Russisch Roulette im Klassenzimmer

Angesichts der explodierenden Infektionszahlen wächst die Kritik am starren Corona-Stufenplan für die Berliner Schulen

  • Von Rainer Rutz
  • Lesedauer: 4 Min.
Omikron rauscht durch die Schulen, da hilft auch kein Coronatest: An immer mehr Berliner Schulen sind die Größen der Klassenverbände vor Ort bereits drastisch geschrumpft.
Omikron rauscht durch die Schulen, da hilft auch kein Coronatest: An immer mehr Berliner Schulen sind die Größen der Klassenverbände vor Ort bereits drastisch geschrumpft.

Die Infektionszahlen in Berlin gehen durch die Decke – auch an den Schulen. Wo auch immer man sich umhört: Überall wandern Kinder und Jugendliche nach einem positiven Coronatest reihenweise in Quarantäne; Gruppen werden geschlossen, mitunter sitzt mehr als ein Viertel der Klasse zu Hause. Sowohl Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey als auch Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse (beide SPD) bleiben jedoch bei der einmal ausgegebenen Parole für die Schulen: Weiter so!

»Für viele Eltern fühlt es sich wie russisches Roulette an, ihre Kinder morgens in die Schule zu schicken«, sagt der stellvertretende Linksfraktionschef Tobias Schulze am Donnerstag im Plenum des Abgeordnetenhauses. Trotz aller Luftfilter, trotz der Coronatests dreimal die Woche, trotz der Maskenpflicht: »Der Omikron-Welle sind unsere Bildungseinrichtungen nicht gewachsen«, so Schulze.

Die Linksfraktion bekräftigt auch deshalb noch einmal ihre Forderung, die Präsenzpflicht an den Schulen für eine gewisse Zeit erneut auszusetzen, um Eltern die Möglichkeit zu geben, ihre Kinder vor Ansteckungen in der Schule zu schützen. »Wir brauchen auch die Möglichkeit, die Schulen schnell in den Wechselunterricht zu schicken«, so Schulze weiter. Denn: »Es geht darum, Komplettschließungen zu verhindern.«

Viele befürchten, dass es genau darauf hinauslaufen könnte, sollte die Bildungsverwaltung an ihrer bisherigen Politik festhalten. Die Sieben-Tage-Inzidenz in den Altersgruppen der Mittel- und Oberschüler hat mit Werten zwischen 1700 und 1800 inzwischen erschreckende Höhen erreicht. Nicht viel besser sieht es bei den Grundschülern aus, die erst seit Dezember geimpft werden können. Auch in dieser Altersgruppe lag die Inzidenz am Donnerstag bei rund 1330. »Wir erwarten, dass es in den nächsten Tagen über 2000 geht. Deshalb muss es jetzt weitergehende Maßnahmen geben«, sagt die Bildungsexpertin der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus, Franziska Brychcy, zu »nd«.

In die Kritik gerät bei alldem erneut der seit den Sommerferien gültige Corona-Stufenplan für die Schulen der Bildungsverwaltung. Dem Plan zufolge regelt das jeweilige Gesundheitsamt in Absprache mit der Schulaufsicht einmal pro Woche, ob eine Schule in der Folgewoche vom Präsenz- in den Wechselunterricht geht oder umgekehrt. »Das ist irre«, sagt Linke-Politikerin Brychcy. Schließlich hätten die Gesundheitsämter auch unabhängig davon »längst die Hände gehoben«, weil sie schon mit der Kontaktverfolgung nicht mehr hinterherkommen.

Und so absurd es angesichts der täglich neu explodierenden Infektionszahlen klingt: Aktuell stehen sämtliche Berliner Schulen auf der »Alles in bester Ordnung«-Stufe Grün. Entschieden wurde das am vergangenen Donnerstag. Brychcy sagt, problematisch sei vor allem, dass die Lagebeurteilung nach wie vor im Wochenrhythmus aktualisiert wird. »Das ist viel zu schwerfällig. Wir brauchen an dieser Stelle eine Flexibilisierung«, fordert die Linke-Politikerin. Es gelte jetzt, rasch umzusteuern. »Der Übergang in den Wechselunterricht muss leichter werden. Es muss ermöglicht werden, dass sich die Schulleitungen zusammen mit der Schulaufsicht tagesaktuell auf einen entsprechenden Wechsel verständigen können.«

Bloß nicht die Schulleitungen allein entscheiden lassen, heißt es dagegen von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Berlins GEW-Chef Tom Erdmann plädiert zwar ebenfalls dafür, »dass die Schulen selbst entscheiden können, ob sie sicherheitshalber mal eine Woche in den Wechselunterricht gehen«. Allerdings solle diese Entscheidung mit der Schulkonferenz ein demokratisches Gremium fällen. »Die Interessen der Schulleitung sind schließlich nicht immer deckungsgleich mit denen der Beschäftigten, der Eltern und der Schüler«, sagt Erdmann zu »nd«.

Auch von der Aufhebung der Präsenzpflicht hält der Gewerkschafter wenig. »Da schwingt die Erwartungshaltung mit, dass die Schüler online zu Hause unterrichtet werden. Das ist nicht praktikabel.« Die Personaldecke an den Schulen gebe aufgrund des Krankenstands bei den Lehrkräften die Durchführung von Präsenz- und Hybridunterricht derzeit nicht her. »Ehe man die Präsenzpflicht aufhebt, sollte man sich entscheiden, in den Wechselunterricht zu gehen«, sagt Erdmann.

Die Bildungsverwaltung, aber auch Senatschefin Franziska Giffey – die zuletzt immer wieder das Wort in der aktuellen Schuldebatte ergriffen hat – lassen bislang nicht erkennen, dass sie an den geltenden Regelungen in Sachen Präsenzunterricht und Anwesenheitspflicht rütteln werden. »Wir wollen, dass die Schulen aufrechterhalten bleiben«, hatte Giffey am Dienstag ihre Position etwas radebrechend wiederholt. Bei einem eingeschränkten Schulbetrieb stelle sich, so Giffey, ja auch die Frage, »wie wir eigentlich unsere kritische Infrastruktur aufrechterhalten wollen, wenn wir den Eltern keine Kinderbetreuung gewährleisten«.

Womit die Regierende zwar nicht ganz Unrecht hat. Dennoch hat der Fokus auf die Betreuungsfrage im Schulorbit für massive Irritationen gesorgt.

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