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Die unwahrscheinliche Marionette in Kiew

Die Briten werfen Russland vor, ein Komplott in der Ukraine zu schmieden – doch die Details klingen reichlich unwahrscheinlich

  • Von Denis Trubetskoy, Kiew
  • Lesedauer: 4 Min.
Pro-europäische Parteien haben die Mehrheit im ukrainischen Parlament. London sieht russische Pläne, die das angeblich ändern wollen.
Pro-europäische Parteien haben die Mehrheit im ukrainischen Parlament. London sieht russische Pläne, die das angeblich ändern wollen.

In der Nacht von Samstag auf Sonntag überraschte das britische Außenministerium mit angeblichen Details zu der theoretischen Aufstellung der prorussischen Regierung der Ukraine, die Russland am Rande des aktuellen Truppenaufmarsches an der ukrainischen Grenze installieren könnte. »Falls Russland in die Ukraine einmarschiert und sie okkupiert, plant Russland die Installierung eines prorussischen Anführers«, heißt es in dem Statement, das auch von Washington aus unterstützt wurde. Als möglicher Kandidat wird der ehemalige Parlamentsabgeordnete, Anführer der kleinen Partei Naschi (»Unserige«) und Besitzer des Nachrichtensenders Nasch (»Unser«), Jewhenij Murajew, gehandelt. Dieser selbst hält den Plan allerdings für äußerst unwahrscheinlich.

Neben Murajew erwähnen die Briten vier ehemalige ukrainische Politiker, mit denen die russischen Geheimdienste angeblich Kontakte pflegen. Dabei geht es um den früheren Ministerpräsidenten Mykola Asarow, Ex-Vizepremier Serhij Arbusow, den ehemaligen Chef der Präsidialverwaltung des nach Russland geflohenen Präsidenten Wiktor Janukowitsch, Serhij Kljujew, sowie den vor kurzem auf die US-Sanktionsliste gesetzten Ex-Abgeordneten Wolodymyr Siwkowytsch. Diese Personen, die einst zu eher verfeindeten politischen Gruppen in der Umgebung von Janukowitsch gehörten, halten sich seit der Maidan-Revolution 2014 in Russland auf und spielen im ukrainischen Kontext keine Rolle mehr. Nur Asarow ist ständig im russischen Fernsehen präsent und kommentiert dort die ukrainische Politik.

Auch Jewhenij Murajew ist als Politiker in der Ukraine bis auf seinen Kiew-kritischen Nachrichtensender Nasch eher unbedeutend. Der 45-Jährige war früher Mitglied der Partei der Regionen um Janukowitsch und seit 2014 in mehreren vermeintlich russlandfreundlichen Politikprojekten aktiv, bis er seine eigene Partei Naschi gründete. 2018 sorgte er für eine Spaltung in der prorussischen Partei um den Politiker und Unternehmer Wiktor Medwedtschuk, die Oppositionsplattform heißt. Medwedtschuk ist ein enger Freund des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Es wird vermutet, dass Murajew sich deswegen seit Ende 2018 auf der Sanktionsliste Russlands befindet. »Seit 2018 bin ich unter den Sanktionen Russlands wegen des Konflikts mit Medwedtschuk. Die aktiven Konten meiner Familie sind dort eingefroren«, erklärte Murajew gegenüber der Nachrichtenseite Strana.ua. »Wie das damit zusammenpasst, dass Russland mich zum Chef der ›Okkupationsregierung‹ machen möchte, ist womöglich eine Frage an Mr. Bean.«

Prorussische Kräfte sind zerstritten

Murajew und sein Sender, der nach der Sperrung von drei Nachrichtensendern um Medwedtschuk im Februar 2021 an Bedeutung gewann, sind zwar mehrmals mit der Verbreitung von prorussischen Narrativen aufgefallen, der ursprünglich aus dem ostukrainischen Charkiw stammende Politiker hat sich in den letzten Jahren aber nicht nur mit Medwedtschuk, sondern mit fast allen bedeutenden Politikern aus dem auf Moskau ausgerichteten Spektrum zerstritten.

Das russische Außenministerium rief denn auch die Briten dazu auf, den »Schwachsinn« nicht mehr zu verbreiten: »Diese Desinformation ist ein weiterer Beleg dafür, dass die von den Angelsachsen angeführten Nato-Staaten für die Eskalation der Spannungen um die Ukraine verantwortlich sind.«

Auch ukrainische Reaktionen fallen skeptisch aus. »Die Informationen der Briten sind seriös, sie ohne Lächeln wahrzunehmen, ist aber schwierig«, schrieb die bekannte ukrainische Journalistin Chrystyna Berdinskych auf Twitter. »Dass Murajew fast als Hauptagent des Kremls gilt und Russland ihn an der Macht sehen will, zeigt, dass Putin sich mit seinen Kenntnissen über die ukrainische Politik im All befindet.« Der Kiewer Politologe Wolodymyr Fessenko, der Präsident Selenskyj nahe steht, neigt der These zu, dass die Informationen ihren Ursprung bei russischen Nachrichtendiensten haben: »Dies spiegelt auch die Konkurrenz unter verschiedenen prorussischen Gruppen in der Ukraine wider. In jedem Fall ist es aber eine gute Grundlage für den ukrainischen Inlandsgeheimdienst, sich mit Murajew zu beschäftigen.«

Putins wichtigster Mann in der Ukraine, Wiktor Medwedtschuk, befindet sich seit Mai 2021 unter Hausarrest. Ihm wird unter anderem wegen des angeblich illegalen Kohlehandels mit den von prorussischen Separatisten in der Ostukraine beherrschten Gebieten Hochverrat vorgeworfen. Medwedtschuks Partei Oppositionsplattform belegte bei der Parlamentswahl im Sommer 2019 den zweiten Platz – allerdings mit rund 13 Prozent weit abgeschlagen hinter der Partei Diener des Volkes des Präsidenten Selenskyj.

Nicht alle Parteiflügel gelten als ausschließlich moskautreu. Der formelle Chef Jurij Bojko gehört der Gasfraktion um den Oligarchen Dmytro Firtasch an. Außerdem sind die Umfragewerte der Oppositionsplattform seit der Abschaltung der Nachrichtensender um Medwedtschuk gefallen. Laut der Studie der unabhängigen Rating Group von Mitte Dezember 2021 würde sie auf 10,5 Prozent kommen. Murajews Partei Naschi käme nur auf 5,7 Prozent.

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