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Knochenschwund oft unbehandelt

Bei Frakturen im Alter sollte unbedingt abgeklärt werden, ob eine Osteoporose vorliegt

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 3 Min.
Funktionsgymnastik mit einer Ein-Kilo-Handel in einer Selbsthilfegruppe für Osteoporose
Funktionsgymnastik mit einer Ein-Kilo-Handel in einer Selbsthilfegruppe für Osteoporose

Osteoporose wird auch als Knochenschwund bezeichnet. Die Störung des Stoffwechsels in diesem Bereich kann verschiedene Ursachen haben: Eine ganze Reihe von Medikamenten, darunter Krebstherapeutika, Magenschutzpräparate oder Antiepileptika kommen infrage. Bei etwa einem von 20 Patienten tritt Osteoporose infolge einer anderen Erkrankung auf - das können unter anderem bestimmte Schilddrüsenerkrankungen sein. Im Resultat baut der Körper nicht mehr genug Knochenmasse auf - oder baut sie zu schnell ab. Fatal daran: Knochen können schon bei geringer Belastung brechen. Besonders häufig geschieht das bei älteren Menschen.

Ralf Schmidmaier von der Ludwig-Maximilians-Universität München nennt aktuelle Zahlen: Nach Kassendaten leiden in Deutschland schon 6,3 Millionen Menschen an Osteoporose, darunter mit 5,2 Millionen deutlich mehr Frauen. 730 000 durch Osteoporose bedingte Frakturen werden in Deutschland jedes Jahr behandelt. Mediziner schätzen, dass es im Jahr 2030 eine Million solcher Fälle geben wird. Schon in den vergangenen zehn Jahren sind die in diesem Zusammenhang mit solchen Brüchen entstandenen Kosten um ein Drittel gewachsen.

Typisch bei Älteren sind Frakturen des Oberschenkelhalses. Menschen, die bislang noch autonom und selbstständig leben konnten, erfahren dadurch direkt auch einen »Bruch im Leben«, so Internist Schmidmaier. Viele bleiben pflegebedürftig, manche sterben an den langfristigen Folgen. Vielleicht müsste es nicht gehäuft zu solchen Verläufen kommen, wenn der Knochenabbau ernster genommen würde. 75 Prozent der Patientinnen und Patienten erhalten in Deutschland keine adäquate Therapie, heißt es im Vorfeld des in dieser Woche stattfindenden Kongresses für Endokrinologie. In diesem Jahr werden bei der zentralen Fachveranstaltung für hormonelle Krankheiten die Erkrankungen von Knochen und Skelettsystem eine besondere Rolle spielen.

Die genannte Versorgungslücke existiert weltweit und auch in Europa, wobei Deutschland weit hinten liegt. Dabei gibt es, wie Schmidmaier erläutert, »hocheffiziente und nebenwirkungsarme Medikamente« zur Behandlung von Osteoporose. Zudem existierten in Deutschland aktuelle Leitlinien, die relevantes Wissen für Ärzte bündeln. Ein Screening auf Osteoporose sei für alle Frauen nach der Menopause sowie für Männer ab 60 Jahren empfehlenswert. Bei Frakturen in dieser Gruppe müsste immer abgeklärt werden, ob schon eine Osteoporose vorliegt. Dabei sei die Knochendichtemessung nur eine Ergänzung, erläutert der Münchner Mediziner, das persönliche Gespräch mit dem Patienten aber unverzichtbar.

Eine Besonderheit der Osteoporosetherapie besteht darin, dass hier verschiedene Ärzte zusammenwirken, denn es müssen alle Begleiterkrankungen im Auge behalten werden. Dazu gehören unter anderem rheumatoide Arthritis, Epilepsie, Depressionen oder Diabetes.

Ausreichend körperliche Aktivität gehört auch für Schmidmaier zur Basistherapie. »Nur ein Knochen, der benutzt wird, bleibt stabil. Ein Knochen, der nicht benutzt wird, wird abgebaut.« So könne erklärt werden, warum Untergewicht ein Osteoporoserisikofaktor ist und Übergewicht vor Osteoporose schützt. »Bei Untergewichtigen ist die mechanische Belastung geringer, daher wird auch weniger Knochen gebildet.« Diese Erkenntnisse seien aber nicht neu.

»Neu ist der Zusammenhang mit dem Muskelabbau. Die Muskeln sind ja am Knochen befestigt und üben einen Reiz auf den Knochen aus. Vereinfacht daher: Je weniger Muskel, desto weniger Knochen.« Hier hat sich ein neues Krankheitsbild entwickelt, die sogenannte Osteosarkopenie. »So weit man heute weiß, ist sie schlimmer als die reine Addition von Osteoporose und Sarkopenie (Muskelschwund). Bezüglich Ursachen und Therapien von Sarkopenie gibt es neue Erkenntnisse, die auch auf dem diesjährigen Kongress vorgestellt werden« erläutert Schmidmaier, der unter anderem das Bayerische Osteoporosezentrum leitet.

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