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Oft ein Fall von Selbsthilfe

Marleen Thürling hat untersucht, wie Bürger mit Genossenschaften das Leben in ihrem Wohnort organisieren

  • Von Interview: Peter Streiff
  • Lesedauer: 6 Min.

Immer mehr Bürger*innen schließen sich zusammen, um mit dem genossenschaftlichen Modell die Versorgung auf dem Land und in den Städten in die eigenen Hände zu nehmen. Bei Ihrer Untersuchung für die Jahre 2005 bis 2018 haben Sie eine »Gründungswelle« von Genossenschaften festgestellt. Welche Ursachen gibt es dafür?

Ungefähr seit Anfang der 2000er Jahre beobachten wir eine Trendwende und ein zunehmendes Interesse an der Genossenschaft als Unternehmensform. Die Genossenschaft bietet eine Alternative zum profitgetriebenen Wirtschaftsmodell des Kapitalismus, das spätestens seit der Finanzkrise in 2009 zunehmend in der Kritik steht. Und die Frage nach gangbaren Alternativen stellt sich ja mit der Klimakrise umso dringlicher. Die Genossenschaft ist die einzige Unternehmensform, die nicht dem Gewinn verpflichtet ist, sondern der Förderung ihrer Mitglieder. Das muss Gewinne nicht ausschließen, die sind aber kein Selbstzweck, sondern dienen gewissermaßen dem gemeinsamen Ziel der Genoss*innen.

Zum anderen spricht man bei Genossenschaften auch von »Kindern der Not«. Denn historisch hat die Selbsthilfe immer dann eine große Rolle gespielt, wenn sich gesellschaftliche Probleme nicht auf anderen Wegen lösen ließen, zum Beispiel mit gewerkschaftlichen Arbeitskämpfen oder politischen Mehrheiten. Ausgehend von diesen Dynamiken würde ich schon sagen, dass es gegenwärtig zu einer Erneuerung des Genossenschaftswesens kommt, übrigens auch in anderen Ländern. Mittlerweile ist jede vierte Genossenschaft in Deutschland eine Neugründung.

Sie haben Gründungen im Bereich der Daseinsvorsorge untersucht. Was sind das für Genossenschaften und was charakterisiert diese Neugründungen?

Der Begriff der Daseinsvorsorge umfasst all die Einrichtungen und Dienstleistungen, die für ein gutes Leben und gesellschaftliche Teilhabe nötig sind. Also gewissermaßen das Fundament für unser Zusammenleben - auf dem Land, aber auch im urbanen Raum. Dazu zählen die Nahversorgungsangebote, Infrastrukturen für Betreuung und Pflege wie auch Einrichtungen für Kunst und Kultur, Sport und Freizeit und der öffentliche Nahverkehr.

Wir können feststellen, dass in den vergangenen 20 Jahren an vielen Orten in Deutschland Genossenschaften gegründet wurden, um solche Einrichtungen und Dienstleistungen in Eigenregie zu übernehmen. Das sind in der großen Mehrheit Gründungen, die aus der Not heraus entstanden, um eine Versorgungslücke zu schließen. Die Bürger*innen werden hier selbst aktiv, weil es sonst niemand macht. Das Besondere daran ist, dass es sich um Genossenschaften handelt, die ein Gemeingut bereitstellen. Das heißt, die Leistung steht nicht nur den Mitgliedern, sondern allen Einwohner*innen zur Verfügung. Für viele Aktive ist ein handlungsleitendes Motiv für den Zusammenschluss ganz wichtig: Die Lebensqualität der Menschen vor Ort soll verbessert werden. Deshalb spreche ich hier analytisch auch von »gemeinwesenorientierten« Genossenschaften.

Können Sie für den Bereich ein Beispiel skizzieren?

Klassisches Beispiel ist der Dorfladen. Der letzte Laden im Ort muss schließen, weil es sich privatwirtschaftlich einfach nicht rechnet, weil es zu viele günstigere Angebote im Umkreis gibt und die meisten Menschen ihre Einkäufe mit dem Auto erledigen. Damit bricht aber häufig nicht nur die letzte Einkaufsmöglichkeit für diejenigen weg, die weniger mobil sind, sondern auch ein sozialer Ort für die Dorfgemeinschaft, wo man sich trifft, Kontakte pflegt und teilhaben kann.

Genau hier setzen dann die Bürger*innen an, die das nicht hinnehmen wollen und mit viel Mut, Durchhaltevermögen und der Mobilisierung eigener Ressourcen eine Lösung auf den Weg bringen. Häufig muss die Kommune erst noch von dem Vorhaben überzeugt werden. Die braucht es aber, um Bebauungspläne, Förderanträge und die breite Unterstützung in der Bevölkerung zu gewinnen.

Wer gründet solche gemeinwesenorientierten Genossenschaften? Gibt es einen Gründer*innentyp?

Das sind oft Leute, die zum Beispiel selbstständig sind oder in der freien Wirtschaft gearbeitet haben, das heißt, die sich auch ein gewisses unternehmerisches Risiko zutrauen. Und es braucht eine Gruppe von Menschen, die das gemeinsam voranbringen wollen und im Ort anerkannt, am besten verwurzelt sind. Die Überzeugungsarbeit vor Ort ist wichtig, damit sich die Menschen eingebunden fühlen und die Genossenschaft gemeinschaftlich tragen.

Lassen sich aufgrund Ihrer Untersuchungen günstige bzw. unterstützende Bedingungen für gemeinwesenorientierte Genossenschaften benennen?

Ich habe mir angeschaut, wie viele Genossenschaften sich in welchen Bereichen und wo gegründet haben. Und dabei zeigen sich ganz klar regionale Unterschiede: Die meisten Genossenschaften gründen sich eher in den Regionen, die im Hinblick auf ihre demografische und soziale Lage gut aufgestellt sind. Das heißt, sie sind im Vergleich weniger von Überalterung und Abwanderung betroffen, das Durchschnittseinkommen ist höher und die Arbeitslosigkeit geringer. In den Regionen, in denen die Herausforderungen da größer sind, gründen sich seltener solche Genossenschaften. Das ist ein Zusammenhang, den man so durchaus erwarten konnte.

Es ist aber eben auch wichtig zu zeigen, dass die Gründung dieser Genossenschaften kein Automatismus ist und nicht überall dort, wo der Handlungsdruck groß genug ist, Problemlösungen quasi »von selbst« entstehen. Die Ergebnisse der Befragung, die ich im zweiten Schritt durchgeführt habe, zeigen, dass die Genossenschaften nur mit viel ehrenamtlichem Engagement und zum Teil auch hohen Risiken auf den Weg gebracht werden können und dass es dafür eine stärkere Unterstützung braucht, als das bislang der Fall ist. Zumal es keine Erfolgsgarantie gibt. Denn die Zahlen zeigen auch, dass sich jede siebente dieser Genossenschaften nach einiger Zeit wieder auflöst.

Gibt es Überschneidungen zwischen dem Angebot von Genossenschaften und der Daseinsvorsorge der Kommunen?

Ja, die gibt es, und deshalb finde ich es auch nicht so leicht, diese Dynamik ausschließlich positiv zu bewerten. Denn wenn eine Kommune keine Mittel mehr hat, um das öffentliche Schwimmbad zu finanzieren und die Schließung droht, dann ist es natürlich dankbar, wenn die Bürger*innen das in Eigenregie und in ihrer Freizeit unentgeltlich übernehmen. Das wird aber langfristig nicht funktionieren und das zeigen die Ergebnisse der Untersuchung auch. Diese Bürgergenossenschaften übernehmen Aufgaben, die im öffentlichen Interesse sind, deshalb braucht es auch eine öffentliche Mitverantwortung. Dafür sind die Mitglieder in der Genossenschaft durchaus sensibel. Wenn sie das Gefühl haben, die Kommune zieht sich aus der Verantwortung, finden sich langfristig keine neuen Engagierten, die das Projekt weitertragen wollen. Die Leute sind nur dann ehrenamtlich tätig, wenn sie es gerne machen und ihr Engagement als sinnstiftend erlebend. Dafür braucht es einen gesicherten Rahmen und ein solides Geschäftsmodell. Die Genossenschaft bietet dafür das rechtlich passende Korsett. Aber auch in genossenschaftlichem Eigentum wird das Schwimmbad nicht zum Profit Center, um hier mal einen der befragten Genossenschaftsvorstände zu zitieren.

Mit welchen Maßnahmen könnte in Zukunft die Gründung weiterer solcher Genossenschaften unterstützt werden?

Es braucht eine flächendeckende Gründungsförderung für solche Genossenschaften. Auf Länderebene gibt es das teilweise schon in Bayern oder Niedersachsen. Wichtig wäre es, auch die Kommunen stärker in die Lage zu versetzen, solche Vorhaben aus der Bürgerschaft zu unterstützen, sowohl rechtlich als auch finanziell. Das ist wichtig, denn sonst verstärken sich die regionalen Unterschiede weiter.

Und es fehlt insgesamt an Sichtbarkeit und Beratungsangeboten für diese Modelle, da könnten Interessierte und Gründer*innen viel stärker begleitet werden. Genau zu diesen Punkten haben wir gemeinsam mit der Organisation Innova eG eine Studie für das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie erarbeitet, die voraussichtlich im Februar veröffentlicht wird. Darin untersuchten wir die Chancen und Entwicklungspotenziale von Bürgergenossenschaften in den neuen Bundesländern. Ich würde mir sehr wünschen, dass die Ergebnisse auf der politischen Ebene aufgegriffen werden und es Bürger*innen künftig leichter haben, ihre guten Ideen in die Tat umzusetzen.

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