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»Gestaltung ist Kultur«

Erika, Simson, Wartburg: Karl Clauss Dietel prägte das Design der DDR. Anfang des Jahres ist er gestorben

  • Von Bernd Havenstein
  • Lesedauer: 6 Min.
Mit Erika schrieb jeder: Als Produktdesigner gestaltete Karl Clauss Dietel auch mehrere Reihen der berühmten Schreibmaschine.
Mit Erika schrieb jeder: Als Produktdesigner gestaltete Karl Clauss Dietel auch mehrere Reihen der berühmten Schreibmaschine.

Als ob es ein Zeichen gewesen wäre, dass mir diese Schreibmaschine - sinnbildlich gesprochen - nur wenige Wochen später erneut über den Weg laufen würde: Bei einem Urlaub auf Mallorca im Oktober besuchte ich in der Stadt Arta das dortige Informationszentrum und fand in einer Ecke mit Informationsmaterial eine als dekorativer Blickfang abgestellte Erika-Schreibmaschine. Gestaltet von Karl Clauss Dietel.

Noch im Juni letzten Jahres war in seiner Heimatstadt Chemnitz seine große Personalausstellung »simson, diamant, erika« eröffnet worden. Am 30. September führte er eine Gruppe Besucher durch die Ausstellung und präsentierte abends mit dem Autor Walter Scheiffele das Buch »Karl Clauss Dietel. Die offene Form«.

Mit Dietel verlässt ein Akteur und Zeitzeuge die Welt, der zur ersten Generation junger Diplom-Formgestalter der DDR gehörte und das Land mit seinen Produktentwürfen seit Anfang der 60er Jahre nachhaltig prägte. Karl Clauss Dietels Schaffen bezog sich nicht - wie der Name der Chemnitzer Ausstellung suggerieren könnte - nur auf Zweiräder aus dem Hause Simson, auf Schreibmaschinen der Marke Erika oder auf Fahrräder bzw. Flach- und Rund-Strickmaschinen der Firma Diamant. In etlichen ostdeutschen Haushalten dürften sich noch Rundfunkgeräte der Firma Hempel aus Limbach-Oberfrohna befinden: die Heliradiogeräte und Plattenspieler aus der rk-sensit-Reihe. Legendär das rk 5-sensit mit weißen Kugel-Lautsprechern, das ab 1969 produziert wurde! Seine baugebundenen Arbeiten und seine Lösungen für die Arbeitsumweltgestaltung (so etwa für die Harlaß-Gießerei) sind dagegen aus erklärlichen Gründen einem breiteren Publikum kaum bekannt, machten aber stets einen wichtigen Teil seiner schöpferischen Arbeit aus.

Legt man Dietels Passion für den Fahrzeugbau zugrunde, so müsste eigentlich ein Werbespruch der Firma Renault auf ihn bezogen werden: »Créateur d’automobiles«. Nach einem Studium an der Ingenieurschule für Kraftfahrzeugbau von 1953 bis 1956 schloss sich nahtlos das Studium an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst Berlin-Weißensee an, das er 1961 mit einer Diplomarbeit für eine moderne Pkw-Gestaltung beendete. Diese bildete die Grundlage für den Entwurf des neuen Wartburg 353, der aber dann wesentlich vom Werkkonstrukteur Hans Fleischer geprägt wurde. Beteiligt waren seine Kollegen Lutz Rudolph und Erich John für Fahrzeugdetails. Die zu damaliger Zeit in der Automobilwelt für Furore sorgenden Modelle 2 CV (Ente) von 1948 und DS 19 von 1955 des Herstellers Citroën inspirierten ihn in seiner weiteren Entwurfsarbeit immer wieder. So kann man an seiner Eins-zu-eins-Studie »Pkw-Innen-Bedienbereich« von 1976 noch immer die bei Citroën erdachte abgewinkelte Lenksäule entdecken.

Bei Renault begeisterte ihn das ab 1961 gebaute Modell R 4, ein Pkw in Kompaktbauweise, das heißt mit oben angeschlagener Heckklappe als fünfter Tür. Diese Konzeption für ein funktionales, familientaugliches Auto überzeugte ihn und war in all seinen späteren Pkw-Entwürfen für Zwickau und Eisenach beibehalten worden. Leider, zu großer Verbitterung führend, wurden diese Entwürfe nie produziert. Bis auf eine Ausnahme: Für die jeweils am 7. Oktober, dem Tag der Republik, stattfindende Militärparade der NVA wurden auf dem Chassis des Sachsenring P 240 zwei Muster des »Repräsentant« getauften Fahrzeugs gebaut. Eingesetzt wurden die Fahrzeuge allerdings nur einmal. Danach fuhr die Generalität wieder mit dem sowjetischen Tschaika. Ein Repräsentant befindet sich als Exponat im Militärhistorischen Museum Dresden.

Parallel zur Arbeit an neuen Mustern für Wartburg und Trabant entwickelte Dietel mit seinem Kollegen Rudolph diverse Fahrerhausentwürfe, um den Lkw W 50 aus Ludwigsfelde zu modernisieren. Ein erstes Modell 515 entstand 1964. Es wurde ein Erprobungsmuster gebaut, aber es kam nicht zur Serienproduktion. Am neuen Entwurf L 60 arbeiteten Konstrukteure und Gestalter ab 1973, denn 1980 sollte endlich der veraltete Lkw W 50 abgelöst werden. Eine Kleinserie von Erprobungsmustern mit der Bezeichnung F 225 mit neuem Fahrerhaus von Dietel wurde gebaut und ausgiebig auf den Straßen der Republik getestet. Jedoch zerschlug sich wegen mangelnder Investitionskraft der DDR erneut eine Serienproduktion. Ein Versuchsfahrzeug überlebte und steht perfekt restauriert im Ludwigsfelder Museum. Die Wiederauferstehung seines ersten Musters 515 von 1964 wird Dietel nun jedoch nicht mehr erleben. Das Fahrzeug stand jahrelang unter freiem Himmel auf dem Gelände des Flugplatzmuseums Cottbus und muss aufwendig restauriert werden.

Erfolgreicher war das Schaffen Dietels im Fahrzeugbau für den Bereich Zweiräder, egal ob Zschopau oder Suhl. Seine Motorräder MZ ETZ 125/150 und ETZ 250 sind noch heute auf den Straßen Deutschlands zu finden. Legendär wurden seine Entwürfe für das Simson-Werk in Suhl. Die Mokicks S 50 und der Motorroller SR 50 wurden in hohen Stückzahlen produziert. Beide Zweiräder erhielten in der DDR die Auszeichnung »Gutes Design«.

Mit dem S 50 realisierte Dietel sein »offenes Prinzip«. Je nach Weiterentwicklung in Technik und Technologie und je nach Änderungswunsch des Nutzers konnten und sollten einzelne Komponenten ausgetauscht werden, ohne dass sich die Gestaltqualität des Zweirads verschlechterte. Das S 50 ist heute das meistgefahrene Mokick in Deutschland. Ein Video zeigt Dietel, wie er mit seinem Pkw (kein deutsches Fabrikat - ein Renault!) zu einem Simson-Zweiradtreffen fährt und sich dort mit den Besitzern unterhält. Die allermeisten sind erst nach 1990 geboren und zeigen stolz ihre variierten Maschinen. Die Kamera fängt Dietels Lächeln ein. Schöner kann eine Bestätigung seiner Idee nicht ausfallen.

Dietels Credo lautete: »Gestaltung ist Kultur.« So brachte er in die Theoriedebatten seine Überlegungen zum »offenen Prinzip« oder zur »Patina des Gebrauchs« ein. Er war ein streitbarer Geist, wenn es um die Belange der Gestaltung und der seiner Berufskollegen ging. Von Beginn an freischaffend tätig, entzündete sich sein Ärger an der staatlichen Auftragslenkung, die vom Amt für industrielle Formgestaltung ausgeübt wurde. Das Amt wurde von seinem Designkollegen Martin Kelm geleitet, der ebenfalls das Design in der DDR voranbringen wollte, aber eher auf starke Gestaltungszentren in der Industrie setzte. Dietel empfand dies jedoch als Repression, trat als Vorsitzender der Sektion Kunsthandwerk/Formgestaltung zurück und wurde später vom MfS beobachtet.

Kelm und Dietel gehörten beide derselben Partei an. Dietel war Mitglied der SED-Bezirksleitung Karl-Marx-Stadt, zuletzt auch Vorsitzender des Verbands Bildender Künstler. Ausgezeichnet mit dem Designpreis der DDR 1984, Träger des Nationalpreises der DDR III. Klasse. Dennoch vermochte er selbst Jahrzehnte nach 1989 nicht, sich mit seinem einstigen Genossen und Design-Mitstreiter Kelm auszusprechen. Noch auf der abendlichen Buchpräsentation am 30. September 2021 unterstellte er Kelm - wahrheitswidrig -, seine Stellung nur durch Privilegien erhalten zu haben und ein Günstling von Politbüromitglied Günter Mittag gewesen zu sein. So bleibt ein Bedauern bei den Nachgebliebenen über seinen Tod hinaus, dass er diesen Ausgleich nicht gesucht hat.

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