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Das Barometer im Knie

Der Biometeorologe Andreas Matzarakis über den Einfluss bestimmter Wetterlagen auf die Gesundheit

  • Von Angela Stoll
  • Lesedauer: 5 Min.

Was ist Ihr Lieblingswetter?

Das kommt auf die Situation an. Eine Temperatur von 18, 19 Grad ist für mich optimal zum Arbeiten. Wenn ich draußen bin und mich bewege, liebe ich ein Wetter um die 20, 23 Grad. Eigentlich ist für mich jedes Wetter ideal, außer es ist sehr kalt, sehr heiß oder hat starken Wind.

Manche Leute lieben klirrende Kälte, andere blühen erst bei Hitze so richtig auf.

Ja. Das Temperaturempfinden ist individuell sehr verschieden. Bei meinen Biometeorologie-Vorlesungen frage ich meine Studenten immer: Wie empfindet ihr momentan die Temperatur in diesem Raum? Die Bandbreite ist enorm. Die Angaben bewegen sich zwischen 17 und 25 Grad. Das sind acht Grad Unterschied. Da spielen Individualität und Präferenzen eine große Rolle.

Wie kommt es zu so großen Abweichungen?

Das hat mit Gewicht, Größe und Gesundheitszustand zu tun und auch damit, ob jemand trainiert oder untrainiert ist. Es gibt auch Unterschiede zwischen Mann und Frau: Frauen nehmen die Temperatur als kühler wahr, weil sie mehr Wärme abgeben. Sie haben auch weniger Schweißdrüsen als Männer und sind daher bei Hitze schlechter dran.

Gibt es eine Temperatur, die für die meisten Menschen optimal ist?

Das ist der Bereich zwischen 18, 19 und 25 Grad. Dann nämlich wird das Thermoregulationssystem des Menschen nicht herausgefordert. Das kann nach individuellen Bedürfnissen, Gewohnheiten und dem Gesundheitszustand variieren. Für die Gesundheit am besten ist es aber, wenn es leicht kühl ist. Sie kennen das Gefühl, wenn Sie rausgehen, und es ist angenehm, aber etwas frisch, und sie spüren ein bisschen ein Beißen des Windes. Das sind für die Gesundheit eigentlich die besten Bedingungen, weil die Thermoregulation ein bisschen gereizt wird und man seinen Körper trainiert. Man spricht vom Kältereiz.

Daher gilt zum Beispiel das Nordsee-Klima als heilsam?

Richtig. Da spielt aber nicht nur die Lufttemperatur eine Rolle, sondern weitere Faktoren, etwa dass viele Seesalze in der Luft gelöst sind. Das ist gesundheitsförderlich.

Egal ob kalt oder warm: Über das Wetter wird gerne geklagt. Haben Wetterlagen wirklich einen so großen Einfluss auf die Gesundheit?

Dazu muss man sagen: Das Wetter allein ist nicht schuld, wenn ich Kopfweh bekomme. Aber es kann dazu beitragen, dass Menschen Beschwerden entwickeln. Wir sind alle wetterreagierend, das heißt, wir reagieren über die Sinne auf das Wetter: Wir merken, ob es kalt draußen ist, und passen uns entsprechend an. Und über schönes Wetter freuen wir uns. Jede Veränderung der Atmosphäre führt allerdings dazu, dass ich mich neu anpassen muss. Wenn ich durch meinen Gesundheitszustand belastet bin, dann ist meine Anpassungsfähigkeit eingeschränkt. Bin ich also im Stress, kann es sein, dass mir das Wetter stärker zu schaffen macht. Außerdem können chronische Krankheiten, etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die Anpassungsfähigkeit beeinträchtigen.

Wie viele Menschen haben hier Probleme, sind also wetterfühlig?

Bei Befragungen sagen 50 Prozent der Menschen: Ja, das Wetter hat einen Einfluss auf mich. Als häufigste Symptome werden Kopfschmerzen, Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Gelenkschmerzen und Schafstörungen genannt. Ob aber wirklich ein negativer Einfluss da ist oder es sich nur um Einbildung handelt, lässt sich bei solchen Befragungen nicht feststellen. Bestimmt ist das Wetter nicht an allem schuld.

Besonders Rheumatikern macht das Wetter offenbar zu schaffen.

Neben Wetterreagierenden und Wetterfühligen unterscheiden wir noch eine dritte Gruppe: die Wetterempfindlichen. Das sind ungefähr 15 bis 20 Prozent der Menschen. Sie haben eine chronische Krankheit, etwa Rheuma, oder eine längere Krankheitsgeschichte und können sich nicht so schnell an Wetteränderungen anpassen. In der Folge kommt es zu Schmerzen oder anderen Beschwerden.

Damit verbunden ist oft auch eine gewisse Vorfühligkeit. Sie kennen das vielleicht von der Tante, die sagt: »Ach, mein Knie tut heute wieder weh! Das Wetter ändert sich.« Da gibt es gewisse Veränderungen in der Luft, die Vorboten eines Wetterwechsels sind.

Ähnlich wie ein Barometer, das Luftdruckänderungen anzeigt?

Genau. Hintergrund sind Veränderungen in der Atmosphäre, die das vegetative Nervensystem stärker belasten oder auch irritieren können.

Welche Wetterlagen wirken sich besonders ungünstig aus?

Dazu zählen Tiefdruckgebiete, Warm- und Kaltfronten, der Wechsel von kalt auf warm oder von warm auf kalt sowie Föhn.

Bei Föhn kommt es, wie bei Tiefdruckgebieten, zu einer gewissen Unruhe. Es handelt sich um niederfrequente Luftdruckschwankungen, die im Sekundenbereich liegen und die wir nur mit Spezialgeräten messen können. Und das ist es, was den Körper mancher Menschen wahrscheinlich irritiert.

Werden die Belastungen wegen des Klimawandels zunehmen?

Auf jeden Fall wird Hitze immer mehr ein Thema sein. Dadurch kommt es zu einer zusätzlichen Belastung für den menschlichen Körper. Außerdem werden in Zukunft die Pollen wahrscheinlich länger und intensiver fliegen, vielleicht gibt es auch neue Pollenarten. Auch das ist eine Belastung für den Körper.

Wir haben aber bessere Informations- und Warnsysteme und auch ein verbessertes Gesundheitssystem. Beim Thema Klimawandel muss man ziemlich vorsichtig sein. Er ist bestimmt eine zusätzliche Belastung, aber man kennt das Ausmaß nicht.

Kann man als wetterfühliger Mensch etwas tun, um sich vor kritischen Wetterlagen zu schützen?

Vieles. Für gesunde und wetterfühlige Menschen gelten die gleichen Tipps: nämlich den Körper abhärten, Bewegung, viel frische Luft, Kneippbäder, Wechselduschen, gesunde Ernährung. Das können Sie aber nur im Vorfeld machen. Wenn Sie Kopfweh haben, werden Sie nicht für drei Stunden spazieren gehen wollen. Wetterempfindliche Menschen brauchen eine ärztliche Begleitung.

Ist es sinnvoll, das Verhalten entsprechend der Wettervorhersage anzupassen?

Das ist eine gute Idee. Sich zu informieren, ist das Beste, was man machen kann. Es gibt ja spezielle Vorhersagen für Wetterfühlige, auch eine Gesundheitswetter-App. So kann man sich besser vorbereiten und schützen.

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