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  • Schneeschuhwandern bei Vollmond

Wenn die Nacht zum Tag wird

Im Allgäuer Naturpark Nagelfluhkette wird ein besonderes Erlebnis angeboten: begleitetes Schneeschuhwandern bei Vollmond. Ein Selbstversuch sorgt für helle Begeisterung

  • Von Christian Haas
  • Lesedauer: 5 Min.
Von besonderem Reiz: Schneeschuhwanderung in einer Vollmondnacht
Von besonderem Reiz: Schneeschuhwanderung in einer Vollmondnacht

Bei einer Vollmondschneeschuhtour, wie sie Michael Schott aus Bolsterlang drei- bis viermal im Winter anbietet, ist es ein bisschen wie bei einer Safari: Man weiß zwar, dass das Objekt der Begierde da draußen umherzieht, aber nicht, ob und wann es zur Sichtung kommt - schließlich könnten Wolken, Nebel und Niederschlag eine Sicht vereiteln. Allerdings fühlen sich Ereignisse mit Überraschungseffekt stets intensiver an als solche, bei denen alles schon vorher feststeht. Eine »böse« Überraschung in Gestalt eines lunaren No-Shows will freilich keiner erleben. Doch ein totaler Rein- bzw. Ausfall, so beschwichtigt der 58-jährige Guide im Vorfeld, komme sehr selten vor. »Ich biete schon seit sieben Jahren Vollmondtouren im Allgäu an«, erzählt er am Telefon, »und meistens hat es super geklappt. Abgesehen davon hat jede Witterung ihren Reiz.« Mal sehen, welchen sie für uns ausspielt.

Während das Wetter in den vorangegangenen Tagen und Nächten Kapriolen schlug, könnten die Vorzeichen an jenem späten Februarsonntag besser nicht stehen. Ein klarer Himmel spannt sich über den in Weiß gehüllten Naturpark Nagelfluhkette, als wir unseren Trip am Riedbergpass, dem mit 1407 Metern höchsten befahrbaren Pass Deutschlands, starten. Jetzt um halb sechs endet für die meisten Wintersportler der aktive Teil des Tages, für uns beginnt er erst. Wir schnallen uns die von Michael mitgebrachten Schneeschuhe unter die Bergschuhe, verstauen Lawinenschaufel, Sonden und Suchgeräte in den Rucksäcken, fixieren die Gamaschen an den Hosenbeinen, damit sich vor allem beim Bergabgehen kein Schnee unter in die Hosen oder Schuhe mogelt. Wir schnappen uns die Wanderstöcke und los!

Perfektes Timing, denn ein paar Minuten später stehen wir oberhalb der Bergstraße im Schnee und verfolgen, wie die Sonne in Zeitlupe und immer knalligerem Orange hinter den Bergen verschwindet - ein Spektakel. Mit nachhaltigen Lichteffekten in der »blauen Stunde«. Die sollte passender »bunte Stunde« heißen, sorgen doch Rot-, Lila- und Blautöne für eine grandiose Beleuchtung der Gipfelskyline. Die Stirnlampen bleiben jedenfalls noch ein, zwei Stunden im Gepäck.

Zwei Anhöhen weiter erzählt Michael uns etwas über die Gegend - etwa das Auf und Ab der Skischaukel-Ausbaupläne am nahen Riedberger Horn - und die Benutzung der Piepser, die er uns trotz aktuell geringem Lawinenrisiko ans Herz respektive in die Jackentasche legt. Seine Argumentation: »Das ist wie das Anschnallen im Auto, man macht es einfach. Wenn man doch mal etwas lostritt, wäre es dafür zu spät.« Also gut, schadet ja nicht, genauso wenig wie die Hinweise zur Gang-Optimierung (»immer schön breitbeinig, damit man nicht mit den Zacken an der Hose hängen bleibt«). Hat man schnell raus, ebenso den idealen Rhythmus, mit dem es mal über verschneite Wiesen und unpräparierte Skihänge, mal durch von Fichten, Weißtannen und Rotbuchen dominierte Waldstücke geht.

Schon praktisch, wie wenig man dank der großen Trittfläche einsinkt! So kommt man immerhin auf zwei bis drei Kilometer pro Stunde. Schneller jedenfalls als »unten ohne«, und um Speedrekorde geht es ja auch nicht. Dafür stets bergauf, insgesamt sind 300 Höhenmeter zu bewältigen. Zwar begegnen wir auf der gesamten Tour keinem Menschen, aber die vielen Spuren verraten, dass hier seit dem letzten Neuschnee etliche unterwegs waren, vor allem Tourengeher. Da wirkt es verlockend, neue Spuren in wilderem Gelände zu legen, doch Michael blockt ab: »Nicht nur der Sicherheit wegen, sondern auch aus Naturschutzgründen. Wildtiere brauchen ihre Rückzugsräume.« Klingt vernünftig - und wie zur Belohnung meldet sich in der Ferne ein Uhu. Oder war es ein Sperlingskauz? Von Michael erfahren wir, dass in der Nagelfluhkette neben Steinadlern und Birkhühnern auch Europas kleinste Eulenart zu Hause ist.

Wir folgen in erster Linie unserem Guide, der wiederum dem Ruf der Wildnis folgt. Auch wenn kein richtiger Weg erkennbar ist, er kennt ihn. Wortlos, fast schon meditativ treten wir in seine großen Fußstapfen. Unter uns funkelnde Schneekristalle, über uns erst Hunderte, dann Zehntausende Sterne. Da der Große Wagen, dort Kassiopeia und Orion. Neben dem bekannten Trio gibt es noch so viele andere Sternbilder. Ein paar nennt uns Michael. Ebenso wie einige Gipfel, die aus der scherenschnittartigen Landschaft herausragen, allen voran der Grünten. Südlich vom »Wächter des Allgäus« setzt Oberstdorf Lichtakzente, unter anderem mit den blinkenden Rotlichtern der langen Nebelhornbahn und den hell erleuchteten WM-Skischanzen. Im Tal aufziehende Nebelfetzen (Michael: »Leichte Inversionslage! Davon werden wir hier oben nichts mitkriegen.«) sorgen für Special Effects.

Die wollen bei einer Pause auf einem Plateau mit 270-Grad-Panorama länger beobachtet werden. Und erst da bemerken wir, wie leise es ist, wenn wir nicht stapfen. Denn anders als Neuschnee verursacht der harschige Altschnee ordentlich Lärm. Das knackt bei jedem Schritt, ein Gesprächshemmer. Macht nichts, wir bleiben einfach immer wieder stehen. Zum Reden wie zum Schweigen. Großer Worte bedarf der grenzenlose Weitblick - das österreichische Kleinwalsertal liegt gleich hinter der Bergkette auf der gegenüberliegenden Talseite - ohnehin nicht.

»Keine Tour ist gleich«, bricht Michael das Schweigen. »Zum einen wegen der Gruppenkonstellation. Mal melden sich eher Familien mit Kindern an, mal Rentner, mal Sportskanonen. Und zum anderen variieren Wetter und Schnee, von pulverigem Neuschnee bis zu eher harschigem wie heute.« Auch die Strecken unterscheiden sich. Bei der priorisierten Gruppenvariante geht es mit der Gondel hoch zum Riedberger Horn, mit Schneeschuhen zum Großen Ochsenkopf und nach einer Einkehr hinab ins Tal.

Die heutige Tour führt jenseits von Bergstation und Berggastronomie zum einsamen Wannenkopf. Und kurz bevor wir den geografischen Höhepunkt auf 1712 Metern erreichen, erleben wir den visuellen: wie der Mond erst als heller Schlitz über der Bergkette im Osten aufleuchtet und dann zur immer größer und heller werdenden Bischofskappe mutiert, bis er wie ein Lampion über den Bergen schwebt. Wie groß er wirkt. Vor allem aber: so gelb. Wie ein Pfannkuchen, den man sich vom Himmel greifen möchte.

Nach einer weiteren Mondbewunderungspause am Gipfelkreuz treten wir den Rückweg an, auf leicht geänderter Route und in fast euphorischer Stimmung: Während wir langsam absteigen, steigt der Mond langsam auf und taucht die weiße Landschaft in ein mystisches, stahlblaues Licht. Da wird die Nacht zum Tag, die Stirnlampe wieder zum Rucksackelement. Wir reden nicht viel, jeder inhaliert die einmalige Stimmung. Und auch wenn wir nun schon fast fünf Stunden auf den Beinen sind, fühlen wir uns voller Energie, als wir am beinahe leeren Parkplatz ankommen.

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