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Dem Schanzen-Tod davongeflogen

Nach einem Horrorsturz feiert Skispringer Daniel-André Tande ein unglaubliches Comeback

  • Lars Becker, Innsbruck
  • Lesedauer: 4 Min.
Flucht nach vorn: Daniel-André Tande springt auch in Innsbruck längst wieder mutig von der Schanze.
Flucht nach vorn: Daniel-André Tande springt auch in Innsbruck längst wieder mutig von der Schanze.

Es ist genau fünf Jahre her, als Daniel-André Tande bei der Vierschanzentournee auf dem Gipfel schien. Nach dem Triumph beim Neujahrsspringen von Garmisch-Partenkirchen siegte der Norweger auch in Innsbruck und übernahm vor dem letzten Wettkampf die Spitze in der Gesamtwertung. Jetzt kehrt er an den Bergisel zurück. Und dass der blonde Flieger überhaupt antreten kann, gleicht einem Wunder. »Es ist unglaublich toll, wieder hier bei der Tournee zu sein. Es war schon ein Supergefühl, einfach nur wieder Ski zu springen«, hat er in diesen Tournee-Tagen erzählt.

Schließlich stand Daniel-André Tande nach seinem Horrorsturz am 25. März 2021 auf der gigantischen Skiflugschanze von Planica an der Schwelle zum Tod. Drei Minuten lang soll sein Herz nicht mehr geschlagen haben, Tande musste wiederbelebt werden. Er wurde intubiert und seine Lunge punktiert. Er erlitt Hirnblutungen und brach sich das Schlüsselbein.

Doch was war sein erster Gedanke, als er im Krankenhaus in Slowenien aus dem künstlichen Koma erwachte? »Vom Moment, in dem ich aufgewacht bin, habe ich mich gefragt, wann ich wieder Skispringen kann. Ein Rücktritt kam nie infrage für mich«, berichtet der inzwischen 27-Jährige. Der auch als Model sehr gefragte Athlet hätte auch anderweitig ein gutes Auskommen haben können, doch für ihn gab es keine Alternative zu seiner großen Liebe Skispringen. Um den Sturz zu verarbeiten, schaute er sich immer wieder das schreckliche Video seines Überschlags in der Luft samt harter Landung auf dem Hang an. Tande wollte einfach wissen, was er an diesem Tag falsch gemacht hatte.

»Dass er sich diesem schrecklichen Erlebnis so offensiv gestellt hat, ist unglaublich stark. Jeder andere hätte versucht, das möglichst komplett auszublenden«, erläutert Sven Hannawald. Der Mann, der als letzter Deutscher vor 20 Jahren die Vierschanzentournee gewann, erinnert sich an ein ähnliches Erlebnis in seiner eigenen Karriere: »Mich hat es beim ersten Skifliegen in Oberstdorf 1995 in der Luft rumgedreht und ich hatte keinerlei Verlangen, mir diese Szenen jemals reinzuziehen.«

Der deutsche Topflieger Karl Geiger ist derzeit im Tourneetross noch näher an Tande dran und hat mit dem im Springerlager sehr beliebten Kollegen schon ein paar Mal über das Geschehene reden können. »Ich kann nicht in seinen Kopf reinschauen, aber er hat es echt gut überwunden«, so Geiger.

Fünf Monate nach dem Fast-Todessturz war der Norweger erstmals wieder auf eine kleine Schanze gestiegen. Mama Trude war mit dabei und gab ihrem Sohn das Okay, obwohl er dem Tod schon vor dem Crash von Planica mehrmals nahe gewesen war: Schon als Neugeborener hörte sein Herz einmal auf zu schlagen. »Als Kleinkind bin ich dann nach einer Impfung mit Quecksilber, das man damals noch verwendet hat, fast gestorben. Und mit 13 wurde ich noch von einem Auto angefahren«, hat er jüngst der »Bild« erzählt. 2018 erkrankte Tande zudem am seltenen Stevens-Johnson-Syndrom, bei dem das Immunsystem die eigenen Körperzellen angreift. Und drei Jahre später dann der schreckliche Sturz: »Man sagt doch: Eine Katze hat neun Leben. Ich hab also noch vier übrig«, nimmt Tande die Pechsträhne mit Humor.

Daniel-André Tande springt bei dieser Tournee noch nicht schmerzfrei, das Schlüsselbein wird noch von einer Titanplatte zusammengehalten. Nachdem er im Dezember in Klingenthal als Zweiter schon einmal sensationell zurück aufs Weltcuppodest geflogen war, landete er nun in Oberstdorf und Garmisch auf den Plätzen 18 und 17. Immer noch eine unglaubliche Leistung, zumal Tande einmal zugegeben hat, dass er vor jedem Sprung seine Höhenangst überwinden müsse: »Die überfällt mich immer, wenn ich oben auf der Schanze sitze und hinunterschaue.«

Bei der Tournee vor fünf Jahren hat der Norweger den Gesamtsieg übrigens im letzten Sprung in Bischofshofen noch vergeben. Er hatte seine Bindung nicht richtig befestigt, wäre fast gestürzt und saß anschließend weinend im Schanzenauslauf. Irgendwie passt diese Geschichte zur Achterbahnfahrt seines Lebens. Aber eben auch die nun getroffene Kampfansage: »Jeder Skispringer hat den Traum, die Tournee zu gewinnen. Ich auch - bis zu dem Tag, an dem ich sterbe.«

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