• Berlin
  • Berliner Kiez-Größe

Kreuzbergs letzter Optimist

Der Sozialarbeiter, Café-Betreiber und Aktivist Ercan Yaşaroğlu schaut auf viele Jahre am Kottbusser Tor

  • Von David Zauner
  • Lesedauer: 7 Min.

»Der Kotti ist meine Heimat«. Ercan Yaşaroğlu steht vor seinem Café auf der Galerie des Zentrums Kreuzberg, dem riesigen beige-gelben Gebäudekomplex, der auch über die Adalbertstraße führt. Tiefe Denkfalten, zusammengekniffene Augen unter den buschigen Augenbrauen, das graue lange Haar locker nach hinten gekämmt und ein sauber konturierter Bart - der 63-Jährige ist eine eindrucksvolle Erscheinung. Von hier oben überblickt er den Trubel, den Kiez, der vielen verschiedenen Menschen ein Zuhause ist. Diese Vielfalt sieht Yaşaroğlu durch Kriminalität und explodierende Mieten bedroht.

Langsam geht die Sonne unter und die Straßen des Kottis, wie das Kottbusser Tor liebevoll genannt wird, beginnen in den Farben der Kreuzberger Nacht zu leuchten. Es gibt sie in vielen Großstädten: Läden, Kneipen oder Restaurants, die wirken, als seien sie mit dem Asphalt verwachsen und stünden schon immer dort, wo sie stehen. Alles um sie herum wandelt sich, sie aber überdauern die Jahre wie ein Zeugnis vergangener Zeiten. Dass auch sein Café Kotti irgendwann zu so einem Ort wird, davor hat Ercan Yaşaroğlu Angst. Sein Laden soll nicht bloß eine einsame Erinnerung an das Kottbusser Tor dieser Tage werden.

Ein riesiger Kreisverkehr, das ist das Kottbusser Tor nüchtern betrachtet. Aber vielen gilt der Kiez als wichtiges politisches und subkulturelles Zentrum der Hauptstadt. Weit über Kreuzbergs Grenzen hinaus ist der Kotti aber vor allem als Drogenumschlagplatz und Kriminalitäts-Hotspot berüchtigt. Wer den Kiez nur aus reißerischen TV-Dokus kennt, könnte den Eindruck erlangen, es handle sich um ein humanitäres Krisengebiet mitten in Berlin. Ganz so schlimm sei es nicht, erklärt Yaşaroğlu, der selbst in einigen der Dokus zu Wort kommt. Als Sozialarbeiter, Aktivist und seit 2009 als Betreiber des Café Kotti, kritisiert er dennoch schon seit Jahren die Drogensituation im Kiez. Aber der Kotti sei mehr als nur eine Kriminalstatistik.

Gespräche zwischen Nachbar*innen-Initiativen am Kotti und Verantwortlichen von Land und Bezirk habe es öfter gegeben. Den Gesprächen seien »viele Versprechen, aber wenig Taten« gefolgt. Wenn die Politik etwas unternommen habe, dann über die Köpfe der Anwohner*innen und Gewerbetreibenden hinweg. Natürlich enttäusche ihn das, sagt Yaşaroğlu. Umso wichtiger sei ihm der gute Zusammenhalt in der Nachbarschaft.

Der Kiez scheint wie ein Spannungsfeld zwischen politikverdrossenen Anwohner*innen und Kotti-verdrossenen Politiker*innen. Nun setzt Innensenatorin Iris Spranger (SPD) dem Café auch noch einen ungewollten neuen Nachbarn vor beziehungsweise neben die Tür. Auf der Galerie des Zentrums Kreuzberg, Wand an Wand mit dem Café Kotti, soll eine permanente Polizeiwache entstehen. Nach Protesten soll die Wache nun erst 2023 eröffnet werden. Auf Nachfrage, ob diese Pläne mit den Initiativen vor Ort abgesprochen wären, gab die Pressestelle der Senatsverwaltung für Inneres keine Antwort.

Solche Maßnahmen würden überhaupt nichts bringen, seufzt Yaşaroğlu. Das Misstrauen gegenüber der Polizei sei viel zu groß. Viele, auch er selbst, hätten schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht: blöde Bemerkungen, Racial Profiling oder auch Übergriffe. Würde er mit der Polizei zusammenarbeiten, würde er sehr viel Vertrauen am Kotti verlieren. »Die ganze Jugendarbeit wäre dadurch unmöglich«, erklärt er. Politische Maßnahmen, die nicht mit den Menschen, die hier leben und arbeiten, abgesprochen sind, brächten deshalb gar nichts gegen die Drogen- und Dealerszene. »Das ist nur Werbung für die Polizei«. Seine Lösung: Hygiene- und Konsumräume für Drogenabhängige einrichten, mehr Sozialarbeiter*innen anstellen und Marihuana legalisieren. Ein guter Anfang sei die Eröffnung eines sogenannten Drogenkonsumraums am Kotti. Die Suche nach Räumlichkeiten für die Kontaktstelle Kotti hat über fünf Jahre gedauert.

Sobald man über die Türschwelle des Cafés tritt, wird der permanente Straßenlärm von einer wilden Mischung aus Hits der letzten Jahrzehnte verdrängt. In ausladenden Sofas und Sesseln darf man in der besonderen Atmosphäre des Cafés versinken. Selbst tagsüber fällt nur wenig Sonnenlicht durch die großen Schaufenster nach innen. Was die Vorhänge nicht abfangen, bleibt an den großblättrigen Pflanzen hängen. Egal zu welcher Tageszeit herrscht so immer eine leicht dämmrige Stimmung. Die Wände dünsten den Zigarettenrauch der letzten Nacht aus. Doch der wird nach jedem vorbeiziehenden Tablett von frischem Kaffee- oder Teedampf überdeckt.

Für viele Geflüchtete ist das Café Kotti der erste Anlaufpunkt in Berlin. Das Thema Flucht zieht sich auch wie ein roter Faden durch Yaşaroğlus Leben. Vor 40 Jahren musste er die Türkei verlassen. Anfang der 1980er Jahre war die Militärjunta mit immer massiverer Gewalt gegen die Studierendenproteste, deren Teil er war, vorgegangen. Über Syrien ging es in den Libanon. Dort hat er in Palästinenser*innen-Camps als Sozialarbeiter gearbeitet. Mit dem Krieg zwischen Israel und dem Libanon 1982 setzt sich die Flucht fort. Mit dem nächstbesten Flieger ist der damals 24-Jährige nach Berlin gekommen. Er erinnere sich an den kalten Wind, der durch seine Sommerjacke pfiff, sagt er.

Ein Bekannter, der schon einige Zeit vor ihm nach Berlin gekommen war, empfahl das Café Kotti als Treffpunkt. Dort habe er seinen ersten Kaffee auf deutschem Boden getrunken. Rita Kantemir-Thomä und ihr Ex-Mann Altan Kantemir gehörten zu seinen ersten Kontakten in Berlin. Bei ihnen ist er die ersten Monate untergekommen. »Ercan hat zwar bei uns gewohnt, aber manchmal haben wir ihn wochenlang kaum gesehen«, erinnert sich Rita Kantemir-Thomä. Ständig sei er unterwegs gewesen und von Projekt zu Projekt gesprungen. Dennoch hat er im Café seine ehemalige Frau kennengelernt, hier sind seine Kinder groß geworden. Heute ist es sein Café, sein zweites Wohnzimmer und Büro.

Yaşaroğlu springt zwischen Erzählsträngen hin und her und zurrt dann wieder alles zu einem großen Ganzen zusammen, festgehalten durch seine unerschütterliche politische Überzeugung: Vorurteile überwinden, Schubladen auflösen, sich als Individuen begegnen. »Das ist der Traum«, stellt er mit heiserer Stimme fest, als gäbe es daran gar keinen Zweifel.

Im Nebenzimmer seines Cafés setzt er sich auf ein mächtiges grünes Sofa. Gerade hat er noch an einem Artikel über die türkische Studierendenbewegung der 1980er Jahre geschrieben. Ein prägender Teil seiner Biografie und seiner Vergangenheit. Aber seine Gegenwart ist hier in Kreuzberg und nirgendwo anders. Sein Sohn schaut kurz ins Zimmer, küsst Yaşaroğlu auf die Wange und verabschiedet sich wieder.

Durch seine Kinder habe er viel über den deutschen Alltagsrassismus gelernt, sagt Yaşaroğlu. Seine Tochter sehe aus wie ihre Mutter, mit hellen Haaren und Haut. Sein Sohn wie er. Ihm wurde früher nicht geglaubt, dass er der Vater seiner Tochter sei, seinem Sohn nicht, dass er Berliner ist.

Auch die Situation am Kotti ist für Yaşaroğlu das Ergebnis rassistischer Politik. Es habe in Deutschland viele Versuche gegeben, die türkischen Migrant*innen, auch in zweiter und dritter Generation, wieder loszuwerden. »Uns wurde Geld angeboten, wir sind geblieben. Wir wurden beleidigt, wir sind geblieben. Wir wurden geschlagen, wir sind geblieben. Es gab Brandanschläge, wir sind geblieben. Niemand geht irgendwohin.«

Dass die Migrant*innen Teil dieser Gesellschaft seien, hätten viele Menschen nicht verstanden. Aber sie hätten Kreuzberg zu dem gemacht, was es heute ist.

Das Zentrum Kreuzberg, in dem nicht nur Ercans Café, sondern auch seine Wohnung ist, gehört dem kommunalen Wohnungsunternehmen Gewobag. Als Sozialbau bleibt er von den massiv steigenden Mieten verschont. Das gilt allerdings für die wenigsten im Kiez. Fast nirgends in Deutschland kann man der Gentrifizierung so gut zusehen wie in Kreuzberg. Schon heute können sich viele ihre Wohnungen kaum mehr leisten. Deshalb kämpft Yaşaroğlu um den Kiez. Es ist ein Kiez, der geschafft hat, was Deutschland nicht geschafft hat: Menschen mit allen möglichen Hintergründen ein Zuhause zu sein. Nicht perfekt, aber immerhin. Diese Vielfalt will Yaşaroğlu erhalten. »Ich will nicht in zehn Jahren als einsames Mammut in Kreuzberg wohnen und mich an die schöne Zeit von früher erinnern«. Und noch, glaubt Ercan, Kreuzbergs vielleicht letzter Optimist, sei es nicht zu spät, die Entwicklung aufzuhalten. Wer will ihm da schon widersprechen.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal