Jenseits der Gradziele

HEISSE ZEITEN - Die Klimakolumne: Die Bewegung darf sich nicht allein auf Klimaziele fixieren, sie muss auch über Gerechtigkeit reden

  • Lasse Thiele
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Erderhitzung »möglichst« auf 1,5 Grad, jedenfalls deutlich unter 2 Grad zu begrenzen - das ist das erklärte Ziel des Pariser Klimavertrags. Doch die objektiven Zahlen sehen düster aus. Mit jedem Jahr wird die Kurve steiler, die eingeschlagen werden müsste, um noch rechtzeitig auf Kurs zu kommen. Doch solche revolutionären Umbrüche sind nicht in Sicht. Realistisch ist also damit zu rechnen, dass die Ziele selbst dann gerissen werden, wenn die nächsten Jahre klimapolitische Erfolge bringen. Wir werden wohl mit und in der Klimakrise leben müssen. Solidarische Anpassung ist Teil des notwendigen Systemwandels.

Das wissen Klimabewegte und Umweltverbände am besten. Dennoch wird ungern darüber gesprochen - aus Angst davor, dahingehend missverstanden zu werden, dass eh alles zu spät wäre. Denn um nicht alles noch schlimmer zu machen, braucht es natürlich nach wie vor radikalen Klimaschutz, und selbst mittelmäßiger ist besser als keiner.

Lasse Thiele
Lasse Thiele arbeitet im Konzeptwerk Neue Ökonomie am Thema Klimagerechtigkeit.

Anpassung an das eigentlich zu Verhindernde? Diese Ambivalenz zu kommunizieren ist eine undankbare Aufgabe in einem politisch-medialen Umfeld, in dem selbst simpelste Zusammenhänge genussvoll verdreht werden. Dass offizielle Klimaziele zuletzt vielerorts erhöht wurden (ohne entsprechende Taten folgen zu lassen), macht es nicht einfacher - dahinter können Klimagruppen und NGOs schlecht zurückfallen. Mit Dystopien, so fürchten viele, lässt sich schlecht mobilisieren. So bleibt es meist beim strategischen Optimismus der hilflosen Parole, die jeweils nächste Regierung müsse endlich alles zum 1,5-Grad-Guten wenden.

Diese tendenzielle Tabuisierung der Klimakrisen-Zukunft ist für die Bewegung nach innen wie nach außen riskant. Die Bewegungsperspektive - die Befürchtung, im Gefühl eines endgültigen Scheiterns auszubrennen - spricht die Klimagerechtigkeitsgruppe Ausgeco2hlt in einem klugen Text auf ihrer Webseite an: »Wir glauben nicht an ein ›zu spät‹«, schreiben sie und diskutieren die Grenzen des strategischen Optimismus sowie die Aussicht auf »Hoffnung durch Handeln«. Es braucht also nüchtern-kämpferische Alternativen, die auch nach verpassten Klimazielen wirksam bleiben, weil sie nicht nur in CO2-Zahlen denken.

Daran knüpft eine Wahrheit an, die nicht nur Aktivist*innen betrifft: Wenn es zu spät ist, die Klimakrise ganz abzuwenden, fängt die gesellschaftliche Auseinandersetzung um Klimagerechtigkeit erst richtig an. Wer bekommt Zugang zu knapper werdenden Ressourcen? Welche Grenzen stehen wem offen? Werden riskante Geoengineering-Experimente versucht? Wie demokratisch, wie autoritär werden diese Fragen beantwortet? Das Klimathema fließt endgültig zusammen mit der sozialen Frage, mit Feminismus, Antirassismus und Antifaschismus.

Tatsächlich wird die Klimakrisenwelt längst strukturiert. Klimafolgen-Anpassung ist nicht nur seit jeher ein (zäher) Hauptverhandlungsstrang auf UN-Klimagipfeln, sie wird ganz handfest von mächtigen Akteur*innen vorangetrieben: von Regierungen, die einerseits höhere Deiche, aber andererseits eben höhere Grenzzäune bauen. Von Militärs und Geheimdiensten, die sich auf Ressourcenkriege und Migrationsbewegungen einstellen. Von Banken und Versicherungskonzernen, die einerseits Schadensrisiken kalkulieren und andererseits neue Profitgelegenheiten anvisieren.

Nur Zivilgesellschaft und Klimabewegung reden wenig mit. Dabei wird hier Klima(un)gerechtigkeit vorverhandelt - meist intransparent, mit autoritärer Tendenz. Es bräuchte dringend Gegenentwürfe für ein solidarisches Leben in der Klimakrise. Hier könnten wir wirklich »zu spät« kommen, wenn wir uns zu lange auf Gradziele fixieren.

Nun beinhalten viele Klimalösungen »von unten« schon Anpassung - etwa solidarische Landwirtschaftsbetriebe, die an lokaler Ernährungssicherheit arbeiten. Doch wo Regierungen, Militär und Konzerne die Weichen stellen, können soziale Bewegungen sich nicht auf vorbildliche Nischenprojekte begrenzen. Um Verteilungsgerechtigkeit, sichere Fluchtwege und demokratische Rechte für alle auch mit Blick auf eine raue Zukunft politisch zu erkämpfen, müssen wir die undankbare Debatte wagen - am besten gemeinsam mit anderen sozialen Bewegungen.

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