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»Ich wünschte, dass wir über unsere Kolonialgeschichte offen sprechen«

Der Schriftsteller Jürgen Leskien will mit seinem neuen Werk »Orlog*« zur Diskussion anregen. Im Interview spricht er über die Aufarbeitung des Völkermords an die Herero und Nama und die weiterhin ungeklärte Landfrage in Namibia

  • Von Christian Selz
  • Lesedauer: 8 Min.

In Ihrem neuen Werk »Orlog*« thematisieren Sie den Konflikt um Land und um die Aufarbeitung des Völkermords in Namibia. Was war Ihr Antrieb dazu?

Durch meine Arbeit in Namibia bin ich mit dem Land, mit den Menschen dort eng verbunden. Die Spannungen zwischen Namibia und Deutschland vor dem Hintergrund deutscher Kolonialpolitik sind zwischen Kunene und Orange allerorts präsent. Mein Stück ist als Beitrag zum zivilgesellschaftlichen Dialog gedacht. Was ich beschrieben habe, ist ein Grundkonflikt, den wir in vielen Gegenden der Welt sehen: Im Laufe der Geschichte ist Unrecht geschehen, sind Ländergrenzen willkürlich verändert worden, wurden Völker durch die Macht der Stärkeren ausgelöscht - und die Menschen, die heute dort leben, müssen mit diesen Verwerfungen zurechtkommen.

Wie tritt dieser Grundkonflikt heute in Namibia zutage?

In Namibia äußert sich das in dem scheinbaren Widerspruch, dass mit dem Erreichen der Unabhängigkeit 1990 die namibische Verfassung allen Bürgern das Recht auf Eigentum zubilligt und dessen Schutz durch den Staat garantiert. Gleichzeitig aber soll die aus der Kolonialzeit und der Apartheid herrührende soziale Ungleichheit minimiert werden. Das ist ein Ziel des Befreiungskampfes. Für die Betroffenen, vor allem Herero und Nama, drückt sich diese Ungleichheit dadurch aus, dass sie in großer Zahl landlos sind - während Farmer, häufig deutschsprachige Namibier - oder Weiße - wie man verkürzt sagt, im Besitz des Bodens sind. Diesen Konflikt will ich darstellen, indem ich Geschichten erzähle: Geschichten der Betroffenen, der Benachteiligten und auch die Geschichten derer, die sich mit diesem Umstand auseinandersetzen müssen. Es geht darum, die Positionen, das Leid der Nama und Herero wirklich zu verstehen, nicht über Proklamationen, sondern über menschliche Schicksale.

»Orlog*« bedeutet auf Deutsch »Krieg«. Warum dieser Titel? Haben Sie Sorge, dass es zu Gewaltakten kommen kann?

Nein, Orlog ist ein Kernbegriff in der Geschichte der Herero. Bei ihren jährlichen Veranstaltungen, den Otruppa-Umzügen mit den alten Uniformen und mit den Fantasieuniformen, mit denen sie noch mal ihre Auseinandersetzungen mit den Kolonialmächten - also den Deutschen und danach auch Südafrika - thematisieren, da spielt dieser Begriff eine große Rolle. Er kommt auch in vielen Liedern der Herero vor und deutet auf die permanent anhaltende Konfliktsituation hin.

Aufgegriffen haben Sie das Thema zunächst als Theaterstück, die Corona-Pandemie hat dann Aufführungen unmöglich gemacht. Deshalb ist es jetzt in Buchform erschienen. Sie erzählen die Geschichte anhand eines Gerichtsprozesses um Reparationsforderungen. Warum diese Form des Theaters?

Das ist ein erprobtes Mittel des Theaters und ermöglicht in einer verdichteten Sprache, ausgehend von Dokumenten der Zeit, die Auseinandersetzung mit dem Thema. Das ist Dokumentarisches Theater. Es gibt große Vorbilder - Peter Weiss, Brecht und andere haben mit diesen Mitteln gearbeitet.

Ein Gerichtsprozess ist für mich eine legitime Form für meine Darstellung, zumal die Herero mehrfach versucht haben, vor US-amerikanischen Gerichten ihr Recht einzuklagen - und bei Verursachung ziemlicher Kosten immer wieder gescheitert sind. Die letzte Auseinandersetzung vor Gericht erschöpfte sich in zwei Terminen, die Verhandlung war im streng juristischen Sinne nicht einmal eröffnet. Man hat sich getroffen, ein deutscher Anwalt kam dazu, letzten Endes hat das Gericht entschieden, dass sie dem Einreichen der Klage nicht stattgeben. Es lag nahe, mich an dieser Realität zu orientieren. Das Material, Struktur der Anklage, die Formalien vor Gericht, die entsprechen den Tatsachen. Die Biografien sind nicht die lebender Personen. Die versuchte Besetzung der deutschen Botschaft in Windhoek, das Eindringen der empörten Frauen, so wurde mir überliefert, das hat es aber wirklich gegeben.

Im realen Leben wurde das Verfahren eingestellt, im Buch vertagt sich das Gericht. Da bleibt das Ende des Prozesses zunächst offen, stattdessen wird im Nachspiel ein Aussöhnungsabkommen mit Deutschland geschlossen. Glauben Sie, dass es mehr Verständigung und weniger Konfrontation braucht, um den Konflikt zu lösen?

Der Text ist getragen von der Sympathie für die Leute, die um ihr Recht kämpfen. Ich bin ein Geschichtenerzähler, politisch zu entscheiden ist nicht mein Amt. Das Stück ist mein Angebot zum Gespräch. Es geht ja nicht nur darum, dass in Namibia Land umverteilt wird, dass Gerechtigkeit und Versöhnung über einen materiellen Ausgleich, sprich Reparationen, hergestellt wird, sondern es geht auch darum, dass man gemeinsam ehrlich auf die Vergangenheit schaut und in diesem Prozess einander näher kommt. Es ist ja nicht nur eine Debatte, die die Herero und Nama zu führen haben, wenn es um Gerechtigkeit geht, sondern es geht für das Land um die Frage: Wo sind wir gelandet nach 30 Jahren Unabhängigkeit, nach einem hartnäckigen Befreiungskampf, und wo wollen wir hin? Wir müssen versuchen, die historischen und sozio-psychologischen Bezüge genauer zu verstehen, die in Namibia zu diesem Widerstand gegen dieses ausgehandelte Abkommen geführt haben.

Was lief denn schief?

Es hat den Anschein, dass es wie in einer Kanzlei abgehandelt worden ist, beide Seiten haben den Ansatz der Partizipation - also der Beteiligung der Betroffenen - und auch die psychologische Wirkung unterschätzt. Wenn man aber die Einflussnahme auf die Verhandlungen verwehrt, dann bekommt man Probleme mit dem ausgehandelten Ergebnis. Sechs lange Jahre hat Ruprecht Polenz, der Chefunterhändler der Regierung von Angela Merkel, verhandelt.

Nun frage ich mich, wie weit ging das Bemühen, die Gemeinschaft der Herero und die der Nama wirklich zu verstehen, gemessen an ihren Lebensumständen. Wie war die Verästelung der Verhandler in die namibische Gesellschaft hinein? Jetzt, nach sechs Jahren stellen wir fest, dass es offensichtlich zu einer Blockade gekommen ist. Es gibt viele Gründe für beide Seiten, einen neuen Ansatz zu finden. Vielleicht kann man neu verhandeln. Die deutsche Regierung könnte zum Beispiel statt einer Person eine Gruppe von drei Menschen einsetzen, auch jüngere Politiker und Beteiligte aus einer NGO. Und die namibische Regierung hätte eine Chance, ihre Kommission neu zu formieren, sich dabei auf die regionalen Königshäuser zu konzentrieren und damit eine wirkliche Partizipation einzuleiten. Aber das sind Überlegungen des Autors, und ich maße mir nicht an zu sagen, so käme man zu einer schnellen Lösung.

Wie auf staatlicher Ebene die Verhandlungskommissionen besetzt werden, ist das eine. Aber wie könnte man diesen Dialog auch breiter in die Bevölkerung tragen?

Als Erstes würde ich mir wünschen, dass wir anknüpfend an das Stück zu einer ehrlichen Diskussion über unsere Kolonialgeschichte anregen. Ob uns das passt, dass wir Reparation zahlen oder nicht. Oder wie das jetzt semantisch ausgeführt wird und mit welchen Begriffen wir operieren: Es geht darum, dieses Stück Geschichte nicht auszublenden, sich den Tatsachen zu stellen. Das wäre das eine. Letzten Endes geht es aber auch um Geld, das gezahlt werden muss, ganz sachlich. Eine Milliarde Euro, das ist nicht wenig. Allerdings gestreckt zahlbar über einen Zeitraum von 30 Jahren. Die deutsche Gesellschaft sollte sich zu den Folgen deutscher Kolonialpolitik bekennen. Es wurde die materielle Grundlage der Herero und Nama zerstört und anschließend machten unsere Vorväter noch Jagd auf die Leute, um sie als Arbeitskräfte auf den Farmen und in den Minen »zu halten«. Das ist wirklich passiert, darüber sollten wir uns im Klaren sein.

»Orlog*« soll also Teil des Versuchs sein, diese Debatte öffentlich zu machen.

Ich will mich hier nicht verheben. Aber das ist mein Versuch, mich in das Gespräch einzubringen. Für mich ist »Orlog*« nach den Büchern »Shilumbu, was will er in Afrika?«, »Einsam in Südwest« und »Dunkler Schatten Waterberg« das vorläufige Resultat meiner langen Beschäftigung mit dem südlichen Afrika, der ganz praktischen Arbeit. In Angola, Tansania und Namibia haben wir zusammengearbeitet und zusammengelebt. Arbeiten heute noch an gemeinsamen Projekten. Der Kern dieser Nähe wuchs damals inmitten des Bürgerkrieges in Angola, während der Arbeit im Flüchtlingslager der Swapo unter dem Schirm des UNHCR.

Ich möchte mit diesem Stück dazu beitragen, dass man miteinander redet, dass man wieder Zuhören lernt. Wie damals im Camp, inmitten des Krieges. Der Grundgedanke des Stückes betrifft nicht nur Namibia, sondern die Geschichte zwischen Völkern und Ländern an unterschiedlichen Orten unserer Welt. Dieser Dialog steht im Grunde mit den indigenen Völkern in Amerika genauso aus wie mit den Palästinensern und den Israelis. Die Frage ist: Kann man altes, bitter erlittenes Unrecht tilgen, indem man neues Unrecht schafft? Nein, so schafft man keinen Frieden. Im Großen wie im Kleinen.

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Jürgen Leskien, geboren 1939 in Berlin, absolvierte eine Ausbildung zum Motorenschlosser, war später Offizier und Flugzeugführer, studierte ab 1972 Theaterwissenschaften und arbeitete als Dramaturg beim Fernsehen der DDR. 1978 ging er als Schlosser im Rahmen der Solidaritätsarbeit der DDR nach Angola. Afrika wird bestimmend für seine literarische und publizistische Arbeit. Nach der Unabhängigkeit Namibias 1990 arbeitete Leskien weiter in Namibia. Heute engagiert er sich in Umweltprojekten und hat im Damaraland im Nordwesten des Landes seinen Platz für die literarische Arbeit gefunden.

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