Sinnlos, teuer, aufwendig

Groteske Debatte um Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke in Deutschland

  • Reimar Paul
  • Lesedauer: 4 Min.

Es ist eine groteske Debatte: Der Krieg gegen die Ukraine mit Angriffen auch auf Atomkraftwerke macht wieder einmal deutlich, welches gewaltige Gefahrenpotenzial von diesen Anlagen ausgeht. Atomkraftwerke (und Atommülllager) werden im Krisenfall zu potenziellen Angriffszielen, damit möglicherweise zu Atomwaffen und zu einer Bedrohung für die ganze Welt. Vor allem der angebliche und nicht zu rechtfertigende Einsatz von Hyperschallraketen durch Russland unterstreicht, dass ein Atomkrieg auch ohne Atomwaffen ausgelöst werden kann.

In Deutschland dagegen wird munter darüber diskutiert, im Dienst der Versorgungssicherheit beim Strom die drei noch betriebenen AKWs länger laufen zu lassen als bis Ende 2022 und sogar stillgelegte Reaktoren wieder hochzufahren. Befeuert wird eine solche Kampagne maßgeblich von denjenigen Kreisen, die seit mehreren Jahren versuchen, neue Atomkraftwerke auf den Markt zu bringen – und von den sie unterstützenden Politiker*innen aus CDU/CSU und FDP sowie konservativen Medien wie »FAZ« und »Welt«.

Anfangs zeigte sich selbst Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) offen für entsprechende Überlegungen. Auch viele Bürger*innen stimmten der Atomenergie plötzlich wieder zu: 40 Prozent sprachen sich Mitte März in einer Umfrage für eine Reaktivierung von AKWs aus. 2018 hatte dies nur jede*r Fünfte befürwortet.
»Es ist sehr befremdlich, dass ausgerechnet in einer Situation, in der uns die Gefahren von Kernkraftwerken durch einen Krieg brutal aufgezeigt wer den, ein Wiedereinstieg gefordert wird«, sagt dazu der Präsident des Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE), Wolfram König. Das sei für ihn »intellektuell schwer nachvollziehbar«.

Zum Jahreswechsel waren die Atommeiler Grohnde, Brokdorf und Gundremmingen vom Netz gegangen. Ende dieses Jahres sollen die letzten Meiler Emsland, Isar-2 und Neckarwestheim-2 folgen. Die Debatte um längere Laufzeiten wirkt schon deshalb irreal, weil die betreffenden Reaktoren zumindest kurz- und mittelfristig gar nicht zur Verfügung stünden. In Deutschland seien seit zehn Jahren alle Anforderungen auf die gesetzlich geregelten Stilllegungen ausgerichtet worden, argumentiert BASE-Chef König. Die AKW-Betreiber hätten deshalb in Absprache mit den Behörden bestimmte Investitionen nicht mehr getätigt, der Rhythmus von Sicherheitsüberprüfungen sei an den Fahrplan für den Ausstieg angepasst worden. Außerdem: »Das Personal der Anlagen wurde entsprechend abgeschmolzen, die Sachverständigenorganisationen haben sich mit ihren Planungen auf dieses Datum eingestellt. Da kann man nicht einfach sagen, jetzt machen wir doch wieder alles anders.«

Konkret wären die Betreiber im Fall von Laufzeitverlängerungen gezwungen, für jeden Meiler zuerst eine Regeluntersuchung zu starten – die sogenannte Periodische Sicherheitsüberprüfung, kurz PSÜ. Da diese wegen des Ausstiegs zuletzt gar nicht mehr vorgenommen wurden, wären sie sofort fällig. Bis zu ihrem Abschluss stünden die Anlagen erst mal für viele Monate still. Dass die Betreiber die zusätzlichen Kosten für diese Prüfungen übernehmen, erscheint zumindest fraglich – der Staat müsste also einspringen.

Auch mit Blick auf die Brennstoffversorgung wäre ein abgebrochener oder auch nur verlangsamter Atomausstieg sinnlos und technisch allenfalls mit riesigem Aufwand zu bewerkstelligen: Die Brennstäbe für die AKW Emsland, Neckarwestheim-2 und Isar-2 wurden nur noch für das laufende Jahr eingekauft. Brennelemente halten drei bis fünf Jahre. Sie herzustellen, dauert 12 bis 15 Monate. Auch müssten spezielle Teile wie zum Beispiel die Röhren für die Brennstäbe neu gefertigt werden. Grundstoff ist bekanntlich Uran, zu dessen wichtigsten Lieferanten in Europa Russland zählt, ebenso Kasachstan, wo das Regime die Bevölkerung unterdrückt. Lagerbestände an fertigen Brennstäben gibt es nicht, auch ein kurzfristiger Import wäre problematisch, denn Atomkraftwerke in anderen Ländern haben Abmessungen, die in den deutschen AKWs nicht ohne Weiteres passen.

Hinzu kommt: Eine Laufzeitverlängerung für die Atomkraftwerke würde die Bundesrepublik kaum von russischem Erdgas unabhängiger machen. Gas wird in Deutschland nämlich nur zu einem kleinen Teil zur Stromproduktion eingesetzt.

Darüber hinaus hat das Bundesverfassungsgericht in seinem Kalkar-Urteil im Jahr 1978 sehr hohe Maßstäbe für die Sicherheit der Atomkraftwerke geschaffen. Behördenchef König kommt deshalb zu folgendem Resumee: »Es wird immer der aktuelle Stand von Wissenschaft und Technik verlangt. Wenn man da jetzt die Tür zur Kernkraft wieder aufmacht, wird das sehr teuer, und das Geld wird an anderer Stelle fehlen – nämlich beim Aufbau einer verlässlichen Energieversorgung mit Erneuerbaren, mit denen wir unsere Ziele von Klimaschutz und Unabhängigkeit von Russland deutlich sicherer, schneller und billiger schaffen würden.«

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