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»Ich hadere nicht mit dem Tod«

Cass Yousef ist glücklich, in einem alternativen, divers aufgestellten und kollektiv organisierten Bestattungsunternehmen zu arbeiten

  • Von Inga Dreyer
  • Lesedauer: 8 Min.
Bestattungskultur: »Ich hadere nicht mit dem Tod«

Sie haben Islamwissenschaften studiert und unter anderem in einer Kita, in einem Comic-Verlag und bei Festivals gearbeitet. Hätten Sie gedacht, dass Sie mal Bestatterin werden würden?

Ich bin nicht vollkommen überrascht darüber. Mit 16 hatte ich wegen eines Schülerpraktikums schon mal beim Bestatter angerufen, mich dann aber für den Kulturladen St. Georg in Hamburg entschieden, ein Stadtteilkulturzentrum. Vor fünf Jahren, da war ich 28, bin ich dann zu Memento gekommen - und ich bin sehr glücklich, dass ich dort gelandet bin.

Ganz oft sagen Leute zu mir: »Das könnte ich nicht.« Ich sage dann: Ich könnte nicht in einer Bank arbeiten. Man braucht natürlich eine Affinität zu dem Beruf. Wenn eine Person eine Abneigung hat, sich mit dem Ende des Lebens und mit toten Körpern zu beschäftigen, kann sie das nicht machen. Aber ich arbeite gerne in der Ausnahmesituation.

Wie sind Sie zu dem Beruf gekommen?

Ich habe Geisteswissenschaften studiert, Sprachen gelernt, war im Ausland und habe dann irgendwann gemerkt: Ich will gar nichts Geisteswissenschaftliches machen, ich will gerne einfach arbeiten. Ich habe viel gejobbt, unter anderem in der Logistik im Haus der Berliner Festspiele. In meiner Babypause habe ich noch mal grundsätzlich überlegt: Wie kann ich eine gute Arbeit machen statt so vieler kleiner Sachen? Eine Freundin hat mir damals von dem Bestattungskollektiv erzählt.

Für mich war es immer wichtig, mit wem ich arbeite. Wenn ich mit guten Leuten arbeite, kann ich fast jede Arbeit gut machen. Ursprünglich bin ich über die Arbeitsform zu Memento gekommen, aber inzwischen mache ich das hauptsächlich, weil es eine unglaublich wertvolle Arbeit ist. Der Umgang mit dem Tod ist auch gesellschaftlich ein wichtiges Thema, weil viele Abläufe unnötigerweise viel Leid verursachen. Den Tod gibt es so oder so. Aber man kann das Leben mit dem Tod durch professionelle Begleitung ein bisschen besser machen.

Was sollte sich im Umgang mit dem Tod ändern?

Es braucht den Trauernden gegenüber mehr Anerkennung. Das simpelste Beispiel wäre, dass sich Menschen mehr als ein bis drei Tage je nach Verwandtschaftsverhältnis krankschreiben lassen dürfen sollten, wenn sie einen Trauerfall haben. Trauerprozesse sind anstrengend und langwierig. Ich glaube, es hilft Menschen, darauf vorbereitet zu sein und offen darüber sprechen zu können.

Wichtig ist, schon Kindern Trauerkompetenzen beizubringen. Wir gehen auch an Schulen, um darüber zu reden: Was heißt es für dich, traurig zu sein? Wie gehe ich damit um, wenn jemand anderes traurig ist?

Bei uns sitzen häufig Menschen, denen jedes Mitwirken nach dem Tod eines Menschen verwehrt wurde. Eine Person ist im Krankenhaus gestorben, und plötzlich war die Urne auf dem Friedhof. Ich glaube, Zwischenschritte auszulassen und keine Möglichkeit zu haben, Menschen im Sterben zu begleiten oder sich zu verabschieden, kann einen das ganze Leben lang belasten. Genauso kann ein Mensch ein Leben lang davon zehren, während eines Abschiedsprozesses heilsame und selbstwirksame Erfahrungen gemacht zu haben.

Memento ist ein alternatives Bestattungsinstitut. Was bedeutet das?

Dieser Begriff verbreitet sich, obwohl ich selbst ihn vielleicht nicht unbedingt benutzen würde. »Alternativ« heißt ja erst mal: anders als sonst. Und das ist schon so. Ich glaube, in tradierten Unternehmen wird nicht so prozessorientiert und trauerbegleitend bestattet. Uns ist es wichtig, viel Aufklärungsarbeit zu leisten, damit die Leute für sich entscheiden können: Was brauche ich in den Stunden, Tagen und Wochen nach dem Sterben? Wir versuchen, Leute zu ermutigen, ganz viel teilzuhaben an allen Schritten des Prozesses, wenn sie das möchten. Wir laden unter anderem auch dazu ein, bei der Totenfürsorge dabei zu sein - also die Verstorbenen zu waschen, zu kleiden und in den Sarg zu betten. Wahrscheinlich begleiten wir im Unterschied zu traditionellen Bestatter*innen zahlreicher und intensiver diejenigen Menschen, die in der Häuslichkeit sterben, und organisieren auch Hausaufbahrungen.

Bei uns begleitet jeweils ein*e Bestatter*in den gesamten Prozess vom Erstgespräch bis zur Beerdigung. Dadurch kann sich Vertrauen aufbauen. Die Menschen wissen: Wir sind als stabile Personen da. Sie können auf uns zurückgreifen, wenn sie überfordert sind. Auch in der Kapelle und auf dem Friedhof wissen sie: Da ist die stabile Person, mit der kann ich Blickkontakt aufnehmen. Sie hat uns den ganzen Weg begleitet und ist auch bei diesem letzten Gang dabei.

Braucht es eine Ausbildung, um Bestatter*in zu werden?

Nein. Es gibt eine Ausbildung, die ist aber nicht verpflichtend. Die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt, man kann einfach zum Gewerbeamt gehen und sich anmelden. Meine Kolleg*innen und ich haben viel voneinander gelernt. In der Bestatter*innenausbildung lernt man sehr viel Formelles und Technisches. Das muss man auch alles können, aber das ist nicht das, was das Wesentliche unserer Arbeit darstellt. Wir gründen gerade den gemeinnützigen Verein Trauerkultur, über den wir künftig unsere Bildungsarbeit, Workshops und Vorträge konzipieren und anbieten werden.

Wer sind Ihre Kund*innen?

An uns wenden sich überdurchschnittlich viele Personen, die den Verlust eines jüngeren Menschen, verbunden mit schweren Krankheitsverläufen, Unfällen oder Suiziden, betrauern. Es kommen viele Menschen, die sich sehr bewusst mit dem Tod auseinandersetzen und beispielsweise das Sterben in der Häuslichkeit vorbereiten. Unser Team ist sehr divers aufgestellt. Ich glaube, fast alle würden sich als queer verorten. Aber ob queer oder nicht: Wir denken in den Systemen um die*den Verstorbene*n herum auch die unsichtbaren Personen mit. Das sind oft Geschwister. Denn in der Regel bekommen vor allem die Eltern die Aufmerksamkeit für das verstorbene Kind, insbesondere wenn es erwachsene Geschwister gibt. Nicht mitgedacht werden oft auch neue Partner oder Ex-Beziehungen, die auch sehr trauern können.

Es kommen auch Menschen zu Ihnen, um Ihre eigene Bestattung zu planen?

Ja, das sind meist ganz schöne und rührende, manchmal auch traurige Begegnungen. Es kommen Menschen, die wissen: Es wird niemanden geben, der sich um meine Bestattung kümmert. Aber es gibt auch Paare, die das Ganze mit Humor nehmen. Denn es hilft niemandem, betrübt über das Lebensende zu lamentieren. Meistens sind die Gespräche heiter. Wir lachen viel, aber wir weinen auch zwischendurch.

Sie weinen mit?

Ja, ich fühle immer mit. Ich weine zum Beispiel, wenn Kinder am Sarg ihrer Eltern stehen. Und ich wüsste auch nicht, warum ich das nicht tun sollte. Manche Geschichten brechen mir einfach das Herz. Aber ich weiß auch: Das ist nicht mein Verlust. Wir gehen ein Stück Seite an Seite mit den Trauernden, aber wir stehen außerhalb. Wir sind wie der Leuchtturm, der im Nebel den Weg zeigt. Dazu brauchen wir eine hohe Stabilität und ein hohes Maß an Selbstreflexion, was die eigenen Verlustthemen angeht.

Was ist das Herausforderndste an Ihrer Arbeit?

Am belastendsten sind für mich strukturelle Schwierigkeiten, zum Beispiel mangelnde finanzielle Ressourcen. Denn Sterben und Bestatten ist in unserer Gesellschaft Privatsache. Eine würdige Beerdigung kostet zwischen 3000 bis 5000 Euro, dazu kommen noch die Friedhofsgebühren. Wir liegen preislich etwa im Mittelfeld. Sonst bleibt nur eine Sozialbestattung, bei der werden für einen geringen Satz die Beerdigungskosten von staatlicher Seite übernommen.

Wir haben eine Art Solidarsystem, wie wir unsere Bestattungen finanzieren. Die, die können, zahlen unseren Standardpreis, bei dem wir einen Puffer einkalkuliert haben, sodass wir auch Bestattungen für Menschen durchführen können, die den Normalpreis nicht zahlen können.

Belastend sind für mich Verwaltungsakte, bei denen einem Unfreundlichkeiten und Unmenschlichkeiten in den Weg gelegt werden. Oder wenn wir merken: Bei den Leuten brennt es drum herum. Zum Beispiel, wenn ein Aufenthaltsstatus nicht gesichert ist, weil der Ehepartner gestorben ist. Das ist sehr viel belastender als die eigentliche Begleitung von Trauernden. Ich hadere nicht mit dem Tod, den habe ich akzeptiert. Sonst könnte ich diesen Beruf nicht machen.

Wie hat sich Ihre Arbeit in der Pandemie verändert?

Einen kurzen Moment waren wir paralysiert. Dann haben wir uns darauf besonnen, dass die Ausnahmesituation unser Alltag ist. Es gab zeitweise sehr schmerzhafte Begleitungen mit starken Einschränkungen. Wir konnten zum Beispiel nicht mehr mit Zugehörigen zu den Toten.

Letztendlich haben wir aber für alles eine gute Alternative gefunden. Wir haben zum Beispiel den Sarg vorher gemeinsam bemalt, weil wir uns zwar dem toten Körper nicht mehr nähern konnten, aber doch dem Gegenstand, der ihm am nächsten sein würde. Wir haben auch viele Abschiednahmen an geschlossenen Särgen gemacht und auf den Sarg Symbole gelegt, die den Menschen repräsentieren: einen Hut ans Kopfende oder ein Kuscheltier auf die Herzgegend.

Auf den Friedhöfen durften teilweise nur zehn Menschen dabei sein. Aber was ist, wenn es zwölf gleichwertige Leute gibt? Wir haben dann zum Beispiel mit allen, die nicht zur Beerdigung kommen können oder dürfen, verabredet: Um 10.25 Uhr, wenn der Sarg in die Erde gelassen wird, hören wir alle dasselbe Lied. So schaffst du Verbundenheit, ohne vor Ort sein zu müssen.

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