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Ein Überlebender des Holocaust erzählt

Landtagspräsidentin Liedtke befragt Peter Gardosch

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 3 Min.
Peter Gardosch (r.) unterhält sich am Berliner Holocaust-Mahnmal mit US-Außenminister Antony Blinken.
Peter Gardosch (r.) unterhält sich am Berliner Holocaust-Mahnmal mit US-Außenminister Antony Blinken.

Als Ungarn im März 1944 aus der Allianz mit Hitler auszuscheren versuchte, besetzten dessen Soldaten das Land. Als das deutsche Militär einrückte, bewunderte der 13-jährige Peter Gardosch noch die Panzer. Doch die Nazis ermordeten seine jüdische Familie. Er überlebte als Einziger und lebt heute in Borkwalde (Potsdam-Mittelmark). Dort hat ihn Landtagspräsidentin Ulrike Liedtke (SPD) besucht. Ihr Gespräch in seinem Wohnzimmer wurde aufgezeichnet und das Video am Montag mit Blick auf den Holocaust-Gedenktag am 27. Januar im Internet veröffentlicht.

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das KZ Auschwitz. »Solange noch Zeitzeugen des Holocaust aus eigenem Erleben erzählen können, wie aus Rassenhass und ideologischer Verblendung massenhafter Mord wurde, müssen wir nachfolgenden Generationen ihnen zuhören und das Gesagte bewahren«, sagt Ulrike Liedtke. »Nur wer aus der Geschichte lernt, kann die Zukunft gut und friedlich gestalten.« Liedtke dankt Gardosch für seine Offenheit. Er hat gewarnt, der Hass sei nicht verschwunden, nicht die Hetze, nur das Morden.

Antisemitismus gab es in Ungarn schon vor dem deutschen Einmarsch. Besonders aggressiv trieben es die sogenannten Pfeilkreuzler, erzählt Gardosch. Ab 1944 konnte er die Schule nicht mehr besuchen, weil er dort von Mitschülern angebrüllt wurde: »Juden raus!«

Aber es kam noch schlimmer. Im Mai 1944 kam ein ungarischer Gendarm mit aufgepflanztem Bajonett und verhaftete die Familie. Sie wurden für drei Wochen in eine alte Ziegelfabrik gesperrt. Dann ging es mit dem Zug ins Lager Auschwitz. Auf einer Station unterwegs flüsterte ein tschechischer Eisenbahner dem jungen Peter auf Englisch zu: »Heute sind die Alliierten gelandet.« Doch die Hoffnung auf Befreiung erfüllte sich nur für ihn selbst. Die Großmutter, die Mutter, die erst acht Jahre alte Schwester - alle sind sie umgekommen. »Ich kann das nicht vergessen«, berichtet Peter Gardosch. »Ich habe in mir keine Rachegefühle. Ich lebe in Deutschland. Ich habe eine deutsche Frau. Aber vergessen kann ich das nicht.«

Bitter ist der Gedanke, dass die Angehörigen vielleicht hätten gerettet werden können. Ein Freund der Familie rief am Vorabend der Verhaftung an und wollte sie in seinem abgelegenen Jagdhaus verstecken, bis die sowjetischen Truppen eintreffen. Doch die Mutter lehnte das ab. Sie glaubte, sie würden als Deportierte in der Landwirtschaft eingesetzt, kaufte sich für die Feldarbeit extra noch einen Strohhut. Was tatsächlich geschehen würde, konnte sich die Mutter nicht ausmalen. »Welche Naivität«, bedauert Peter Gardosch. Verbittert ist er nicht. Ihn tröstet der Gedanke: »Wenn ich sterbe - vielleicht treffe ich sie wieder.« Als Zeitzeuge sagt er Schülern: »Ihr seid nicht schuldig. Ihr dürft euch das nicht einreden lassen. Aber erinnert euch daran, und wenn ihr später einmal Kinder habt, erzählt ihnen: ›So etwas darf nie wieder geschehen!‹«

Das 34 Minuten lange Video des Gesprächs mit Peter Gardosch gibt es hier zu sehen.

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