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Vermeintliche Schwester

US-Gericht verurteilt Epstein-Vertraute Ghislaine Maxwell wegen Menschenhandels

  • Von Anjana Shrivastava
  • Lesedauer: 4 Min.
Skizze von Ghislaine Maxwell im Gerichtssaal, während sie im November Zeugenaussagen verfolgt.
Skizze von Ghislaine Maxwell im Gerichtssaal, während sie im November Zeugenaussagen verfolgt.

Die Britin Ghislaine Maxwell ist wegen Menschenhandels für schuldig gesprochen worden. Das haben die Geschworenen eines New Yorker US-Bundesgerichts Mittwochnacht einstimmig entschieden. Am Ende ihrer sechstägigen Klausursitzung bestätigten alle Jurymitglieder auf richterliche Anfrage ihr Urteil einzeln ins Mikrofon.

Die 60-jährige Maxwell wurde für schuldig befunden, junge Frauen und Mädchen für ihren zeitweiligen Liebhaber und Geschäftspartner Jeffrey Epstein in den 90er Jahren gefügig gemacht zu haben. Im Fall einer Frau wurde Maxwell freigesprochen. In der Gegenwart von Maxwell fühlten sich die Frauen, nun Hauptzeuginnen des Staatsanwaltes, sicherer, als sie sich sonst in der Gegenwart des Multimillionärs Epstein an den Tatorten in New York, Florida und New Mexiko gefühlt hätten. Epstein selbst beging in der Untersuchungshaft im Jahr 2019 Selbstmord und kam dadurch nie vor Gericht. Zur Tatzeit waren die Zeuginnen zwischen 14 und 17 Jahre alt und lebten in schwierigen wirtschaftlichen oder emotionalen Verhältnissen.

Ghislaine Maxwell kam ihnen häufig wie eine ältere Schwester vor. Sie hatte ihnen Geschenke gemacht und interessierte sich, zusammen mit Epstein, oft für die Zukunft und Bildung der Mädchen. Andererseits sei Maxwell gelegentlich selbst übergriffig gewesen, indem sie beispielsweise die Körper der Mädchen prüfend abtastete, ob sie für Epstein genügten. Die Zeuginnen klagten, oft unter Tränen, über die weitreichenden Folgen der Missbrauchserfahrungen.

Maxwell hatte eine lange und enge Beziehung zu Epstein. Ihre Verteidigung versuchte, die Beziehung vorrangig als eine Arbeitsbeziehung darzustellen, da Maxwell Epsteins Geschäftspartnerin war. Dagegen wurde Maxwells mögliche seelische Abhängigkeit von Epstein kaum erörtert. Stattdessen behauptete die Verteidigung, dass das ganze Verfahren ein reiner Stellvertreterprozess gegen Epstein, den eigentlichen Schuldigen, sei. Dokumente beweisen, dass Epstein mindestens 30 Millionen Dollar zwischen 1999 und 2007 an Maxwell überwiesen hatte.

Die Verteidigung bezichtigte die Zeuginnen, rein wirtschaftliche Motive zu haben. Alle hatten bereits Geld aus dem Nachlass Epsteins zur Entschädigung bekommen. Aus Habgier hätten sie nun auch die Erbin Maxwell beschuldigt. Dieser Argumentation der Verteidigung sind die Geschworenen nicht gefolgt. Mit dem Schuldspruch attestierte die Jury Maxwell eine eigenständige und wesentliche Rolle im System Epsteins. Sie sei schuldig der Verschwörung, Mädchen unter 17 Jahren auf Reisen durch die US-Bundesstaaten zu locken, um sie an illegalen sexuellen Handlungen teilnehmen zu lassen. Den Transport selbst habe Maxwell teilweise organisiert.

Es war ein Prozess mit vielen Wendungen. Der Staatsanwalt hatte nur vier Hauptzeuginnen gegen Maxwell vor den Richter gebracht und insgesamt nur 24 Zeugen. Folglich stützte sich die Verteidigung auf nur neun eigenen Zeugen, in der Annahme, dass der Staatsanwalt die Schuld Maxwells nur mangelhaft nachgewiesen hätte. Auch deswegen hat Maxwell selbst nicht zur eigenen Verteidigung ausgesagt, so zumindest ihre Begründung, nicht auszusagen und sich dabei womöglich selbst zu belasten.

Es waren dann aber die Geschworenen, die unerwartet lange konferiert haben, so dass die Richterin eine Hängepartie wegen der in New York grassierenden Omikron-Variante befürchtete. Sie wies die Jurymitglieder an, ununterbrochen zu beraten, notfalls über Silvester und die Neujahrsfeiertage.

Nach dem Urteil kündigte die Verteidigung an, sofort die Revision vorzubereiten. Man sei zuversichtlich, dass Maxwell rehabilitiert werde. Nach dem Urteilsspruch zeigte sich Maxwell, Tochter des britischen Medienmoguls Robert Maxwell, ungerührt und schenkte sich Wasser in einen Pappbecher ein. Ihre Anwältin fragte die Richterin nach einer dritten Corona-Impfung für Maxwell.

Die nun Verurteilte befindet sich seit dem Jahr 2020 im New Yorker Gefängnis und beklagt sich über Misshandlungen dort. Bis zu 65 Jahren Haft könnte sie nach dem Schuldspruch erwarten. Draußen vor dem Gericht äußerten sich die Wartenden überrascht und erleichtert, dass Omikron doch nicht den Prozess beeinträchtigt hat.

Jeffrey Epstein war mit Prominenten wie Prince Andrew, Bill Clinton und Donald Trump befreundet. Im Jahr 2008 wurde Epstein wegen Pädophilie zwar in Florida verhaftet, durfte aber in seinem Büro in Palm Beach weiter arbeiten, als ob nichts geschehen wäre. Es war die Reporterin Julie K. Brown vom »Miami Herald«, die Ende 2018 den Fall Epstein erneut auf die Tagesordnung brachte. Brown hatte 60 betroffene Frauen ausfindig gemacht und interviewt. In drei Zeitungsartikeln legte Brown dar, wie die Justiz im Fall Epstein komplett versagt hatte beziehungsweise der wohlhabende Epstein eine milde Behandlung erreichen konnte.

Nach Epsteins Selbstmord mit 66 Jahren im Juli 2019 begab sich Maxwell auf die Flucht. Anonym kaufte sie sich in New Hampshire ein Anwesen mit Bargeld, bis sie im Juli 2020 vom FBI gefasst wurde.

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