Wirtschaftliche Kriegführung

Die Verarmung in Afghanistan als Resultat von US-Sanktionen zieht sich durch die gesamte Bevölkerung

  • Von Thomas Ruttig
  • Lesedauer: 5 Min.
Geflohene afghanische Frauen vor ihren Unterkünften in einem Camp in der Provinz Herat.
Geflohene afghanische Frauen vor ihren Unterkünften in einem Camp in der Provinz Herat.

Er sei schon immer arm gewesen, sagt Muhammad Dschawad*, Tagelöhner im zentralafghanischen Distrikt Lal wa Sar Dschangal. »In guten Zeiten«, erzählt er, hätten er und seine erwachsenen Söhne zwischen Aussaat und Erntezeit umgerechnet 130 bis 260 Dollar verdient, wenn sie sich bei wohlhabenderen Landbesitzern verdingten. Aber seit dem letzten Frühjahr habe er überhaupt kein Geld mehr für seine Arbeit bekommen, nur noch Lebensmittel. »Meine Söhne arbeiteten auf dem Land von jemand anderem. Aber dann erfror dort die Ernte, und sie bekamen gar nichts.« Er habe nichts, was er verkaufen könnte – »keine Kuh, keine Schafe, kein Land«. Auf Pump habe er einen Sack Mehl besorgt und von einer Hilfsorganisation zwei Literflaschen Speiseöl und zwei Kilo Bohnen bekommen. »Das hat uns sehr geholfen.« Fleisch, Gemüse oder Obst habe er »schon sehr lange« nicht gegessen.

»Lebensmittel sind sehr teuer, deshalb essen wir weniger«, sagt Husn Banu in Kabul. Sie war früher Köchin bei einer ausländischen Hilfsorganisation und hatte sich bis dahin in die Mittelschicht eingeordnet. »Das allerwichtigste ist jetzt, Feuerholz oder Kohle einzulagern. Das müssen wir kaufen, sonst erfrieren wir.«

»Meine wirtschaftliche Situation ist besser als die der meisten Leute«, meint Ahmad Schah Hudchel, Besitzer einer Fabrik in Kabul, die weiter in Betrieb ist. Seine 20 Beschäftigten stellen Billigschuhe aus Plastik her. »Ich habe noch eine Einnahmequelle und kann anderen Arbeit geben. Jede Woche kaufe ich 10 bis 15 Brote und verteile sie unter den Armen. Mehr geht nicht.« Aber auch er muss sich einschränken: »Im letzten Jahr hatten wir einen Ofen in jedem Zimmer, jetzt nur einen für das ganze Haus. Feuerholz ist zu teuer.« Der Preis ist fast um die Hälfte gestiegen, auch der für Gas.

Die Verarmung zieht sich durch die gesamte afghanische Bevölkerung. Kommt nicht schnell nachhaltige Hilfe, so schätzen UNO und Weltbank, werden Mitte des Jahres 97 Prozent aller Afghan*innen in Armut leben. Vor der erneuten Machtübernahme der Taliban im vorigen August waren es über 70 Prozent. Nach jüngsten UN-Zahlen haben 95 Prozent von ihnen nicht genug zu essen. Acht von zehn Haushalten, die überhaupt noch ein Einkommen haben, verzeichnen schon jetzt »drastische« Einkommensrückgänge. Laut UNICEF ist die Zahl der Frühgeburten und Geburten von Kindern mit armutsbedingtem Untergewicht auf 30 Fälle am Tag angestiegen. In den Kliniken reichten dafür die Betten nicht mehr und müssen oft doppelt belegt werden. Das Gesundheitspersonal arbeitet weiter trotz monatelang ausgebliebener Gehälter, oft in 24-Stunden-Schichten.
Im Gegensatz zu vielen Darstellungen im Westen ist diese Massenverarmung aber keine unmittelbare und vor allem unvermeidbare Folge der Taliban-Herrschaft. Sie ist das Resultat von Sanktionen, die die USA gegen das Land verhängten, um eine Konsolidierung des Talibanregimes zu verhindern. Sie entzogen der ohnehin schwachen und zudem kriegsgeschädigten Wirtschaft die Basis. Der Bankverkehr mit und in Afghanistan wurde lahmgelegt. Vor allem Afghan*innen, die im bislang westlich finanzierten Staatsapparat arbeiteten, kamen nicht mehr an ihre Gehälter, Unternehmer nicht an ihre Rücklagen. Wie Afghanistan-Analystin Roxanna Shapour, die gerade aus Kabul zurückgekommen ist, dem »nd« sagte, handele es sich deshalb »nicht um eine Nahrungsmittel-, sondern um eine Kaufkraftkrise. Im Basar sind genügend Lebensmittel vorhanden, nur niemand kann sie sich leisten«.

Der Stopp aller Entwicklungshilfsleistungen ließ über Nacht auch Kliniken in den ohnehin unterversorgten ländlichen Gebieten sowie Schulen zusammenbrechen. Schon im September waren nur noch 17 Prozent der Gesundheitseinrichtungen offen.
Mohsin Amin, ein junger afghanischer Wissenschaftler, schrieb jüngst in der »Washington Post«, dass die Weltbank im August ein 861-Millionen-Dollar-Projekt kurz vor der Fertigstellung stoppte. Dabei ging es um Stromversorgung in fünf Provinzen, den Bau von 600 Schulen – darunter viele Mädchenschulen – und weitere 9000 Projekte in den Bereichen Bewässerung, erneuerbare Energien und Transport.
US-Präsident Joe Biden entschied vor zwei Wochen, die Hälfte der in den USA eingefrorenen afghanischen Auslandsguthaben von sieben Milliarden Dollar für eine Entschädigungsklage von Familienangehörigen von Opfern der 9/11-Terroranschläge freizugeben – und entzog sie damit der dringlichen Verwendung zur Abwendung der humanitären Katastrophe in Afghanistan. Ashley Jackson vom Londoner Overseas Development Institute nennt das »wirtschaftliche Kriegführung«. Der New Yorker Professor Barnett R. Rubin, Afghanistan-Berater mehrerer US-Regierungen, meinte: »Das reichste Land der Erde hat beschlossen, das ärmste im Namen der Gerechtigkeit zu berauben. Ein passendes Ende für den Krieg gegen den Terror.« Anders Fänge vom Schwedischen Afghanistan-Komitee schrieb in der Berliner entwicklungspolitischen Zeitschrift »Südlink«, es sei »nicht schwer, die Gefühle vieler Afghan*innen zu verstehen, wenn sie sagen, dass die USA den Krieg verloren haben und sich jetzt dafür an ihnen rächen«.

Auch wenn die UNO und zahlreiche Hilfsorganisationen konzentrierte Kindernahrung und andere Lebensmittel verteilen, Gehaltszahlungen an Lehrer*innen und Gesundheitspersonal aus internationaler humanitärer Hilfe und Taliban-Steuereinnahmen hier und da wieder begonnen haben, genügt das nicht. Die talibankritische afghanische Universitätsdozentin Muska Dastageer schrieb auf Twitter: »Wohltätigkeit ist nicht genug, wenn strukturelle Gewalt die afghanische Wirtschaft am Funktionieren hindert. Sie bedeutet, dass ein Teil der Bevölkerung nur überleben kann, so lange es internationale Aufmerksamkeit gibt.«

Auch unter den Taliban brauchen Afghanistans Menschen langfristige Strukturhilfe, um eine jährliche Wiederholung der humanitären Katastrophe zu verhindern. Doch schon schieben sich andere Krisenherde in den Vordergrund.

* Namen auf Wunsch der Interviewten verändert

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal