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Panzerfäuste montiert bis zum Tod

In Schlieben-Berga betreut ein Verein die Gedenkstätte zum einstigen KZ-Außenlager - am 23. April gibt es einen Tag der offenen Tür

  • Von Andreas Fritsche, Schlieben-Berga
  • Lesedauer: 6 Min.

Uwe Dannhauer hebt einen Vorhang an und zeigt die dahinter bereitgestellte Gedenktafel. 222 Namen stehen darauf. Die Namen von 214 männlichen und acht weiblichen KZ-Häftlingen, die ab Juli 1944 in Schlieben-Berga (Elbe-Elster) umgekommen sind. Die Tafel soll am 23. April an der Straße der Arbeit 41 aufgestellt werden - von 10 bis 16 Uhr laden Dannhauer und andere Engagierte zum Tag der offenen Tür. Auch Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) hat sich dazu angesagt.

In Schlieben-Berga befand sich einst das drittgrößte von insgesamt 136 Außenlagern des Konzentrationslagers Buchenwald. Die Insassen mussten für die Hugo Schneider AG (HASAG) Panzerfäuste, Tellerminen und Munition fertigen. 5000 Menschen haben dabei gelitten, darunter 1500 Frauen. Besonders gefährlich war das Anmischen und Einfüllen des Sprengstoffs in die Panzerfaust-Köpfe. Ohne Schutzmaske den giftigen Dämpfen ausgesetzt, überlebte dies keiner der dabei eingesetzten Häftlinge länger als ein bis drei Monate. Die 222 auf der Gedenktafel verzeichneten Opfer sind nur die bisher namentlich bekannten. Es hat mehr Tote gegeben, sagt Uwe Dannhauer.

Der 65-Jährige hat erst als Schüler bei einer Jugendweihefahrt zur Gedenkstätte Buchenwald erfahren, dass es in seiner Heimatstadt ein Außenlager gab. Zu Hause hat er seine Mutter danach gefragt. Die hat ihm dann erzählt, dass sie als achtjähriges Mädchen von einem Lkw-Fahrer nach dem Weg gefragt wurde und diesen auf dem Beifahrersitz ins Lager begleitete. Dort sah sie ausgemergelte Gestalten in Häftlingskleidung. Ein für das Kind verstörender Anblick.

2009 gründete sich der Verein KZ-Gedenkstätte Schlieben-Berga mit Uwe Dannhauer als Vorsitzendem. 2011 konnte in einem Teil der ehemaligen Kommandantur eine Dauerausstellung eingerichtet werden. Das äußerlich noch fast im Originalzustand erhaltene Gebäude diente jahrzehntelang als Wohnhaus. Anfang der 2000er Jahre waren die letzten Mieter gestorben oder ins Pflegeheim umgezogen. So konnte die Stadt Schlieben, der die Räumlichkeiten gehören, dem Verein Platz für die Gedenkstätte zur Verfügung stellen.

Direkt daneben, im Mittelteil der ehemaligen Kommandantur, lebt Jürgen Wolf. Der Maschinenbauingenieur erfuhr beim Kauf der Wohnung, was es mit dem Haus auf sich hat. Heute ist Wolf Schatzmeister des Vereins und hat auch einen Schlüssel für die Gedenkstätte. Manchmal sieht er außerhalb der Öffnungszeiten im Garten spontane Besucher, die durch ein Hinweisschild unten an der Ortsdurchfahrt aufmerksam geworden sind. Dann kommt er rüber und lässt sie ein, wenn es sich irgendwie machen lässt.

Regulär ist die Gedenkstätte nur samstags von 14 bis 17 Uhr geöffnet, von Oktober bis April sogar nur jeden ersten Samstag im Monat. Unter der Woche müssen sich Gäste telefonisch anmelden. Mehr sei durch den Verein leider nicht zu leisten, bedauert Jürgen Wolf. Denn von den 29 Mitgliedern wohnen nur acht in Schlieben und Umgebung. Vor der Corona-Pandemie kamen bis zu 800 Besucher im Jahr, und es würden bei längeren Öffnungszeiten noch mehr sein, ist Jürgen Wolf überzeugt. Denn der 73-Jährige ist nicht immer zur Stelle, wenn Leute im Garten stehen.

Der Verein würde sich wünschen, dass die Stiftung brandenburgische Gedenkstätten in Schlieben-Berga mit einsteigt. Es müsste ja längst nicht so intensiv sein, wie es beim Außenlager Lieberose des KZ Sachsenhausen geplant ist. Dann könnte die Stiftung vielleicht einen wissenschaftlichen Mitarbeiter entsenden, der die Geschichte des Lagers besser erforscht. Keiner der Ehrenamtlichen ist Historiker. Vereinschef Dannhauer zum Beispiel ist von Beruf Schlosser und hat als ziviler Kraftfahrer in dem Tanklager gearbeitet, das auf dem Areal des KZ-Außenlagers von der Nationalen Volksarmee der DDR eingerichtet und von der Bundeswehr übernommen wurde, aber inzwischen aufgegeben ist.

Es ist erstaunlich, was der Verein auch ohne professionelle Unterstützung bisher geleistet hat. 4000 Euro Betriebskosten im Jahr müssen aufgebracht werden. Die Mitgliedsbeiträge decken gerade einmal die Telefonrechnung. Der Eintritt ist frei, die Führungen sind kostenlos. Aber in der Spendenbox landen pro Jahr etwa 2000 Euro - mehr als an Eintrittsgeldern kassiert werden könnte.

Zu den in der Gedenkstätte gezeigten Exponaten gehören ein Handwagen aus alten Munitionskisten sowie Kochgeschirr, das nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Material für Panzerfäuste noch gefertigt wurde. Auch ein Koffer, den die Überlebende Odette Laroque im April 1945 einer Bäuerin in der Bahnhofstraße wegnahm, um darin ihre wenigen Halbseligkeiten zu verstauen. Ein sowjetischer Offizier hatte die befreiten KZ-Häftlinge aufgefordert, sich bei den deutschen Einwohnern mit allem zu versorgen, was sie für die Reise in ihre Heimat benötigten. 70 Jahre später kehrte der Lederkoffer als Leihgabe für die Ausstellung nach Schlieben-Berga zurück.

»In Anbetracht von knapp 100 Außenlagern allein des KZ Sachsenhausen, die jeweils einen durchaus anderen Charakter tragen konnten, was ihre Größe, die Zahl der Opfer oder die Dauer ihrer Existenz betrifft, stehen wir immer vor der Frage, welchen Orten wir mit unseren begrenzten Mitteln wie viel Aufmerksamkeit widmen können«, bedauert Enrico Heitzer von der Stiftung brandenburgische Gedenkstätten. Diese sei auf die jeweils vor Ort aktive Zivilgesellschaft angewiesen, um die lokale Erinnerung lebendig zu halten.

Das Lager Lieberose, um das sich die Stiftung jetzt verstärkt kümmert, hebe sich von anderen Außenlagern ab, weil es einer der wichtigsten Tatorte des Holocaust auf dem Gebiet der Bundesrepublik sei. Vom 2. bis 4. Februar 1945 ermordete die SS dort 1342 jüdische Häftlinge.

Doch auch in Schlieben-Berga litten polnische und ungarische Juden, die 90 Prozent der männlichen Häftlinge stellten, wie Uwe Dannhauer berichtet. Unter den weiblichen Häftlingen gab es Sintezza und französische Widerstandskämpferinnen. Letztere versuchten nach Kräften, die Produktion der Panzerfäuste zu sabotieren. So füllten sie mal mehr und mal weniger Treibladung ein, was die Treffsicherheit verminderte. Als dies bei Tests auf der werkseigenen Schießbahn entdeckt wurde, mussten die Französinnen zur Strafe stundenlang strammstehen. Die SS glaubte, es sei Schlamperei gewesen. Die mutigen Widerstandskämpferinnen hatten es jedoch absichtlich getan.

Im Wald zeigt Dannhauer noch erhaltene Bunker, die als Munitionslager dienten, sowie die durch Erdwälle voneinander getrennten Produktionsstätten für die Panzerfäuste. So hatte man diese extra angelegt, damit bei einem Unfall nicht das gesamte Werk in die Luft fliegt, sondern nur einzelne Abteilungen. Eine schlimme Explosion hat es tatsächlich gegeben, im Oktober 1944. Die Ursache konnte nicht aufgeklärt werden. Man sieht Mauerreste mit Nischen, in denen je ein KZ-Häftling stehen und an den Panzerfäusten arbeiten musste. Dahinter Gucklöcher, durch die man die Häftlinge überwachte. Von den Baracken des Männerlagers ist nichts übrig.

In Schlieben-Berga wurden verschiedene Typen der Panzerfaust entwickelt und erprobt. Anfangs stieß das Werk 500 000 Stück pro Monat aus und schließlich eine Million. »Was Peenemünde für die Raketen, das war Schlieben-Berga für die Panzerfaust«, sagt Dannhauer. Wer heute ein verrostetes Teil im Wald findet, könnte an der Kennung »WK« erkennen, ob sie aus Schlieben-Berga stammt. Aber Vorsicht: Wenn man durchs Rohr nicht hindurchsehen kann, dann ist die explosive Treibladung noch drin.

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