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Kopf-an-Kopf-Rennen in Südkorea

Die beiden aussichtsreichsten Bewerber Yoon Suk Yeol und Lee Jae Myung liegen nahezu gleichauf

  • Von Felix Lill
  • Lesedauer: 4 Min.
Eine Südkoreanerin gibt in Seoul ihre Stimme ab.
Eine Südkoreanerin gibt in Seoul ihre Stimme ab.

Die Schlagzeilen in Südkorea überholten sich am Mittwochabend stündlich, und einmal ging es dabei weder um die Pandemie noch um die russische Invasion in der Ukraine. Zwar betreffen beide Themen das ostasiatische Land stark: Den Sanktionen der westlichen Industriestaaten hat sich Südkorea angeschlossen, zudem steckt das Land inmitten der sich ausbreitenden Omikron-Variante gerade in einer neuen Infektionswelle. Doch über den wichtigsten Texten des Tages stand: »Kopf an Kopf«, oder »Zu eng, um einen Sieger auszumachen«.

Südkorea hat am Mittwoch darüber abgestimmt, wer der neue Präsident des Landes werden soll. Und die Angelegenheit ist so knapp wie die Wahlumfragen während der letzten Wochen zuvor. Eine Umfrage am Wahltag sah den linksliberalen Lee Jae-myung mit 0,7 Prozentpunkten vorne, eine andere den konservativen Yoon Suk-yeol mit 0,6 Prozentpunkten. So hielten sich die zwei Kandidaten am Abend auch mit Statements über Sieg oder Niederlage zurück. Hochrechnungen sahen wiederum Lee mit leichtem Vorsprung vorne.

Es war eine der am stärksten umkämpften Wahlen in der Geschichte Südkoreas. Nach der Unabhängigkeit des ostasiatischen Landes von der japanischen Kolonialherrschaft im Jahr 1945 hatte bald das Militär die Macht an sich gerissen. Die ersten wirklich freien Wahlen danach fanden 1987 statt. Seither aber hat sich Südkorea als Demokratie mit geregelten Machtwechseln zwischen zwei dominanten Parteien etabliert, der linksliberalen Demokratischen Partei und der konservativen Volkspartei, wobei sich deren Namen über die Jahre mehrmals geändert haben. Auch deren Programme sind nicht gleich geblieben. In Nachbarschaft zum von der Kommunistischen Partei regierten Nordkorea galt es etwa lange Zeit als verpönt, sich für einen stärkeren Staat einzusetzen. Auch durch den Einfluss der USA sowie der im Land einflussreichen Multikonzerne um Samsung und Hyundai, die man hier Chaebol nennt, ist Südkorea bisher von einem schlanken Staat geprägt gewesen.

Inmitten zunehmender Prekarisierung des Arbeitsmarktes, die sich durch die Pandemie noch beschleunigt hat, sowie steigender Privatschulden wurde die Rolle des Staates allerdings zu einem wichtigsten Wahlkampfthema. Der linksliberale Lee Jae-myung hat ein - wenn auch zunächst geringes - bedingungsloses Grundeinkommen von monatlich 250 000 Won (rund 183 Euro) versprochen. Außerdem fordert er Kreditgarantien für Geringverdiener und eine längere Auszahlung des Kindergeldes.

Yoon Suk-yeol dagegen hat zwar ebenso höhere Lebensstandards versprochen, will dies aber mit einem noch schlankeren Staat erreichen. Die öffentlichen Ausgaben sollen reduziert werden, um so für Entlastungen von Personen und Betrieben zu sorgen. Unter anderem hat Yoon mit der Abschaffung der Kapitalertragssteuer geworben. Auch Unternehmen sollen durch Steuersenkungen zu Investitionen und der Schaffung neuer Jobs angeregt werden.

Das Wahlergebnis vom Mittwoch zeigt, dass die Menschen in Südkorea in zwei weltanschauliche Lager gespalten sind. Zudem hat die Wahlbeteiligung mit rund 77 Prozent einerseits einen historisch hohen Wert erreicht, andererseits galten die beiden Kandidaten nach Umfragen aber als historisch unbeliebt. Das liegt auch daran, dass sich die zwei Seiten immer wieder gegenseitig Vorwürfe gemacht haben - von Skandalen im Privatleben bis zu Korruption und Machtmissbrauch.

Neben der Frage über Wirtschafts- und Sozialpolitik haben sich Lee und Yoon auch in ihrer Haltung gegenüber dem verfeindeten Bruderstaat Nordkorea unterschieden, mit dem Südkorea seit Ende des Koreakrieges 1953 weiterhin nur in einem Waffenstillstand verharrt. Yoon will - wie für Konservative in Südkorea typisch - eine noch härtere Linie gegenüber dem Norden fahren. Lee sucht den Ausgleich, wie es auch sein aus dem Amt scheidender Parteikollege Moon Jae-in probiert hat.

Der Linksliberale Moon Jae-in, der nach fünf Jahren im Präsidentenamt laut Verfassung nicht erneut antreten durfte, ist tendenziell ein Nachteil für die Kampagne von Lee Jae-myung gewesen. Schließlich überwiegt bei der Bewertung der Amtszeit von Moon die Enttäuschung. Auf Moon hatten große Hoffnungen geruht, als er im Jahr 2017 auf Park Geun-hye folgte, die Tochter des einstigen Militärdiktators Park Chung-hee. Park war wegen Korruption ihres Amtes enthoben worden.

Moon Jae-in gewann die darauffolgende Wahl mit großen Versprechen. Die Macht der Konzerne wollte er bändigen, den prekären Arbeitsmarkt reformieren, die Beziehungen zu Nordkorea zu einem Friedensvertrag führen. Von alldem ist Moon, der Südkorea zwar recht erfolgreich durch die Pandemie geführt hat, aber praktisch nichts gelungen.

Das Wahlergebnis wird nun, nachdem die Umfragen am Mittwoch allzu knapp ausfielen, am Donnerstag erwartet. Nach einem hitzigen und schmutzigen Wahlkampf, der über Wochen das Land nicht nur inhaltlich, sondern auch emotional gespalten hat, wird der Sieger dann eine große Aufgabe vor sich haben: Die fast ebenso große Zahl an Wählerinnen und Wählern, die gegen ihn gestimmt haben, muss er irgendwie von der eigenen Sache und Person überzeugen.

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