Okay, aber nur so mittel

An den Schulen geht die Sorge vor einer Omikron-Wand nach den Ferien um

  • Von Rainer Rutz
  • Lesedauer: 4 Min.

»Da ist jetzt schon wieder so ein neues Virus, aus Indien«, sagt Maike. »China oder Japan«, sagt Hannah. Und dann verhaken sich die beiden Neunjährigen auch schon gut gelaunt laut in der Frage, ob das nun alles Nachbarländer sind oder nicht und ob die Omikron-Virusvariante nicht doch ganz woanders herkommt. Die zwei Freundinnen sind aufgedreht an diesem Weihnachtsferientag.

Hannah und Maike, deren Eltern die richtigen Namen ihrer Kinder nicht in der Zeitung lesen wollen, besuchen die Hunsrück-Grundschule in Kreuzberg. Zum Schuljahresanfang im August hatte »nd« die Drittklässlerinnen schon einmal getroffen. Auf die Frage, was sie sich für das neue Schuljahr wünschen, hatte Hannah damals erklärt: »Auf jeden Fall nicht noch mal diese Quarantäne.«

Natürlich passierte nur wenige Wochen nach Schuljahresbeginn genau das: eine Woche Quarantäne für die komplette Klasse. Bei Maike wurde danach noch eine Zusatzwoche draufgepackt: »Ich war bei einem Freund, der hatte Corona, und irgendwie hatte dieses Staatsbeamte-Irgendwas-Ding das herausgefunden und dann musste ich weiter in Quarantäne bleiben. Das war mega doof.«

Sieht man von diesen Quarantänewochen und dem »ständigen« Lüften der Klassenräume ab, sei die Zeit seit dem Ende der Sommerferien aber »ganz okay« gewesen, sagt Hannah. »Ja, okay, aber nur so mittel«, bestätigt Maike. Auf jeden Fall besser als das Schuljahr davor mit seinen langen Phasen des Wechsel- und Distanzunterrichts, darin sind sich die beiden einig.

»Es ist beim Umgang mit Corona etwas Routine reingekommen in den Schulalltag«, sagt auch der Pankower Elternvertreter Marco Fechner. Trotzdem sei bei vielen Eltern und ihren Kindern, aber auch den Lehrkräften »die Luft gerade mal wieder ziemlich raus«. Die Ankündigung der Senatsbildungsverwaltung, dass nach den Weihnachtsferien im Grunde weiterhin voller Lernspaß in vollen Klassen garantiert sein soll, habe ihr Übriges dazu beigetragen. Fechner nennt das Schreiben »sehr sportlich«.

Wie berichtet, hatte die Bildungsverwaltung den Schulleitungen am Mittwoch mitgeteilt, dass in Berlin auch nach dem Ende der Ferien am Präsenzunterricht festgehalten wird. Garniert war das Schreiben mit dem Hinweis, die Kollegien mögen sich doch bitte darauf vorbereiten, dass es mit der zu erwartenden Durchschlagskraft der neuen Omikron-Virusvariante im Januar zu verstärkten Personalengpässen kommen könnte.

»Es gibt jetzt ein gespanntes Abwarten«, sagt der Vater von zwei Kindern mit Blick auf die ersten Schulwochen im neuen Jahr - aber auch mit Blick auf das Agieren der neuen Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse (SPD). Die langjährige Leiterin einer Neuköllner Grundschule verfüge zwar über sehr viel Erfahrung im Umgang mit Kindern. Aber in der Führung eines Mammutressorts wie der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie mit seinen komplizierten Entscheidungsstrukturen? Das Hickhack mit den Bezirken gar nicht eingerechnet. »Alle schauen, wie sich das mit der neuen Spitze entwickelt«, sagt Fechner zu »nd«.

Schulen offen halten um jeden Preis oder dicht machen? Fechner sagt, er würde sich wünschen, dass man etwas differenzierter an die Frage herangeht. »Im Oberschulbereich ist es deutlich einfacher, eine Fernbeschulung zu organisieren als in der Grundstufe. Es macht einen Unterschied, ob es um eine Sechsjährige geht oder einen 18-Jährigen.« Allein die Frage der Betreuung durch die Eltern sei eine komplett andere. Er plädiert dafür, dass man die Entscheidung für einen Unterrichtsmodus - Präsenz-, Wechsel- oder Distanzunterricht - den Schulen selbst, genauer: den Schulkonferenzen überlässt.

Claudia Engelmann, Bildungs- und Jugendpolitikerin der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus, kann die am letzten Unterrichtstag vor den Ferien ausgegebene Weiter-so-Parole der Bildungsverwaltung nicht fassen. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass das auch nur ansatzweise gut geht«, sagte Engelmann vor wenigen Tagen zu »nd«. Das laufe auf eine »Durchseuchung der Schulen« hinaus. »Dabei gehen die Lehrerinnen und Lehrer, die Erzieherinnen und Erzieher schon alle auf dem Zahnfleisch.«

Die Linke bleibe bei ihren Forderungen für die erste Zeit nach den Ferien: »Es hätte schon vor den Ferien ein Szenario geben müssen, dass der Präsenzunterricht ausgesetzt wird«, so Engelmann. Auch, dass die Verwaltung sich derart »beinhart« weigere, die Präsenzpflicht auszusetzen: »Das habe ich nicht verstanden und verstehe es auch weiter nicht.«

Den Kreuzberger Grundschülerinnen Hannah und Maike graust etwas vor der Vorstellung, dass es bald wieder Wechsel- oder Distanzunterricht geben könnte. »Also ich fand das schrecklich«, sagt Maike. Dann lieber eine Verlängerung der Ferien, wie vom Robert-Koch-Institut empfohlen? Lautstarker Jubel. Was auch sonst.

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