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Er wollte anders sehen lernen

Der große Unzeitgemäße: Vor 100 Jahren wurde Franz Fühmann geboren

  • Von Gunnar Decker
  • Lesedauer: 7 Min.
Fühmann war ein gewichtiger Autor, der dennoch oder gerade deswegen kaum noch gelesen wird. Hier gezeichnet von Herbert Sandberg
Fühmann war ein gewichtiger Autor, der dennoch oder gerade deswegen kaum noch gelesen wird. Hier gezeichnet von Herbert Sandberg

Jetzt ist, nach all den Schmähreden, wieder die Stunde der Festredner. Franz Fühmanns 100. Geburtstag eignet sich gut dafür, denn er ist schon 1984 gestorben. Dadurch entging er 1990 dem großen Scherbengericht des Westfeuilletons über die DDR-Literatur, in dem von Christa Wolf, Heiner Müller, Stefan Heym bis Stephan Hermlin alle bis eben noch hofierten reformsozialistischen Autoren über Nacht zu »Staatsdichtern« erklärt wurden, deren Werke nicht ins Bücherregal, sondern in den Mülleimer gehörten.

Jetzt also Fühmann, ein Autor, der in einem sowjetischen Kriegsgefangenenlager vom fanatischen Nazi zum Antifaschisten wurde, jedoch in den 50er Jahren ein betonharter Stalinist war (als hauptamtlicher Funktionär im Parteivorstand der Blockpartei NDPD), sich aber auch davon befreite und zum Kritiker der DDR wurde, fast ein Dissident (aber eben nur fast). Man kann dafür das Schlüsselwort »Wandlung« gebrauchen und fertig ist der - mit gehöriger Verspätung - in den gesamtdeutschen Kanon hinübergerettete Autor.

Doch sein Weg von der »Doktrin zur Dichtung« meint mehr als dies. In seinem für mich bis heute schönsten Buch, dem Ungarn-Reisetagebuch von 1973 »Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens«, heißt es: »In meinem Nachruf wird einst stehen: Er hat viel Bücher und Obst geschleppt.« Das spielt auf seine äußere Gestaltwandlung an, jene Hungerkur Ende der 60er Jahre, bei der er sich - Extremist, der er blieb, vor allem sich selbst gegenüber - mehrere Dutzend Kilo herunterhungerte, jenes Funktionärsfett aus Buffethappen und Wodka, das ihn krank gemacht hatte, vor dem er sich ekelte. Danach musste man ihm die leeren Hautlappen wegschneiden. Fortan fuhr er Fahrrad, und gegen den Hunger trug er Äpfel mit sich.

Er wollte anders sehen lernen, anders schreiben. Setzte sich dafür dem strengsten aller möglichen Urteile aus: seinem eigenen. Bis zu seinem Lebensende blieb gültig, was er in »Zweiundzwanzig Tage« notierte: »Meine vergeblichen Versuche (waren es überhaupt Versuche, war es nicht vorerst nur ein Wunsch, ein Verlangen, ein Ziel), das zu beschreiben, was man Wandlung nennt!«

Nach der Niederschlagung des »Prager Frühlings« 1968 kannte er keine Genossen mehr, kein Wir, sondern nur noch das widerständige Ich, das sich nicht von politischen Notwendigkeiten und falschen Tagesaktualitäten mehr die mühsam gefundenen Worte abhandeln lässt. Er wusste sich von allen Gewissheiten verlassen, nur von einer nicht: »Das Schlimmste ist jene Mittelmäßigkeit, die alles in gleichen Brei verwandelt.«

Sprache ist für ihn die Welt, die er bewohnt. Am Ende wird sie sein Exil - denn DDR und BRD schienen ihm gleichermaßen deutsche Holzwege zu sein. Der Dichter seines Lebens, Georg Trakl, hatte es ausgesprochen: »Der Wahrheit nachsinnen, viel Schmerz«. Das blieb so bis zu seinem Tod 1984. Auf seinem Platz in der spartanischen Klause in Märkisch-Buchholz hatte er ausgehalten und sich, auf den Spuren von E. T. A. Hoffmann, in ein bodenloses Bergwerksprojekt verschanzt, von dem nur ein Fragment blieb. Er wohnte in der Sprache - und wem der Unterschied zwischen »Worten« und »Wörtern« unwichtig schien, den konnte er nur bemitleiden. Aber er suchte auch die Nähe zu geistig Behinderten, so in den Samariteranstalten Fürstenwalde. Er tat es, um von ihnen zu lernen. Denn jeder noch so beeinträchtigt Lebende hatte für ihn etwas Besonderes.

Fühmann wurde am 15. Januar 1922 in Rokytnice nad Jizerou im Riesengebirge geboren. Heute redet man wieder seine Aktualität herbei, dabei ist er der große Unzeitgemäße. Und ich denke an die Literaturredakteurin einer überregionalen Zeitung, die mich fragte, wer denn dieser Fühmann, von dem sie noch nie etwas gehört habe, überhaupt sei. Das sind die Realitäten im Literaturgeschäft, auf die auf einer bestimmten Ebene immer alles hinausläuft. Fühmann - ein gewichtiger Autor, der dennoch oder gerade deswegen kaum noch gelesen wird. Sein Werk ist ein Kosmos, das auf den passionierten Leser wartet, der beim Lesen etwas erwartet, der Erfahrungen machen will, die ihn in Widerspruch zu sich selbst bringen.

Den Rückzug auf die Romantik nach der Biermann-Ausbürgerung 1976 teilt er vor allem mit Christa Wolf. Über die Gegenwart, so wissen beide nun, kann man nur noch über den Umweg der Geschichte schreiben - oder auch jener Schattenreiche der Fantasie, wie sie die Romantik kultivierte. Romantik als Rückzug des Künstlers auf die Kunst selbst, resultiert aus gesellschaftlichen Enttäuschungen; aber sie forciert auch die eigenen ästhetischen Mittel bis hin zur Avantgarde. Bei Christa Wolf etwa anhand von Kleist in »Kein Ort nirgends« oder in schwesterlicher Annäherung an Karoline von Günderrode. Lauter Dichter in der Not ihres Sagens. Christa Wolf blieb Fühmann immer nah, und es ist ein geistverwandter Satz, den sie über den Freund nach seinem Tod sagte: »Nicht jeder Konflikt ist jedem Menschen zu jeder Zeit lösbar.« (Der Aufbau-Verlag hat nun dankenswerterweise das erhellende Briefgespräch zwischen ihnen, »Monsieur - wir finden uns wieder«, in erweiterter Fassung neu aufgelegt.)

Fühmann hatte im Rostocker Hinstorff-Verlag bereits 1963 mit »Das schlimme Jahr«, später unter dem Titel »Barlach in Güstrow« erschienen, mit Ernst Barlach einen Künstler in den Fokus gerückt, der ganz und gar nicht zum »sozialistischen Realismus« naturalistischer Prägung passte und der zwischen Kunst und Religiosität ebenso Brücken baute wie zwischen Kunst und Groteske. Das Unheimliche, das Schreckliche, Böse und Hässliche - es gehört ebenso zum Menschen wie das Erhabene, Gute und Schöne. Es ist wie die Tag- und die Nachtseite unserer Existenz.

Mitte der 70er Jahre ist es E. T. A. Hoffmann, anhand dessen Fühmann den Weg zur klassischen Moderne geht. Im Januar 1976 hält er einen Vortrag über Hoffmann in der Akademie der Künste, in dem er eine Neubewertung der Romantik vornimmt - etwas, das etwa Peter Hacks dazu verführen wird, mit diesem Vortrag den Beginn des »Staatsstreichs« der »Fronde« gegen die DDR zu datieren. Aber im Grunde unternimmt hier Fühmann nichts anderes, als an die Prager Kafka-Konferenz von 1963 anzuschließen, die einen ersten Blick in die dunklen Schatten unserer Existenz, auch der im Sozialismus, zu werfen wagte.

In seiner Akademie-Rede äußert sich Fühmann überaus umsichtig jenem Theoretiker gegenüber, der mit seiner »Zerstörung der Vernunft« eine Linie des Irrationalismus vom späten Schelling über die Romantik und Nietzsche zu Hitler gezogen hatte. Fühmann sagt, er lese die Romantiker »fasziniert und sogar ohne schlechtes Gewissen, dem Verdikt eines Mannes zuwiderzuhandeln, den ich nach wie vor als Autorität und trotz krasser Fehlurteile als einen der bedeutendsten Philosophen des Jahrhunderts verehre und den ich gerade in dieser Hinsicht bis in die Arbeit hinein ernst genommen habe, also meines Lehrers Georg Lukács«.

Wie sollen wir uns die »Scheinformen des Seins« denn vorstellen, von denen Marx als Folge des Ware-Wert-Verhältnisses schrieb? »Hoffmanns Gespenster entstammen dem Leben, das Gespenstische seiner Erzählungen ist jene Erfahrungsrealität des Daseins, die das Räderwerk der Wissenschaft mit dem Wort ›Gespenster‹ sicher nicht fasst.«

Fühmann war seinem Naturell und Talent nach vor allem ein grandioser Essayist, ein Vermittler von Geist und Dichtung, der sich anhand des Vorläufigen des Fragments immer selbst beobachtete, selbst befragte. Sein großer Trakl-Essay von 1982 steht einmalig in der deutschen Literaturlandschaft, aber auch sein spätes Fragment »Im Berg«. Vor allem lese man erstmals oder wiederholt Fühmanns »Zweiundzwanzig Tage«, diesen Tabubruch in der DDR-Literatur, ein Buch aus lauter Bruchstücken, hinreißend scharf gedacht und brillant formuliert. Vergleichbar etwa mit Pessoas »Buch der Unruhe«.

Da geht einer, 50 Jahre alt, durch Budapest, von Grippefieber geschüttelt, das er anfangs zu ignorieren versucht. Aber das funktioniert nicht. Selbst krank denkt er über das Gesunden nach und vermeldet schließlich: »Genesung: voll klappriger Hoffnung auf wackligen Beinen.« Ein Buch zur Pandemie ohnehin, aber auch eines, das gegen jenen ideologischen Virus immunisiert, der Sprache wie eine technische Funktion benutzen will, die man nach Belieben handhabt.

Das eben stimmt nicht: Das humane Vermögen der Sprache liegt in ihrer zu schützenden Eigengesetzlichkeit - so nachzulesen bei Fühmann in seinem legendären Aufsatz von 1974 »Das mythische Element in der Literatur«.

Von Gunnar Decker ist im Hinstorff-Verlag die Fühmann-Biografie »Die Kunst des Scheiterns« erschienen.

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