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Deutschland, du bist krank

Es gibt zu wenige Therapieplätze für psychisch Erkrankte. Marginalisierte trifft das besonders hart

  • Zara Momand
  • Lesedauer: 3 Min.
Psychologische Therapie: Deutschland, du bist krank

Der Krieg in der Ukraine löst auch in Deutschland großen Tatendrang aus: Es ist zur Abwechslung eine Offenheit für Schutzsuchende herauszuhören. Auch wenn diese nur denjenigen gilt, die aus »unserem Kulturkreis« stammen. Immerhin. Wie der Staat seiner vermeintlichen Willkommenskultur auch in der gesundheitlichen Versorgung nachkommen möchte, bleibt weiterhin ein Rätsel. Wir pumpen aber erst einmal fleißig Geld ins Militär.

Zara Momand
Zara Momand studiert Psychologie an der Uni Frankfurt und ist seit 2016 unter anderem als Dolmetscherin in Asylverfahren tätig.

Spätestens zwei Jahre nach Beginn der Pandemie sollte auch in der Mitte der Gesellschaft die Erkenntnis angekommen sein, dass ein jeder »normaler« Mensch von psychischen Problemen und Krankheiten betroffen sein kann. Aber auch ohne den pandemiebedingten Umbruch waren und sind Therapieplätze Mangelware.

Die meisten Menschen müssen bei Überlastung und entsprechendem Hilfebedarf zunächst immer wieder herumtelefonieren, um anschließend monatelang auf Wartelisten stehen und irgendwann die nötige Unterstützung erhalten zu können. Wenn es dem durchschnittlichen Deutschen schon so ergeht, der weiß, wie man Hilfe sucht – was geschieht dann mit Personen aus marginalisierten Gruppen?

Eine dieser vielen Gruppen bilden geflüchtete Menschen. Sie stoßen auf ihrer Odyssee in Richtung Sicherheit auf unzählige Hürden. Die deutsche Bürokratie bleibt sich hierbei wie immer treu: Sie stellt Betroffenen ein Bein nach dem anderen.

Vielen Menschen scheint nicht bewusst zu sein, in welche Lebensumstände sich Schutzsuchende hierzulande begeben müssen. Personen, die aus ihrer Heimat aufgrund von Krieg, Verfolgung und anderer Formen von Bedrohung fliehen mussten, treffen nach ihrer Ankunft am vermeintlichen Ziel auf weitere Verluste: Jahrelang ungeklärte Bleibeperspektiven und/oder abgelehnte Asylanträge, prekäre Wohnsituationen in Heimen ohne Ruhe und Privatsphäre, eine verzögerte Arbeitserlaubnis, finanzielle Armut und die mangelnde psychologische Betreuung sind nur ein paar der Barrieren, die Geflohene in die Bedeutungslosigkeit verbannen. Genau diese entmündigenden Hürden führen auch dazu, dass sich der akut schlechte mentale Zustand vieler traumatisierter oder unter einer Depression leidender Menschen verschlimmert oder gar chronifiziert, was dann eine noch intensivere Behandlung erfordern würde.

Beispielsweise zeigte eine Studie aus Leipzig, dass 247 von 570 Personen – 48,7 Prozent – die Kriterien für mindestens eine der erfassten psychischen Erkrankungen erfüllten: Es wurden die somatoforme Störung, Depression und Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) berücksichtigt. Auch eine Untersuchung von minderjährigen Geflüchteten ergab, dass 30 Prozent die aus westlicher Perspektive vorhandenen Kriterien für eine PTBS und ebenfalls 30 Prozent jene für Angst- und Depressionssymptome erfüllten.

Diese Zahlen sind höchst alarmierend und erschweren Leidtragenden jegliche Möglichkeit auf eine autonome Lebensgestaltung und ein positives Wohlbefinden in einer überhaupt schon belastenden Lebenslage. Geflüchtete Menschen werden handlungsohnmächtig gemacht, indem sie in bürokratischen Sackgassen verharren müssen. Dazu kommt der Rassismus, der in der Gesellschaft so tief verankert und alltäglich ist, dass er als Ursache für psychisches Leiden oftmals gar nicht berücksichtigt wird. Während der deutsche Staat Milliarden in die Bundeswehr, Technologien und die Deutsche Bahn investiert, bleiben seine Bewohner wieder einmal auf der Strecke.

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