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Wohlfeile Verwaltung

Unternehmen in den USA wollen eine möglichst kurze Krankenisolation, Politiker schrecken vor Eindämmungsmaßnahmen zurück

  • Von Moritz Wichmann
  • Lesedauer: 5 Min.
Corona in den USA: Wohlfeile Verwaltung

Die USA sind derzeit wieder Weltspitze, was neue Corona-Infektionen angeht. Über eine Million Neuinfektionen waren es am 3. Januar, auch durch Nachmeldungen. Die Omikron-Variante hat das Land fest im Griff, täglich gab es seither über 700 000 neu erfasste Erkrankungen. Erste praktische Konsequenzen der Welle sind bereits im Alltagsleben spürbar: Der hohe Krankenstand sorgte etwa dafür, dass in New York City nach Weihnachten der U-Bahn-Fahrplan ausgedünnt werden musste.

In Amerikas größter Stadt ging das Leben zwar mehr oder weniger normal weiter, wie auch sonst überall die Wirtschaft weiter wächst, regelrecht brummt. Gleichzeitig sind in New York und landesweit so viele Menschen angesteckt, dass an einigen Orten rund 30 Prozent der Mitarbeiter von Polizeistellen oder Feuerwehren krank zu Hause sind und die Nationalgarde aushelfen muss. Nach Neujahr fielen – mitten im Heimreiseverkehr nach Weihnachten – rund 3000 Flüge in den USA aus, weil die Airlines wegen dem hohen Covid-Krankenstand nicht genug Crews fanden oder die Flüge vorsorglich abgesagt hatten. Aus dem ganzen Land gibt es dieser Tage Zeitungsartikel über Supermärkte, Restaurants, Läden und auch Krankenhäuser, die wegen der Erkrankung ihrer Mitarbeiter vorübergehend schließen oder ihre Angebote reduzieren müssen. In einem von fünf Krankenhäusern – rund 700 – sind aktuell laut Daten des US-Gesundheitsministeriums 95 Prozent der Intensivbetten belegt.

Das Land wird nun erneut bestraft für sein nur in geringem Maße sozialstaatlich und stattdessen stark privatwirtschaftlich ausgerichtetes Gesundheitssystem. In den letzten Tagen und Wochen mussten viele US-Amerikaner in langen Schlangen teils stundenlang anstehen, wenn sie einen Corona-Test machen wollten. Der Grund: Die Bundesbehörden haben zwar durch die Omikron-Welle aufgescheucht vor Weihnachten in Gestalt von Präsident Joe Biden 500 Millionen kostenlose Tests versprochen, deren Auslieferung irgendwann demnächst beginnen soll. Allerdings wurde der Ausbau der Teststruktur monatelang vernachlässigt beziehungsweise sie privaten Anbieten überlassen. Zum Teil springen nun die Staaten in die Bresche.

Dieser Tage läuft auch eine Preisgarantie von großen Supermarktketten wie Walmart mit der Regierung aus, Corona-Selbsttests zu einem Preis von höchstens 14 Dollar anzubieten – die Konzerne haben bereits angekündigt, die Preise anzuheben. Schon vorher kosteten viele andere Covid-Tests deutlich mehr. All das hat die Zufriedenheit mit Bidens Pandemiepolitik auf einen neuen Tiefpunkt sinken lassen. Laut CNBC-Umfrage sind mittlerweile 55 Prozent unzufrieden mit der Corona-Politik des US-Präsidenten. Der blieb in seiner Ansprache an die Nation bei seiner bisherigen Strategie, hauptsächlich für mehr Impfungen zu werben: »Ihr könnt euch schützen, lasst euch impfen, es gibt viele Booster-Shots da draußen, sie sind umsonst.«

Noch unverhohlener ans Eigeninteresse der Bürger appellierte jüngst eine Kampagne der Gesundheitsbehörde CDC. »Impfstoff = umsonst, Krankenhausaufenthalt = $$$«, so eine Grafik. Aktuell kostet ein Covid-Krankenhausaufenthalt für Nichtversicherte durchschnittlich rund 40 000 Dollar, auch Menschen mit privater Krankenversicherung zahlen 3800 Dollar Eigenanteil, weil die Versicherer die Behandlungskosten nicht mehr komplett übernehmen. Aktuell sind 62 Prozent der US-Amerikaner aller Altersgruppen vollständig geimpft, 74 Prozent haben mindestens eine »Spritze« erhalten.

Das CDC hatte Ende Dezember seine Empfehlungen zum Umgang mit Covid-19 angepasst und damit viel Unmut unter Medizinern ausgelöst. Nicht mehr zehn, sondern nur noch fünf Tage sollen sich Erkrankte nach einem positiven Test selbst isolieren. Danach können sie – wenn sie ohne Symptome sind – wieder ihrer Arbeit nachgehen, sollten dabei aber eine Maske tragen. Gewerkschafter wie Sara Nelson, Präsidentin der Flugbegleitergewerkschaft AFA-CWA, kritisierte, offenbar sei die Lobbykampagne der Industrie zur Verkürzung der Isolation erfolgreich gewesen.

CDC-Direktorin Rochelle Walensky hatte erklärt, der Grund für die verkürzte Quarantäne sei eine bessere Datenlage, wann Infizierte besonders ansteckend sind. Aber auch die Sorge um die Funktionsfähigkeit von Gesellschaft und Wirtschaft, etwa dass Airlines, Krankenhäuser und andere Unternehmen lahmgelegt werden könnten, habe eine Rolle bei der Entscheidung zu den neuen Empfehlungen gespielt. Am Mittwoch ergänzte das CDC dann seine Leitlinien, lenkte teilweise ein: Wenn möglich und wenn man es wolle, solle man am Ende der fünf Tage einen Schnelltest machen.

Das Politmagazin »Politico« urteilt, das Weiße Haus habe eine Strategie der Eindämmung aufgegeben, zugunsten eines bloßen Managements, der möglichst günstigen Verwaltung der Pandemie also. Der Grund: Viele Amerikaner sind pandemiemüde. Im Kleinstadt-Amerika abseits liberaler Großstädte sind Masken kaum noch präsent. Pandemiemüdigkeit zeigte sich auch bei den Wahlen in New Jersey und Virginia im November, wo die Partei besonders die Wut der Wähler über lange Schulschließungen zu spüren bekam. Auch wenn ein Teil der Parteibasis weiter der Parole »Follow the Science« anhängt, also auf die Wissenschaft hört und Eindämmungsmaßnahmen unterstützt, teils gar quasi-religiös-gründlich selbst befolgt: Immer mehr Politiker sind dazu nicht mehr willens und betonen – ähnlich wie viele gewählte Offizielle in Deutschland – Schulschließungen unbedingt vermeiden zu wollen.

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Die Demokraten-Bürgermeisterin von Chicago, Lori Lightfoot, etwa liegt dieser Tage mit der lokalen Lehrergewerkschaft im Clinch, die angesichts gescheiterter Verhandlungen über Covid-Sicherheitsmaßnahmen dafür gesorgt hat, dass der Schulbetrieb im der drittgrößten Stadt des Landes am Mittwoch und Donnerstag ausfiel. Lightfoot nannte das einen »illegalen, einseitig erklärten Streik«. Die Gewerkschaft beklagt, der bis zur Einigung geplante Remote-Unterricht werde von der Stadt sabotiert. Doch auch andernorts kommt es – ob gewollt oder nicht - zu Schulschließungen. In den öffentlichen Schulen Philadelphias etwa fiel rund die Hälfte des Schulbetriebs aus – wegen des hohen Krankenstands unter den Lehrern.

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