Auf dem Rücken der Schwächsten

In der Ukraine boomt das Geschäft derjenigen, die das Leid der Geflüchteten ausnutzen, um Profit zu machen

  • Von Philip Malzahn, Kiew und Lwiw
  • Lesedauer: 7 Min.
Menschen, die aus der belagerten Stadt Mariupol geflohen sind, stehen zusammen mit anderen Flüchtlingen aus Saporischschja auf einem Bahnsteig, nachdem sie in Lwiw in der Westukraine angekommen sind.
Menschen, die aus der belagerten Stadt Mariupol geflohen sind, stehen zusammen mit anderen Flüchtlingen aus Saporischschja auf einem Bahnsteig, nachdem sie in Lwiw in der Westukraine angekommen sind.

Ljudmilla steht vor ihrem sowjetischen Wohnblock am Stadtrand von Kiew. In der Fassade klafft ein riesiges Loch. Das Geschoss, das die Wohnung ihrer Nachbarin zerriss, kam über den Wald herüberflogen. Es wurde von den russischen Artilleriepositionen keine 20 Kilometer entfernt abgeschossen. Am Horizont steigt schwarzer Rauch empor. Immer wieder donnert es. In der Peripherie der Hauptstadt liefern sich die ukrainische und die russische Armee erbitterte Kämpfe. Letztere wollen die ukrainische Hauptstadt erobern und höchstwahrscheinlich dort eine Regierung einsetzen, die ihnen besser gesinnt ist als die des derzeitigen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Und weil die russischen Truppen das nicht schaffen, ist es wohl der Ausweichplan, Kiew einzukreisen und durch Beschuss in die Knie zu zwingen.

Zumindest bei Ljudmilla haben sie das geschafft. Ihre Hoffnung auf einen positiven Ausgang des Krieges für die Ukraine ist zerstört. Während laut Angaben des Bürgermeisters von Kiew und Ex-Boxprofis Vitali Klitschko noch immer rund die Hälfte der drei Millionen Einwohner in der Metropole ausharrt, will Ljudmilla nur noch raus. »Ich habe Angst«, sagt sie nüchtern, als sie am frühen Morgen ihren Koffer in den schwarzen Dacia Duster mit Wiener Kennzeichen lädt. Wir haben angeboten, sie in unserem Auto nach Lwiw zu fahren, in die im Unterschied zu anderen Regionen relativ sichere Westukraine, die allerdings auch seit einiger Zeit unter schweren Luftangriffen leidet.

Die studierte Atomphysikerin war nach über einem Jahrzehnt an der State University of Louisiana in den USA erst vor ein paar Jahren in die Ukraine zurückgekehrt. »Ich wollte nach Hause, ich wollte mir etwas Neues aufbauen«, erzählt Ljudmilla. Dann hat der russische Präsident Wladimir Putin am 24. Februar dieses Jahres eine »Spezialoperation« angeordnet, de facto handelt es sich um einen Invasionskrieg gegen das Nachbarland. Es gibt keine genauen Angaben zu den Opferzahlen, doch diverse Schätzungen gehen von bereits mehr als 20 000 Toten aus – das beinhaltet sowohl russische wie auch ukrainische Militärs und Zivilisten. Mehr als 3,5 Millionen Menschen haben die Ukraine Richtung Nachbarländer verlassen. Viele weitere sind innerhalb des Landes vor den Kämpfen auf der Flucht.

Während die Nachrichten in diesen Tagen quasi in Dauerschleife Bilder einer scheinbar grenzenlosen Solidarität mit den Flüchtenden innerhalb wie außerhalb der Ukraine zeigen, erzählt Ljudmilla auf der Fahrt von einer anderen, dunkleren Seite. Wir verlassen Kiew. Die dunklen Rauchschwaden, leeren Straßen und glitzernden Neubauten verschwinden hinter uns. Soldaten winken den Dacia Duster durch die Checkpoints. Öfter liegen Autowracks in den neu errichteten Blockaden. Manche Autofahrer erkennen die improvisierten Straßensperren, die täglich von Neuem auftauchen, nicht rechtzeitig. Ljudmilla erzählt uns davon, wie sie mehrmals vergeblich versucht hat, aus der Stadt zu fliehen. Eine Zeit lang durfte man aufgrund der Massen von Menschen, die allesamt versucht haben, einen heiß begehrten Platz in einem der Züge gen Westen zu ergattern, am Hauptbahnhof in Kiew keine Taschen mitnehmen. Ljudmilla suchte also nach einem anderen Weg, dem Krieg zu entkommen und trotzdem ihre Habseligkeiten mitzunehmen. Ihre Lösung: Blablacar, ein auch in Deutschland beliebtes Portal, über das Privatpersonen einen Platz im Auto als sogenannte »Mitfahrgelegenheit« gegen ein Entgelt anbieten können. Sie findet viele Angebote. Die Fahrer verlangen von ihr eine Vorauszahlung über das Internet. »Für Benzin«, sagt Ljudmilla. Denn Sprit ist in diesen Tagen nicht nur extrem teuer, sondern in der Ukraine überhaupt Mangelware. Die meisten Tankstellen in und um Kiew etwa haben geschlossen. An denen, die offen sind, gibt es pro Auto nur 20 Liter. Ljudmilla zahlt also zwei Mal die von ihr geforderte Summe. »Sobald das Geld – circa 30 Euro – abgeschickt wurde, haben die Fahrer mich blockiert und unsere Unterhaltung gelöscht«, erzählt sie.

Eine kurze Recherche im Internet ergibt, dass es eine Vielzahl solcher dubioser Angebote gibt. Die Menschen werden mit dem Versprechen auf eine schnelle Evakuierung und mit günstigen Preisen gelockt. Ljudmilla trauert auch nicht den 30 Euro hinterher. »Es ist eher das Spiel mit der Hoffnung«, sagt sie, »und wenn man überlegt, dass diese Abzocke wohl tausendfach täglich stattfindet, springt für die Täter doch Einiges dabei heraus.« Das Problem ist mittlerweile bekannt. Das ukrainische Onlinemedium Pravda warnte in einem Artikel vor der Masche. Das »nd« konnte mit einem jungen Ukrainer sprechen, der selber als sogenannter Scammer arbeitet. »Scammer, die in der Ukraine sitzen, machen meistens Abzocke mit Menschen außerhalb. Das hat vor allem Sicherheitsgründe, denn wenn man in einem anderen Land agiert, ist man schwerer verfolgbar und vor allem schwerer zu bestrafen«, erzählt der 23-Jährige, der seinen Namen nicht nennen möchte. »Die ukrainische Polizei und der SBU, das ist ein bisschen wie das FBI auf Ukrainisch, haben eine sehr effiziente Cybereinheit. Wer die Ukrainer betrügt, sitzt meistens folglich etwa in der Republik Moldau oder woanders außerhalb der Grenzen.« Trotzdem seien die Täter meist Ukrainer. Er möchte sich nicht zu der Tatsache äußern, dass seine Arbeit anderen Menschen extrem schadet, ihre Angst und Hoffnung ausnutzt.

Dunkle Bruchbuden für bis zu 2000 US-Dollar im Monat

Lwiw, ehemals Lemberg, im Westen der Ukraine war vor Kriegsbeginn eine ruhige, unaufgeregte Stadt knapp eine Autostunde von der polnischen Grenze entfernt. Heute ist sie das Nadelöhr für Schutzsuchende aus dem gesamten Land, die von hier aus in die Europäische Union gelangen wollen. Jeden Tag kommen Tausende Menschen an. Die gesamte Infrastruktur ist überlastet. Hotels sind komplett ausgebucht. Viele Neuankömmlinge müssen in der Bahnhofshalle schlafen oder in der »Fabrika«, einem alten Fabrikgelände aus Sowjetzeiten, das nun zu einer Art Massenunterkunft umfunktioniert wurde.
Innerhalb eines Monats sind die Mietpreise drastisch angestiegen – und zwar auf ein Niveau, das sich die wenigsten Ukrainer leisten können. Im Internet gibt es kaum Inserate. Die wenigen, die es gibt, zeigen auf den Bildern meist kleine, dunkle Bruchbuden für Preise zwischen umgerechnet 1000 und 2000 US-Dollar im Monat. Das ist nicht nur für Ukrainer, in deren Land durschnittlich viel geringere Löhne als im Westen gezahlt werden, eine Menge Geld. Das Problem ist bekannt. Der Bürgermeister von Lwiw, Andriy Sadovyi, hatte bereits in einer Videobotschaft angekündigt, alle Menschen, die unverhältnismäßige Mietpreise verlangen, strafrechtlich verfolgen zu lassen. Doch in der Ukraine herrscht der Ausnahmezustand. Alles dreht sich in diesen Tagen um den Krieg. Die Strafverfolgungsbehörden sind überlastet. Solche Prozesse dauern selbst in Friedenszeiten oft mehrere Jahre.

Von harten Worten wie die des Bürgermeisters lassen sich nur wenige abhalten: Das zeigt der Fall Pavlo. Der 28-jährige Programmierer ist gebürtiger Lwiwer. Seit drei Jahren mietet er eine geräumige Zwei-Zimmer-Wohnung in der Nähe des Hauptbahnhofs für umgerechnet rund 350 Euro im Monat. Als die Russen angreifen und der Krieg ausbricht, rufen ihn zwei Freunde aus Kiew an. Sie sind auf der Flucht. Pavlo bietet an, sie vorübergehend zu beherbergen. Das Pärchen schläft für ein paar Tage bei ihm im Wohnzimmer. Sein Vermieter kriegt davon Wind und ist empört. Die Frau des Vermieters gibt sich an der Klingel als Postbotin aus, die beiden drängen sich in die Wohnung. Pavlo beherberge russische Spione, sagen sie, die in der Küche Bomben basteln würden. Sie sollen verschwinden und Pavlo ebenfalls. Der völlig überforderte 28-Jährige filmt die Szenen mit dem Handy. »Warum tut ihr das?«, fragt er. Noch am selben Abend ist er ausgezogen.

Das Video geht viral und ist mittlerweile in der gesamten Ukraine bekannt. »Das Ganze war einfach eine Masche, mich aus der Wohnung rauszuhaben«, sagt Pavlo im Gespräch mit dem »nd«. »Am nächsten Morgen ist bereits einen neuen Mieter eingezogen«, erklärt er. »Wie viel der zahlt, weiß ich nicht, aber bestimmt mehr als ich.« Am Telefon will sich der Vermieter nicht zu dem Vorfall äußern. Pavlo ist sichtlich aufgewühlt und will rechtlich dagegen vorgehen. »Es geht vielen so wie mir«, sagt er. Ein Freund von ihm sei mit ähnlichen Methoden aus seiner Wohnung rausgeekelt worden. Andere Bekannte zahlen in Lwiw Unsummen für ihre Bleibe. Trotz dieser unschönen Erfahrungen möchte er jedoch betonen: Die Hilfe, die die meisten Menschen erfahren, sei überwältigend. Die Solidarität zwischen den Ukrainern ist riesig. Es sei definitiv eine Minderheit, die versuchen würde, aus dem Leid anderer Profit zu schlagen.

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