• Berlin
  • Debatte um Lebensmittelrettung

Gegen das Essen im Müll

Lebensmittelverschwendung wird nicht nur von Klimaaktivist*innen verurteilt

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 3 Min.

Aus Sicht der Berliner Tafel schmeißen Supermärkte viele gute Lebensmittel in die Tonne. »Wir sind bei all diesen Firmen fünf-, sechsmal in der Woche. Warum landet da was im Müll?«, fragt die Vorsitzende der Tafel, Sabine Werth. Die Organisation verteilt pro Monat rund 660 Tonnen Lebensmittel an Bedürftige. Bei den Waren handelt es sich um Spenden aus dem Handel. Lebensmittel, die sogenannte Mülltaucher*innen aus Supermarkt-Abfallcontainern rausholen, seien nicht nur vergammeltes Obst und Gemüse, so Werth. »Das ist wirklich klasse Zeug.«

Das sogenannte Containern, also das Retten genießbarer Lebensmittel aus Abfallcontainern, wird in Deutschland oft als Diebstahl strafrechtlich verfolgt.

Demonstrant*innen, die sich »Letzte Generation« nennen, blockieren seit Wochen Straßen und Autobahnen in Berlin. Sie fordern mit ihrer Kampagne »Essen retten - Leben retten« ein Gesetz gegen Lebensmittelverschwendung und eine Agrarwende, um Klimagase aus der Landwirtschaft zu mindern. »Das Ansinnen finde ich gut, die Art, es umzusetzen, finde ich unmöglich«, sagt Sabine Werth zu der Aktion. Sie könne die Argumentation der Demonstranten verstehen, dass ohne radikale Maßnahmen nichts passiere. Die Politik rede nun viel eifriger über das Thema als vorher. Auf der anderen Seite werde im Wesentlichen darüber diskutiert, ob das nun Straftäter*innen seien oder nicht, sagte Werth. »Damit haben wir das Gesetz immer noch nicht auf den Weg gebracht.«

Der Bundesverband Tafel Deutschland sieht laut Werth keine Notwendigkeit für das Gesetz. Aber: »Wenn wir ohnehin mit allen zusammenarbeiten, dann ist so ein Gesetz ja nicht schädlich«, fügt Werth hinzu. »Wenn wir aber die einen oder anderen noch nicht dabei haben, dann kriegen wir sie vielleicht auf die Art und Weise.«

Nach knapp drei Wochen mit Autobahnblockaden haben einige Klimaschützer*innen der Gruppe »Aufstand der letzten Generation« am Samstag vor dem Amtssitz von Bundeskanzler Olaf Scholz ein Stück Rasen umgegraben, um Kartoffeln zu pflanzen, wie ihre Sprecherin Sonja Manderbach sagte. Dabei erneuerten sie ihre Forderung nach einem Essen-Retten-Gesetz. Die Polizei schritt ein, beschlagnahmte nach Manderbachs Angaben Spaten und nahm Personalien auf. Eine Polizeisprecherin bestätigte den Einsatz, nannte aber zunächst keine Details. Sie sprach von 20 bis 30 Demonstrant*innen. Zur Aktion am Samstag hatten die Aktivist*innen erklärt: »Da Bundeskanzler Olaf Scholz weiterhin mit der notwendigen Ankündigung, wann es ein Essen-Retten-Gesetz geben wird, auf sich warten lässt, wird nun vor seinem Amtssitz Gemüse angebaut.«

Mit einem Klimaprotest der anderen Art hatten sich in den vergangenen Tagen mehr als 100 Autobesitzer*innen konfrontiert gesehen, da ihnen die Luft aus den Reifen gelassen wurde. In der Nacht zum Donnerstag sei es laut Berliner Polizei zu einer Serie solcher Vorfälle in Berlin gekommen. »Es ist aber nicht sicher, ob alle jetzt vorliegenden Fälle in dieser Nacht passiert sind«, so eine Polizeisprecherin am Samstag. Einen Bezug zu den »Aufstand«-Aktionen gibt es bislang nicht.

Unbekannte hatten demnach in der Nacht zu Donnerstag aus zahlreichen Autoreifen in Berlin die Luft herausgelassen. An mehreren Fahrzeugen in Prenzlauer Berg und Mitte waren nach Polizeiangaben Zettel mit »umweltpolitischem Bezug« angebracht worden. Unter anderem stand auf den Zetteln »Fuck SUV« und »Verkehrswende jetzt!«. In einzelnen Straßen seien vor allem SUVs und große Autos betroffen gewesen. In allen Fällen ermittelt der Staatsschutz. »Bislang gab es noch keine Festnahmen«, teilt die Polizeisprecherin weiter mit. mit dpa

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal