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  • Ballonfahren im Kaiserwinkl

Anpacken, einsteigen, abheben!

Im österreichischen Kössen geben sich jeden Winter Ballonfahrer ein Stelldichein. Besucher können mithelfen und mitfliegen

  • Von Michael Juhran
  • Lesedauer: 5 Min.

Die Sonne lacht am blauen Himmel, der Kaiserwinkl begrüßt seine Gäste mit Kaiserwetter. »Besser könnten die Bedingungen für eine winterliche Ballonfahrt kaum sein«, zeigt sich Irmgard Moser begeistert. Vor dreißig Jahren hat die passionierte Pilotin ihr Hobby zum Beruf gemacht, organisiert seit mehr als zwanzig Jahren mit ihrem Partner mit dem »Alpin Ballooning« in Kössen und Walchsee eines der prestigeträchtigsten Ballonfestivals im Alpenraum und konnte bereits Hunderten von Besuchern zu einer Traumfahrt über die abwechslungsreiche Winterlandschaft zwischen dem Zahmen und dem Wilden Kaiser verhelfen. »Hoch oben sieht man die Welt mit ganz anderen Augen«, erklärt die einzige Berufsballonpilotin Österreichs ihren Enthusiasmus, den sie gern mit anderen teilt.

Auch wenn ihr Corona im vorigen und in diesem Winter die Möglichkeit nahm, das geplante und ersehnte 20. Jubiläum des »Alpin Ballooning« mit über 40 internationalen Ballonteams zu feiern, verfällt sie nicht in Passivität. Zwölf Teams sind allen Widrigkeiten zum Trotz auch in diesem Jahr in Eigenregie angereist und versehen zur Freude der Wintersportgäste mit ihren Ballons den blauen Himmel mit bunten Farbtupfern.

Das Stelldichein der Ballonfahrer bietet auch den angereisten Touristen die Chance, zu Sonderkonditionen für 260 Euro ein nicht alltägliches Luftabenteuer zu erleben. Dafür muss jeder mit anpacken, um die Ballonhülle im Schnee auszubreiten, dann erst mit kalter und anschließend mit heißer Luft zu befüllen, bis die fauchenden Gasbrenner die 25 bis 35 Meter hohen Heißluftkugeln mit ihren Passagierkörben in die kalte Winterluft entschweben lassen. Wie immer setzt Irmgard alles daran, jedem interessierten Gast ein Ballonteam zu vermitteln, das unter Einhaltung der aktuellen Hygienemaßnahmen eine Mitfahrt ermöglicht.

Gegen 10 Uhr treffen sich Teams und Gäste am Ufer des schneebedeckten Walchsees. Alle legen Hand an, um den Korb, die Ballonhülle und die Gasflaschen samt Brenner vom Pick-up herunter in Position zu ziehen. Die mitreisenden Gäste halten die Ballonhülle weit aufgespannt, während die Piloten mithilfe eines Ventilators und Brenners Luft einleiten. Irmgard Moser macht mit ihrem Team den nagelneuen 20-Jahre-Jubiläumsballon zur Jungfernfahrt startklar, während neben ihr Stefan Kummeth und Thomas Schaller ihren 4250 Kubikmeter großen Riesenballon in Stellung bringen.

2500 Quadratmeter festvernähtes Gewebe fanden für diesen 38 Meter hohen und 23 Meter im Querschnitt messenden Ballon Verwendung, mit dem die beiden Piloten bereits mehrfach die Alpen bis nach Italien überquerten. Nach Losentscheid steuert Stefan heute den Ballon, während Thomas die von der Windrichtung abhängige Route mit dem Pick-up verfolgt.

Nach wenigen Minuten hebt sich der luftgefüllte Ballon über den Korb. Vorsichtig klettern die Passagiere an Bord und schon kann die abenteuerliche Fahrt beginnen. Behutsam füllt Stefan mit dem Brenner weitere Heißluft in die Hülle, bis sich das Gefährt Meter um Meter vom Boden löst. Als wären die Gesetze der Gravitation außer Kraft gesetzt, steigt das rund eine Tonne schwere Luftfahrzeug pro Sekunde anderthalb bis zwei Meter in die klare Bergluft. Lautlos und geschmeidig gewinnt es an Höhe und nimmt Fahrt auf. Nur das Zischen des Brenners unterbricht von Zeit zu Zeit die Stille.

Im Korb ist der sanfte Wind kaum vernehmbar, der den bunten Ballon mit nahezu gleicher Geschwindigkeit bewegt. Nordwind lässt ihn majestätisch in Richtung Wilder Kaiser gleiten. Unten sind Skilangläufer auszumachen, die auf der Uferloipe des Walchsees unterwegs sind. Wanderer verfolgen die Fahrt mit dem Fernglas oder bloßen Auges und lassen die Kameras klicken.

Mit 50 Stundenkilometern und in 3500 Metern Höhe geht es über die schroffen Zacken des Wilden Kaisers, während sich am Horizont ein märchenhaftes Gebirgspanorama mit schneebedeckten Alpenkämmen ausbreitet, zu deren Füßen die typischen Tiroler Block- und Fachwerkhäuser auftauchen. »Der Winter ist für uns die beste Jahreszeit«, schwärmt Stefan. »Bei kühlem Wetter lassen sich die 60 bis 80 Grad Temperaturunterschied zwischen Balloninhalt und Außenluft, die für ein Aufsteigen des Gefährts notwendig sind, mit wesentlich geringerem Aufwand erzielen als im Sommer. Die mitgeführten Gasflaschen reichen dann bis zu vier oder fünf Stunden, sodass manche Piloten gar eine Alpenüberquerung mit Sauerstoffmasken wagen, die im Sommer aufgrund der Thermik kaum vorstellbar ist.«

Nach anderthalbstündiger Fahrt hält Stefan über dem Ort Oberndorf bei St. Johann Ausschau nach einem Landeplatz. Jetzt folgt einer der spannendsten Momente der Fahrt. Geschickt nutzt der Pilot die unterschiedlichen Windströmungen der einzelnen Luftschichten aus, um das Fahrzeug möglichst punktgenau neben einer Chaussee auf den Boden zu setzen. Unerwartet sanft landet der Ballon im Schnee, nur einen Steinwurf von einem Industriegebäude entfernt.

Gemeinsam mit dem Ballonteam drücken alle die Luft aus der Hülle, legen den Ballon zusammen und jonglieren den Korb auf den von Thomas herangefahrenen Transportanhänger. Die anschließende Taufe der Luftfahrenden erfolgt nach alter Tradition. Da die Ballonfahrt in ihrem Anfangsstadium dem Adel vorbehalten war, erhält auch heute noch jeder Novize nach bestandener Erstfahrt einen symbolischen Adelstitel. Beim nächsten Start werden die so in den Ballonfahrer-Adelsstand erhobenen Passagiere als Herzog, Graf, Fürstin oder Baronin in die Luft steigen. In Kössen ist dies rund ums Jahr unter dem Motto »Einsteigen, Abheben und ein Traum wird wahr« möglich.

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