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Ein aufrichtiges Friedenswerk

Vor 100 Jahren verpflichteten sich Deutschland und Sowjetrussland zu friedlicher Koexistenz

  • Von Karl-Heinz Gräfe
  • Lesedauer: 6 Min.
Ein Stolperstein in Freiburg für Joseph Wirth, der 1922 als Reichskanzler den Vertrag von Rapallo unterzeichnete
Ein Stolperstein in Freiburg für Joseph Wirth, der 1922 als Reichskanzler den Vertrag von Rapallo unterzeichnete

Es war Ostersonntag, der 16. April 1922, als sich im italienischen Rapallo, 30 Kilometer östlich von Genua, führende Vertreter des Deutschen Reiches und der Russischen Sozialistischen Sowjetrepublik trafen. Für die Weltöffentlichkeit überraschend, schlossen sie einen Vertrag ab, der sogleich, mit der Unterzeichnung, in Kraft trat. Er trug die Unterschriften des deutschen Außenministers Walther Rathenau und seines sowjetrussischen Amtskollegen Georgi Tschitscherin. Kodifiziert wurde im Vertrag die Wiederaufnahme der durch den Weltkrieg unterbrochenen diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern nach dem Prinzip der Meistbegünstigung sowie der Verzicht auf Reparationen für Kriegsschäden. Deutschland entsagte zudem jeglichen Forderungen nach Entschädigungen für im Zuge der Revolution in Russland verstaatlichten ehemaligen deutschen Eigentums.

Das Ereignis hatte am Rande einer internationalen Finanz- und Wirtschaftskonferenz in Genua stattgefunden, die Auswege aus dem durch das vierjährige Völkerschlachten 1914 bis 1918 zerrüttete ökonomisch-monetäre System suchte. Der Krieg, entsprungen der Rivalität der kapitalistischen Hauptmächte um die Neuaufteilung der Welt, hat bereits die selbstmörderischen Gefahren imperialistischer Konkurrenz für die Menschheit angesichts des hohen Niveaus der Waffentechnik und prall gefüllter Waffenarsenale erahnen lassen. 25 Massenarmeen mit 26 Millionen Soldaten aus den Staaten beider Kriegsblöcke samt ihrer Kolonien prallten aufeinander.

Die Mittelmächte, das Deutsche Kaiserreich, die Habsburger-Monarchie Österreich-Ungarn sowie das Osmanische Reich mit insgesamt 142 Millionen Einwohnern, hatten am Ende des Krieges acht Millionen Tote zu verzeichnen, die Staaten der Entente - Großbritannien, Frankreich, Russland, die USA, China und deren Verbündete, die zusammen 861 Millionen Einwohner zu Kriegsbeginn zählten - sieben Millionen Tote. Dieser erste globale imperialistische Krieg erfasste nahezu alle Kontinente, war mit Fluchtbewegungen, Vertreibungen, Zwangsaussiedlungen und Hungersnöten verbunden. 15 Millionen Menschen starben, davon sechs Millionen Zivilisten. Natur und Lebensräume für Mensch und Tier wurden zerstört.

Doch in diesen Kriegsjahren gab es auch Millionen Menschen, die allerorts gegen das kapitalistische Herrschaftssystem und Völkermorden stritten und eine neue Ära des Friedens und der sozialen Gerechtigkeit eröffnen wollten.

Der erste Versuch, diese Vision umzusetzen, erfolgte in Russland, dem territorial größten, zugleich aber ökonomisch, politisch und sozial rückständigsten Großreich jener Zeit. Dort gelang es, den aus der Arbeiterschaft, dem Bauerntum und der Intelligenz stammenden progressiven Eliten, Sozialdemokraten, Sozialrevolutionäre, Sozialisten, Anarchisten und bürgerlich-liberalen Demokraten, die zaristische Herrschaft im Februar 1917 zu stürzen, eine Rätemacht und eine Volksregierung unter den Mehrheitssozialisten, den Bolschewiki, zu etablieren, deren führende Vertreter damals Wladimir I. Lenin, Leo Trotzki und Josef W. Stalin waren. Sie versuchten alles oder zumindest viel, um den Krieg zu beenden, eine sozial gerechte Gesellschaft aufzubauen sowie friedliche Beziehungen zwischen Völkern und Staaten herzustellen.

Bereits zwei Tage nach ihrer Ausrufung erließ die Sowjetmacht am 8. November 1917 ein Friedensdekret, in dem alle Regierungen aufgefordert wurden, das Schlachten einzustellen und einen Frieden ohne Kontributionen und Annexionen zu schließen. Nur das Deutsche Kaiserreich, dessen militärische Niederlage absehbar war, zeigt sich bereit, den Krieg im Osten zu beenden.

Der am 3. März 1918 geschlossene Vertrag von Brest-Litowsk widersprach zwar dem Geist des Friedensdekrets - Deutschland behielt die bereits besetzten westlichen Gebiete des einstigen Zarenreichs, okkupierte das Baltikum, Belorussland, die Ukraine und Moldawien und bestand auf Kriegskontributionen -, verschaffte aber der jungen Sowjetrepublik eine Atempause. Russland verlor ein Drittel seiner einstigen Bevölkerung und ein Viertel des Territoriums sowie drei Viertel der Eisenindustrie und der Kohlegruben.

Die Bolschewiki nutzten den sogenannten »Brotfrieden« zur Herrschaftssicherung und für den Aufbau einer sozialistischen Ordnung. Entsprechende Ruhe wurde ihnen nicht gegönnt. Dutzende Staaten des Entente-Blocks starteten eine großangelegte Intervention und stürzten das Land, unterstützt von Weißgardisten, Generälen der Zarenarmee und anderen konterrevolutionären Kräften, in einen blutigen Bürgerkrieg. In diesem starben mehr Russen als im Ersten Weltkrieg. 1918 bis 1922 kamen über eine Million Rotarmisten ums Leben. Hinzu kamen die Opfer von Epidemien und Hungersnöten, insgesamt sechs Millionen Tote.

Der Vertrag von Rapallo nutzte beiden Staaten - Deutschland, das nach dem verlorenen Weltkrieg von den Westmächten nicht nur mit enormen Reparationen bestraft, sondern auch boykottiert wurde, sowie Russland, das mit seiner neuen Gesellschaftsordnung von der kapitalistischen Welt geächtet und angefeindet wurde. Zugleich markierte Rapallo einen Meilenstein auf dem Weg zu einer friedlichen Koexistenz zwischen Staaten unterschiedlicher gesellschaftlichen Systeme.

Die Weimarer Republik und Sowjetrussland verbanden in den Jahren 1922 bis 1933 enge wirtschaftliche Bande, allerdings auch eine geheime, weil dem Versailler Vertrag zuwider laufende rüstungstechnische Kooperation. Besonders bemerkenswert im Kontext aktueller Ereignisse dürfte sein, dass im Gefolge von Rapallo Deutschland die Lieferung von Industrieanlagen zusagte, durch die Sowjetrussland in die Lage versetzt wurde, die Ölfelder von Baku ohne Unterstützung westlicher Firmen zu betreiben. Zudem verpflichtete sich die Weimarer Republik, Lagerhallen und Tankstellen zur Vermarktung russischen Öls einzurichten. Auch dies nicht uneigennützig, erhoffte man sich in Berlin doch so von britischen und US-amerikanischen Ölkartellen, die den weltweiten Markt beherrschten, unabhängig zu machen.

Das von der deutschen Regierung unter Reichskanzler Josef Wirth von der Zentrumspartei getroffene Abkommen, getragen von den Koalitionsparteien SPD, Deutsche Demokratische Partei (DDP) sowie weiteren Parteien, war tatsächlich eine Alternative zum Raubfrieden von Brest-Litowsk. Nicht nur wegen des Verzichts auf Reparationen. Beide Vertragsseiten verpflichteten sich auf Nichteinmischung in die inneren, politischen und sozialen Verhältnisse des jeweils anderen Landes. Es war, wie Wirth bekundete, »ein ehrliches, ein aufrichtiges Friedenswerk nach der großen Katastrophe«. Es führte zu gleichberechtigter Partnerschaft, die beide Staaten über ein Jahrzehnt zum Vorteil gereichte.

Der deutsche Gesamtexport in die UdSSR stieg von 1924 bis 1932 um das Vierfache. Russland beziehungsweise die nunmehrige Sowjetunion rückte in der Handelsstatistik Deutschlands von Rang 15 auf den fünften Platz auf. Bemerkenswert ist, dass Wirth, der später als Verfechter und einer der Väter eines geeinten Europas gefeiert wurde und noch wird, damals auch erklärte, dass ohne die Einbeziehung der Wirtschaftskräfte Russlands die Ökonomie des europäische Kontinents nicht gesunden könnte, instabil bleibe. Und einer der klügsten Köpfe des deutschen Kapitals, der Industrielle und Politiker Rathenau, versicherte: »Wir wollen nichts weiter als die Verbindung zwischen Ost und West.« Das russische Wirtschaftssystem unterscheide sich zwar grundsätzlich von dem deutschen, aber man habe Frieden geschlossen - nicht mit einem System, sondern einem Volk.

Es gab jedoch seinerzeit nicht nur Freunde einer solchen Politik der Entspannung und Kooperation, wie der hinterhältige Mord an einem ihrer wichtigsten Repräsentanten, an Rathenau am 24. Juni 1922 zeigte. Es gab in Deutschland genügend einflussreiche Kräfte, die eine gewaltsame Revision von Versailles anstrebten, vor allem den staatssozialistischen Vielvölkerstaat militärisch beseitigen wollten. Der faschistische Eroberungs- und Vernichtungskrieg gelang nicht, kostete jedoch 27 Millionen Opfer auf sowjetischer Seite und löschte das Leben von sechs Millionen europäischer Juden aus.

Der Weg von Rapallo ist von den deutschen Regierungen der Sozialdemokraten Willy Brandt und Helmut Schmidt sowie Christdemokraten Helmut Kohl und Angela Merkel fortgesetzt worden. Deren Bemühungen um Koexistenz heute zu denunzieren, ist nicht nur dumm, sondern auch gefährlich.

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