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  • Corona-Pandemie in Österreich

Völlig abhängig von den Touristen

Der Tiroler Ski-Ort Ischgl wurde zum Sinnbild für einen leichtsinnigen Umgang mit dem Corona-Virus

  • Von Stefan Schocher, Wien
  • Lesedauer: 6 Min.

Im Freeride, neben der Talstation in Ischgl, hämmert der Bass. Die Burschen an der Bar sind dem Verlust der Muttersprache nahe. Wer den Kampf gegen die Schwerkraft verliert, bleibt zunächst liegen. Einer tanzt mit Barhocker in der Hand, Gläser gehen zu Bruch. Sonst ist das Lokal leer. Während einige vor der Tür rauchen, versucht ein anderer Pole-Dancing an einem Bäumchen, johlt eine vorbeigehende junge Frau an, erntet einen angeekelten Blick - und landet im Schnee. Dann ziehen sie ab. Vielleicht geht woanders noch etwas.

Aber in der Schatzi-Bar, die mit »Après-Ski with Dirndl Girls« wirbt, sind keine »Dirndl Girls« auszumachen. Nikis Stadl dürfte auch schon am Schließen sein, die Wedl Alm ist dunkel. Aber das Kitzloch hat noch offen, jener Laden, der schon vor der Pandemie wie kein anderer fast sinnbildlich für Après-Ski und Hüttenzauber stand. Jener Laden auch, den die Pandemie weltbekannt gemacht hat. »Viel ist seither passiert, viel hat sich verändert«, so der junge Kitzloch-Besitzer Bernhard Zangerl. Zum kleinen Imperium der Familie Zangerl zählen ein Hotel, Restaurants, zwei Bars und 150 Mitarbeiter. Er hat keine Scheu, über den März 2020 zu sprechen. Denn, so sagt er, damals wie heute habe er sich an alle Vorgaben gehalten. Sonderbar sei es schon gewesen, mit einem Mal so öffentlich an den Pranger gestellt zu werden. Einen »unglücklichen Zufall« nennt er es.

Unter den Angestellten wurden im März 2020 die ersten Corona-Infektionen in Ischgl ausgemacht. Zwei Tage zuvor hatte Island Ischgl und Tirol zum Hochrisikogebiet erklärt, nachdem zahlreiche Heimkehrer erkrankt waren. Die schleppende Reaktion der Behörden in Tirol und die enge Verstrickung zwischen Politik und Hotellerie sowie Seilbahnwirtschaft in der Region hatte Ermittlungen zur Folge. Dabei stand vor allem eine Frage im Zentrum: Inwieweit wurde versucht, die Lage zu vertuschen, um ein vorzeitiges Ende der Skisaison zu verhindern. Tirol hängt wirtschaftlich zu einem Drittel am Tourismus. Die Staatsanwalt fand schließlich aber keine Beweise für »schuldhaftes Verhalten«. Auch zivilrechtliche Klagen in der Sache wurden abgewiesen.

Bekannt war das Kitzloch schon davor für ausschweifende Schnapsrunden, Sing-Along, wildes Massen-Gehopse bis in die Morgenstunden und solide Tische, auf denen man tanzen kann. Heute werden am Eingang Impfzertifikate und Ausweise penibel kontrolliert, konsumiert werden darf nur sitzend, weil Steh-Gastronomie verboten ist. Und irgendwann macht der Kellner Druck auszutrinken: »Zehn Minuten hast' no«, schnappt er jovial einen Gast an. Dann spielt der DJ »Thank you for the Music« von ABBA - und das war's. Ende. Sperrstunde.

Draußen riecht es nach vier Uhr morgens: Fernes Gejohle in der Dunkelheit, einige Grüppchen stehen zusammen, rauchen, zerstreuen sich. Tische und Hocker werden verstaut. Ansonsten Stille. Dabei ist es erst zehn Uhr. Laut geltenden Corona-Maßnahmen ist das die gesetzliche Sperrstunde dieser Tage. Und die wird kontrolliert. Auch im Freeride hat der letzte Gast sein Glas geleert und wankt durch die Tür. Der Barkeeper kehrt die Scherben zusammen, sperrt ab mit einem Schulterzucken. Kein guter Abend war das.

Ischgl ist ein Hoteldorf, ein Unternehmen, eine Marke. In den frühen Morgenstunden schon staksen Urlauber in Skimontur durch die Fußgängerzone. Und Bürgermeister Werner Kurz, ein drahtiger Mann um die 60, gesteht offen heraus: »Der Ort ist wirtschaftlich zu 100 Prozent von Tourismus abhängig.« Fast jedes Haus bietet Gästebetten oder ist ein Hotel, die Gastronomie ist ausgerichtet auf Gäste und deckt alles ab von Hauben-Küche bis Burger und Party; der Handel beschränkt sich auf Sportartikel, Luxusartikel, Speck und Souvenirs. Wichtigster Arbeitgeber ist die lokale Seilbahngesellschaft mit 500 Mitarbeitern. Und diese Gesellschaft, eine AG, gehört zu 70 Prozent wiederum der Gemeinde, dem Tourismusverband und anderen nahen Gemeinden - bei einem Vor-Pandemie-Umsatz von 74 Millionen Euro. Überwiegend im Winter. Dabei hat Ischgl gerade einmal 1500 Einwohner - bei zugleich 12 000 Gästebetten. Hinzu kommen bis zu 3500 Saisonkräfte. Aber das war damals.

Damals, da schluckte das Skigebiet zu Spitzenzeiten auch schon einmal locker 20 000 Gäste pro Tag. Derzeit sind es maximal 9000. Weihnachten und Silvester seien schon gut gewesen, sagt eine Hotelbesitzerin, die nicht beim Namen genannt werden will. Jetzt aber kämen nur mehr Stornierungen rein. Vor allem aus Deutschland, das Österreich jetzt wieder zum Hochinzidenzgebiet erklärt hat - während die staatlichen Kompensationszahlungen an Gastronomie und Hotellerie aber nicht mehr laufen, wie im vergangenen Winter. Das mache die Lage unvorhersehbar. Aktuell liegt die Auslastung bei rund 40 Prozent. »Lange kann das nicht so gehen«, sagt die Hotelbesitzerin.

»Da geht es um Existenzen«, sagt auch Bürgermeister Werner Kurz, »fast alle haben ein Darlehen laufen «. Für die Gemeinde wiederum bedeuten weniger Gäste auch weniger Steuereinnahmen und weniger Gewinne aus dem Seilbahngeschäft.» Aber dennoch bezeichnet sich Werner Kurz als Optimisten: «Ich hoffe, dass wir in drei, vier Jahren wieder auf dem Auslastungs-Level sein können, auf dem wir einmal waren.»

Vieles hätte man damals, im März 2020, anders machen können, meint Bernhard Zangerl vor dem Kitzloch an einem Tisch sitzend, während die Sonne hinter den Bergen verschwindet. Politisch vor allem, rascher hätte man reagieren können. Aber allzu viel will er dazu nicht sagen. Und im Nachhinein sei man immer gescheiter. Immer wieder hatte er angedeutet, dass das Kitzloch bewusst als Sündenbock vor den Vorhang gezerrt worden sei. Dass es Druck des ÖVP-Abgeordneten, Seilbahn-Lobbyisten und Hotelliers Franz Hörl auf die Familie gab, ist bekannt. An den Vater Bernhard Zangerls hatte der per SMS geschrieben: «Sperre dein Kitz Bar zu - oder willst du schuld am Ende der Saison in Ischgl und eventuell Tirol sein.»

Was danach kam, ist bekannt. Die vergangene Saison gab es praktisch nicht. Und diese, so sagt Bernhard Zangerl, werde schon gut, wenn sie 50 Prozent der Vor-Pandemie-Umsätze bringe. Wenn das so weitergehe, werde man einen Winter vielleicht noch überstehen. «Aber dann kommt wohl doch irgendwann der Punkt, an dem man sich überlegt, die Branche zu wechseln.» Noch übt er sich in Zweckoptimismus. Den Schaden, den sein Betrieb bisher genommen habe, nennt er «überblickbar». Er setzt auf sein «treues Stammpublikum» gebe es. Und während sich die Sonne hinter den Bergen neigt und die Tische im Kitzloch gerichtet werden, schwingen die ersten ab, werden an anderer Stelle bereits Biere gezapft, die ersten Tee mit Rum ausgeschenkt, Glühweine verabreicht und die Musik lauter gedreht.

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