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Lasst uns in Frieden (43): Militant gegen Militarismus

Gegen Kriegslogik und Militarismus lässt sich auch ohne Friedenstauben demonstrieren

  • Von Florian Schmid
  • Lesedauer: 2 Min.

Derzeit wird gerne von allen Seiten darüber gefachsimpelt, wie sehr die Friedensbewegung angeblich aus der Zeit gefallen sei. Vor allem die Parole »Frieden schaffen ohne Waffen!« lässt einige, denen die Waffentransporte in Richtung Front gar nicht schnell genug gehen können, fast schon durchdrehen.

Dabei lässt sich gegen militaristischen Wahnsinn, dämliche Kriegslogik, Großmachtdünkel und das kollektive Einschwören auf den nationalen Standort auch anders demonstrieren als mit Friedenstauben im Gepäck. Das zeigten recht eindrucksvoll einige Tausend Aktivistinnen, die zum einzigen öffentlichen Gelöbnis in der alten Bundesrepublik am 6. Mai 1980 im Bremer Weserstadion auf die Straße gingen. Zum 25. Jahrestag des Beitritts der Bundeswehr zur Nato und um den Nato-Doppelbeschluss, der eine weitere atomare Aufrüstung Westeuropas vorsah, gebührend zu feiern, sollten 1200 Rekruten vereidigt werden, wo sonst die Fußballer von Werder Bremen kickten. Die massiven Proteste gegen diese militaristische Inszenierung, bei der Polizeihundertschaften im Pflastersteinhagel standen und jede Menge Fahrzeuge in Brand gesteckt wurden, gelten heute als die Geburtsstunde der Autonomen hierzulande.

Recht munter und subkulturell stimmungsvoll wird der Bremer Ausnahmezustand jenes Nachmittags auch in Sven Regeners Coming-of-Age-Roman »Neue Vahr Süd« und in der Verfilmung des Stoffes inszeniert. Die brachiale Geste der Militanz ist hier unmittelbarer Ausdruck einer sicher auch selbstverliebten rebellischen Jugend, die sich zu Beginn der punkigen 80er Jahre auf keinen Fall so wie die gut integrierten 68er-Vorgänger dem gesellschaftlichen System beugen oder sich gar von ihm vereinnahmen lassen wollten, um brav durch die Instanzen zu marschieren.

Auch wenn dann in den folgenden Jahren sehr viel über die Triple-Oppression-Theorie (im Kampf gegen Kapitalismus, Sexismus und Rassismus) diskutiert wurde, war es letztlich eine Demonstration gegen die Bundeswehr und gegen einen Atomwaffen-Festakt, die zum historischen Fanal einer ganzen Protestgeneration wurde und auch heute noch in Buch und Film gerne rezipiert wird.

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