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Angriffe auf Frauen haben System

Dass der Historikerin Annika Brockschmidt ihre Kompetenz abgesprochen wird, ist Teil eines misogynen Systems, meint Veronika Kracher.

  • Von Veronika Kracher
  • Lesedauer: 3 Min.
Historikerin Annika Brockschmidt am 4. Januar 2022 bei Markus Lanz
Historikerin Annika Brockschmidt am 4. Januar 2022 bei Markus Lanz

Als der Springer-Verlag im Oktober 2021 die US-Mediengruppe »Politico« für mehr als eine Milliarde US-Dollar aufkaufte, zeigte sich die deutschsprachige Presselandschaft zu Recht besorgt. Denn mit dem Erwerb von »Politico«, das sich bis Oktober 2021 durch ausführliche Polit-Reportagen auszeichnete, kann der unter anderem durch Sozialchauvinismus oder das Ausschlachten des Privatlebens von Einzelpersonen bekannte Springer-Konzern seinen Einfluss in den US-amerikanischen Raum ausweiten.

Der Europakorrespondent von Politico, Matt Karnitschig, ist jedenfalls schon stramm auf Springer-Linie, zumindest was die Diffamierung unliebsamer Autorinnen angeht. Um sein investigatives Talent unter Beweis zu stellen, veröffentlichte er vor einigen Tagen eine Reihe kritischer Tweets zu dem Buch »Amerikas Gotteskrieger« der Historikerin Annika Brockschmidt. Sie hätte nicht auf Interview-Anfragen zu den Quellen ihres Werkes reagiert, wirft er ihr vor, und sei für ihre Recherche der Geschichte des christlichen Fundamentalismus in den USA gar nicht vor Ort gewesen. Karnitschig spricht außerdem über die breite und positive Rezeption von Brockschmidts Werk – und suggeriert so mit seinen Vorwürfen zu mangelnder Recherche, dass die Anerkennung unverdient sei. Er spricht der Historikerin somit ihre Kompetenzen ab.

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Diese stellte in einem kurzen Statement richtig, dass sie sich nicht einem Interview verweigert hätte, sondern das Gespräch aus Zeitgründen absagen musste. Außerdem betreibe sie als Historikerin Quellenarbeit, wie es alle Historiker*innen nun einmal tun. Und ein Überseeflug sei während einer globalen Pandemie vielleicht keine so gute Idee. Kurzum: Sie widerlegte sämtliche Vorwürfe Karnitischigs als haltlos und unverschämt.
Wäre Karnitischig ein halbwegs souveräner Journalist mit einem Funken Selbstreflektion, wäre ihm dieses Missverständnis unglaublich unangenehm, hätte er die Tweets gelöscht und sich entschuldigt. Gerade aufgrund der Tatsache, dass Karnitschigs Angriffe weiteren Attacken gegen Brockschmidt Tür und Tor geöffnet hatten, wäre eine Entschuldigung das Mindeste gewesen.

Doch die Angriffe etablierter Männer gegen junge, erfolgreiche – und oftmals linke – Frauen sind kein Ausrutscher, sondern haben System. Das heißt Misogynie und muss nach der Philosophin Kate Manne als Straf- und Kontrollsystem des Patriarchats verstanden werden. Misogynie wird gegen Frauen angewandt, die sich patriarchalen Anforderungen von Weiblichkeit verweigern. Hierzu zählt laut Manne auch das Einfordern »männlich codierter Güter« wie politische und wissenschaftliche Anerkennung oder eine Präsenz in der Öffentlichkeit.

Weiße, bürgerliche cis Männer haben oft ein gewisses Anspruchsdenken. Aufgrund der gesellschaftlichen Vormachtstellung sind sie es gewohnt, dass ihnen bestimmte Dinge wie Anerkennung, Öffentlichkeit oder Zuspruch zustehen. Wenn also eine Frau in der Öffentlichkeit Erfolg hat, wird dies als unrechtmäßiges Eindringen in männlich konnotierte Sphären und als Attacke auf die patriarchale Hegemonie und die eigene Vormachstellung verstanden. Das Attackieren von Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, hat System: Sie sollen für ihre Dreistigkeit bestraft werden, gleichzeitig wird eine Warnung an andere Frauen ausgesprochen: »Passt bloß auf, sonst passiert euch das auch!« Dass Brockschmidt es gewagt hatte, Karnitschig in einer Talkrunde der »Deutschen Welle« vom November 2021 zu widersprechen, mag an der Stelle nicht unerwähnt bleiben. Dass Karnitischig Solidaritätsbekundungen mit Brockschmidt als »hysterisch«, einem klassisch misogynen Begriff, bezeichnet, ebenfalls nicht.

Karnitischig beschädigt gerade nicht nur seine eigene, sondern auch die Reputation von »Politico« öffentlich. Er attackierte auch die Autorin Jasmina Kuhnke und den Antisemitismus-Beauftragten Michael Blume, die sich mit Brockschmidt solidarisiert hatten. Ob ein Springer-Unternehmen einem derart rüpelhaften und peinlichen Redakteur Einhalt gebietet, darf jedoch bezweifelt werden.

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