiterführen.

Mit der Genossenschaft werden Vorbehalte gegenüber »nd« nicht automatisch verschwinden. Schon aus Wettbewerbsgründen oder Unwissenheit. Aber ihnen fehlt die Grundlage. Wie bei jeder Zeitung werden sich die Geister an der politischen Tendenz scheiden. Das jedoch setzt das Lesen des »nd« voraus. Unsere Geschichte werfen wir bei all dem nicht ab wie einen alten Mantel. Wer auf die Webseite nd-aktuell.de zugreift, findet auch künftig neben dem Aktuellen die Veröffentlichungen aus über 75 Jahren nd-Geschichte. Und damit aus den beiden bisherigen Lebensabschnitten von 1946 bis 1990 und von 1990 bis 2021.

Der Weg zur nd.Genossenschaft war für alle Beteiligten ein schwieriger Prozess der Erkenntnis und Lösungssuche. Sie verkörpert jetzt auch formal die Unabhängigkeit des »nd« in Sachen Journalismus und Verlag.

Dr. Matthias Schindler war Vertreter eines der nd-Gesellschafter und seit 2017 Geschäftsführer der Neues Deutschland Druckerei und Verlag GmbH. Er bleibt der Zeitung als Leser und Mitglied der Genossenschaft verbunden.

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