»Eleni, wir brauchen dich«

Bei den Seniorenvertretungswahlen im März will man vor allem Menschen mit Migrationsgeschichte erreichen

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 4 Min.

»Ich wohne seit 53 Jahren in Berlin und erfahre trotzdem alltäglich Diskriminierung«, berichtet Eleni Werth-Mavridou. Die Seniorin aus Tempelhof- Schöneberg ist nicht nur Vertreterin der »älteren Generation«, sondern gehört auch zu den aktiv politischen Berliner*innen über 60 Jahren in ihrem Bezirk. Im Vorfeld der Seniorenvertretungswahl im März berichtet Werth-Mavridou bei einer Online-Debatte, zu der Berlins Integrationsbeauftragte Katarina Niewiedzial am Dienstag eingeladen hatte, eindrücklich von ihrem Engagement für die Belange älterer Menschen - vor allem derjenigen, die so wie sie als Migrantin in der Stadt leben.

Zwischen dem 14. und dem 18. März 2022 können in Berlin rund 900 000 Menschen über 60 Jahre die bezirklichen Seniorenvertretungen wählen. Mehr als 200 000 Menschen von ihnen haben laut Senatsbeauftragter Niewiedzial eine Migrationsgeschichte, rund 90 000 von ihnen besitzen keinen deutschen Pass. In den bezirklichen Gremien sei diese Gruppe mit derzeit gerade mal fünf Prozent aber kaum ausreichend repräsentiert.

Zu dieser kleinen Gruppe gehört auch die in Griechenland geborene Eleni Werth-Mavridou. »Eleni, wir brauchen dich, du musst zur Seniorenvertretung kommen!«, habe man ihr vor fünf Jahren gesagt. Eigentlich habe sie nicht noch ein Ehrenamt gewollt. Als Sozialberaterin ist die ältere Dame bei To-Spiti tätig, einem interkulturellen Frauen- und Familienzentrum in Neukölln. Sie engagiert sich zudem bei der Agentur für den Bundesfreiwilligendienst, unterstützt die griechische Gemeinde, hat sich als ehemalige Bestatterin für einen Friedhof für die Community eingesetzt.

Nun also noch Seniorenvertreterin, sagt Werth-Mavridou und lacht danach auch ein bisschen über sich selbst. Dass es ihr aber sehr ernst ist mit ihrem Engagement, erfährt man, als sie berichtet, wie sie sich für eine andere griechische Seniorin eingesetzt hat, die es bei einem Krankenhausaufenthalt schwer hatte: Als diese darum bat, ihr kein Fleisch zur Krankenhauskost beizufügen, wurde ihr der Wunsch verwehrt. Werth-Mavridou sprach in der Klinik vor. »›Wir können hier keine Extrawürste für euch und eure Leute machen‹, haben sie mir gesagt. Aber da dachte ich: ›So nicht, meine Lieben!‹ Eine alte Frau, die ihr ganzes Leben gearbeitet hat und Steuern bezahlt hat, wird nun so behandelt?«, empört sie sich in der Erinnerung noch einmal. Sie wendet sich mit ihrer Erfahrung an die Presse.

Ein gutes Beispiel dafür, wie es sich Eleni Werth-Mavridou mit ihren Mitstreiter*innen zur Aufgabe gemacht hat, sich gegen Altersdiskriminierung und für die Förderung der Integration von Migrant*innen einzusetzen, für die aktive Mitarbeit in Gremien wie dem Beirat für Menschen mit Behinderungen zu werben und allgemein mehr für die Anliegen Älterer im Bezirk zu kämpfen.

Dafür knüpft die Seniorenvertretung Kontakte zu den bezirklichen Pflegeheimen, bietet den Heimbeiräten beispielsweise Informationstage und -fahrten mit der Polizei zur Sicherheit im Haus und auf der Straße an oder hilft beim Kontaktaufbau zu Seniorenfreizeitstätten. Die Vertreter*innen informieren zu »Wohnen im Alter«, Wohngemeinschaften oder Mehrgenerationenwohnen und unterstützen Stadtteilzentren.

Und sie sitzen in allen Ausschüssen der jeweiligen Bezirksverordnetenversammlung, damit Politiker*innen sowie Mitarbeitende der Verwaltung die Anliegen der älteren Bevölkerung besser berücksichtigen können, wie die ehemalige Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) im Oktober betonte.

Breitenbachs Nachfolgerin Katja Kipping (Linke) ist in der Online-Debatte direkt angesprochen, als es darum geht, warum Menschen wie Werth-Mavridou oder auch Ahmet Tuncer, der seit 50 Jahren in Kreuzberg lebt, nicht an Bundestags- und Kommunalwahlen sowie Volksentscheiden teilnehmen können. »Wir sind doch wirklich eingelebt«, sagt Tuncer, der als Senior in der mietenpolitischen Initiative Kotti und Co engagiert ist.

Kipping erklärt, es gebe im Berliner Koalitionsvertrag das Bekenntnis, ein kommunales Wahlrecht ab fünf Jahren Aufenthalt einführen zu wollen. Allerdings liege hier der Ball bei Innensenatorin Iris Spranger (SPD), die dieses Anliegen als Initiative auf Bundesebene einbringen muss. Für Veränderungen brauche es neben politischem auch den Druck aus der Zivilgesellschaft, so Kipping.

Und diese sollte nach Meinung aller Anwesenden unbedingt aus noch mehr engagierten Senior*innen bestehen. Eveline Lämmer, Seniorenvertreterin aus Pankow, hebt in diesem Zusammenhang das Kompetenzzentrum Interkulturelle Öffnung der Altenhilfe (Kom-Zen) hervor.

Lämmer, ähnlich umtriebig wie Eleni Werth-Mavridou, kennen manche im Zusammenhang mit dem Seniorentreff »Stille Straße 10«. 112 Tage lang besetzten Lämmer und andere ältere Menschen vor zehn Jahren die Villa in Pankow, um zu verhindern, dass ihr Freizeittreff geschlossen wird. Mit Erfolg.

Dass sich Engagement lohne, könne man beim Kom-Zen sehen, sagt Lämmer. Man habe im Austausch mit deren Vertreter*innen auch im Landesseniorenbeirat, der die bezirklichen Vertretungen versammelt, festgestellt, dass es dringend einer »interkulturellen Öffnung« bedürfe. Aus Sicht einer »deutschen Berlinerin« sei es gar nicht so leicht, sich vorzustellen, wie bestimmte Vorgänge von Menschen mit Migrationsgeschichte erlebt werden, gibt Lämmer zu. »Da ist noch viel zu tun.« So sei auch die Wahl zur Seniorenvertretung zu wenig auf die Verschiedenheit der Menschen ausgerichtet. Manche Ältere hätten die Wahlunterlagen nicht verstanden und weggeworfen, berichtet Maria Aplada von To-Spiti. »Wir brauchen dringend mehrsprachige Wahlunterlagen«, erklärt dazu Katarina Niewiedzial. Vielleicht klappt das ja zu den nächsten Seniorenwahlen.

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