Hongkongs kritische Stimme

Starjournalist Alan Au droht nach Inhaftierung Gefängnisstrafe

  • Fabian Kretschmer, Peking
  • Lesedauer: 3 Min.

Alan Au hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, jeden Tag mit einem »Guten Morgen« auf seinem Facebook-Account zu beginnen. Es war ein scheinbar triviales Zeichen mit einer ernsten Botschaft, die da lautete: Ich befinde mich in Sicherheit.

Am Montag hatte der 54-jährige Journalist jedoch keine Zeit mehr für sein Morgenritual, denn bereits um 6.30 Uhr stürmten Sicherheitsbeamte in seine Wohnung im Hongkonger Stadtteil Kwai Chung. Stundenlang wurde Au verhört, ehe allmählich Details über seine Verhaftung an die Öffentlichkeit durchsickerten: Angeblich wird ihm vorgeworfen, »aufrührerische Inhalte« publiziert zu haben. Diese sollen auf der mittlerweile eingestellten Nachrichten-Website »Stand News« veröffentlicht worden sein - und laut Berichten »Hass gegen die Regierung« angefacht haben. Alan Au drohen nun bis zu zwei Jahre Gefängnis.

Damit trifft es einen der renommiertesten Kollegen der Stadt. Der Hongkonger gewann etliche Preise, war einst Stipendiat in Stanford und hatte bis vor Kurzem seine eigene Talkshow im Radio. Seine Kolumnen wurden von einer treuen Leserschaft debattiert, seine Blog-Einträge in den sozialen Medien innerhalb der Branche verfolgt.

Noch immer werden fast täglich kritische Journalisten in Hongkong verhaftet. Doch die jetzige Festnahme ist zweifelsohne eine symbolische Machtdemonstration der Regierung, die schon bald ihre Führung auswechseln wird: Carrie Lam scheidet aus und macht ihrem Nachfolger John Lee, einem ehemaligen Polizeibeamten, Platz.

Beide wollten sich nicht weiter zum Fall Alan Au äußern, doch gaben sie unisono an, dass die Pressefreiheit in Hongkong weiter gewährleistet sei. Solche Aussagen versinnbildlichen, wie unverhohlen Hongkongs Führung der Bevölkerung die Realität vorzuenthalten versucht. Denn seit die Zentralregierung in Peking der Sonderverwaltungszone Hongkong vor knapp zwei Jahren ein »nationales Sicherheitsgesetz« aufgezwungen hat, sind praktisch sämtliche kritische Publikationen in die Knie gezwungen worden. Ihre Vermögenswerte wurden eingefroren, die leitenden Angestellten ins Gefängnis geschickt.

Wie Forscher des US-amerikanischen »Georgetown Center for Asian Law« in einer Analyse herausfanden, wird bis heute im Schnitt alle dreieinhalb Tage ein Hongkonger im Namen des nationalen Sicherheitsgesetzes verhaftet - für Verbrechen wohlgemerkt, die laut Gesetz noch bis Mitte 2020 nicht als Straftaten galten.

Die aktivistischen Blogger wurden als Erste mundtot gemacht. Doch mit Alan Au hat es nun einen kritischen Geist mit Doktorabschluss getroffen; einen Intellektuellen, der nicht im Leisesten unter Verdacht stand, auf Krawall gebürstet zu sein.

In seinen letzten, melancholisch-resignierten Blog-Einträgen vor der Verhaftung schreibt Alan Au davon, dass er die regelmäßigen Deadlines seines früheren Arbeitsalltags vermisse. Und mit Ermüdung würde er die Fernsehnachrichten verfolgen: Denn zu jedem Thema, wie scheinbar harmlos es auch wirken möge, würde sich kein Experte mehr kritisch äußern wollen. Zu gegenwärtig sei die Angst, damit gegen das vage formulierte »nationale Sicherheitsgesetz« zu verstoßen.

Au schlussfolgert, dass jeder »vernünftige Mensch« dieser Tage eigentlich Hongkong verlassen sollte. Denn besser würden die Zustände ganz sicher nicht werden. »Ich bin jedoch gerade sehr irrational«, schrieb der Journalist nur wenige Tage vor seiner Verhaftung.

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