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  • Dokumentarfilm "Nawalny"

»Dieses Gift trägt Putins Unterschrift«

Regisseur Daniel Roher begleitete Nawalny vom Giftanschlag im Flugzeug über seinen Aufenthalt in Deutschland bis zu seiner Rückkehr nach Moskau.

  • Von Nicolai Hagedorn
  • Lesedauer: 7 Min.
Roher zeigt seinen Protagonisten ungeschönt: Alexei Nawalny während eines Interviews
Roher zeigt seinen Protagonisten ungeschönt: Alexei Nawalny während eines Interviews

Das Pro­blem mit Ale­xei Nawal­ny ist: Der Mann ist nicht sehr sym­pa­thisch. Er ist einer der neu­rei­chen rus­si­schen Empor­kömm­lin­ge, die ihre an west­li­chen Stan­dards ori­en­tier­te Bil­dung und ihren Reich­tum mit ener­vie­ren­der Pene­tranz zur Schau stel­len. Der Mann, der zum Zeit­punkt sei­ner mut­maß­lich durch rus­si­sche Geheim­dienst­stel­len in Auf­trag gege­be­nen Ver­gif­tung 44 Jah­re alt war, ist wäh­rend der gut 90 Film­mi­nu­ten in dem Doku­men­tar­film »Nawal­ny« über­dies haupt­säch­lich damit beschäf­tigt, »Call Of Duty« zu spie­len, Tik­tok-Vide­os zu dre­hen und Zugrif­fe auf sei­ne Social-Media-Bei­trä­ge zu zählen.

In den weni­gen Sequen­zen, in denen er zu poli­ti­schen Posi­tio­nen befragt wird, bleibt er vage; von den rechts­ra­di­ka­len rus­si­schen Natio­na­lis­ten, auf deren Ver­an­stal­tung man ihn in einer Sze­ne her­um­brül­len sieht, will er sich nicht distan­zie­ren; sein poli­ti­scher Auf­tritt ist glatt und berech­nend, jedes Wort und jede Ges­te auf Wir­kung getrimmt. Selbst sei­ne enor­me und über­aus beein­dru­cken­de per­sön­li­che Risi­ko­be­reit­schaft, die ihn letzt­lich dazu brach­te, sich nach sei­ner Rekon­va­les­zenz in Deutsch­land nach Mos­kau zurück­zu­be­ge­ben, wo er noch am Flug­ha­fen, voll­kom­men abseh­bar, direkt ver­haf­tet wird und schließ­lich zu meh­re­ren Jah­ren Lager­haft ver­ur­teilt, wirkt wie das All-in eines poli­ti­schen Abenteurers.

»Nawal­ny« dürf­te indes jetzt schon zu den Fil­men des Jah­res in die­sem Gen­re gehö­ren, und das voll­kom­men zu Recht, denn der kana­di­sche Regis­seur Dani­el Roher hat aus dem ihm zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mate­ri­al einen Doku­men­tar­thril­ler geschnit­ten, der sei­nes­glei­chen sucht. Roher ver­zich­tet weit­ge­hend auf künst­le­ri­sche Schnör­kel und zeigt Nawal­ny statt­des­sen in den Mona­ten von August 2020, in dem er ver­gif­tet wur­de, bis Janu­ar 2021, als er nach Mos­kau zurück­kehr­te, und in denen Roher ihn mit der Kame­ra beglei­te­te, aus nächs­ter Nähe, stellt ihm (auch) unan­ge­neh­me Fra­gen und zeigt ihn bei den Tele­fon­in­ter­views mit sei­nen ver­hin­der­ten Mör­dern. Die­se wur­den in ers­ter Linie von dem bul­ga­ri­schen Inves­ti­ga­ti­v­jour­na­lis­ten Chris­to Gro­zev auf­ge­stö­bert, der sei­ne wil­de Inter­net-Jagd auf die Kil­ler aus­führ­lich dar­le­gen darf; auch die­se Online-Räu­ber­pis­to­le wird von Roher mit­rei­ßend in Sze­ne gesetzt.

In einem ers­ten dra­ma­tur­gi­schen Höhe­punkt gesteht der Mili­tär­che­mi­ker und mut­maß­li­che FSB-Mit­ar­bei­ter Kudrjaw­zew gegen­über dem inko­gni­to anru­fen­den Nawal­ny den Mord­plan; aller­dings sind weder das Mate­ri­al noch der Skan­dal neue Ent­hül­lun­gen, Tei­le der Auf­nah­men wur­den sei­ner­zeit bereits ver­öf­fent­licht. Aber so dicht und inten­siv wie in Rohers Film wirk­ten die Social-Media-Aus­schnit­te bei Wei­tem nicht.

Dar­über hin­aus hält sich Roher sehr kurz, erzählt sei­ne Geschich­te in jeder Sekun­de fes­selnd und mit viel Gefühl für Timing und Span­nungs­auf­bau. Die Tat­sa­che, dass er sei­nen Prot­ago­nis­ten unge­schönt so zeigt, wie er ist, ver­stärkt indes die poli­ti­sche Wir­kung, die sein Film hat, eher noch: In letz­ter Kon­se­quenz ist die Fra­ge nach Nawal­nys poli­ti­scher Red­lich­keit, nach der Ernst­haf­tig­keit sei­ner poli­ti­schen Anlie­gen ange­sichts des­sen, was ihm ange­tan wur­de und wird, irrelevant.

Die Bru­ta­li­tät des Putin’schen Regimes und des kri­mi­nel­len Poten­zi­als die­ser Regie­rung wird dadurch, dass Nawal­ny weder ein heiß­blü­ti­ger Sozia­list noch beson­ders über­zeu­gen­der Volks­tri­bun ist, son­dern ein ziem­lich glat­ter, elo­quen­ter Kar­rie­rist, des­sen Pro­gramm sich mehr oder min­der in Kor­rup­ti­ons­be­kämp­fung, Natio­na­lis­mus und der Ein­füh­rung fai­rer Wah­len erschöpft, nur noch deut­li­cher. Denn von Nawal­ny geht für die rus­si­schen Kapi­ta­lis­ten und Olig­ar­chen kaum eine Gefahr aus, aber allein die Ankün­di­gung, die kras­ses­ten Aus­wüch­se der mafiö­sen rus­si­schen Olig­ar­chie bekämp­fen zu wol­len, und das Vor­ha­ben, das nicht min­der mafiö­se Putin-Regime angrei­fen und been­den zu wol­len, genüg­te, um ihm ein Kil­ler­kom­man­do auf den Hals zu het­zen, das ihn mit Nowit­schok, einem für den rus­si­schen Geheim­dienst typi­schen Gift­stoff, aus dem Weg räu­men woll­te. Eine Akti­on, die auch zeigt, wie wenig ratio­nal Putin agiert. »Es war ver­rückt. Die­ses Gift trägt Putins Unter­schrift«, gibt Leo­nid Wol­kow, Nawal­nys Stabs­chef, fas­sungs­los ange­sichts der­ar­ti­ger Dreis­tig­keit zu Pro­to­koll, »es muss­te aus­ge­rech­net Nowit­schok sein – das ist, wie wenn man am Tat­ort sei­ne Unter­schrift hinterlässt«.

Da stockt einem der Atem, ins­be­son­de­re ange­sichts der Tat­sa­che, dass auch hier­zu­lan­de selbst Lin­ke in dem neu­es­ten Ver­bre­chen Putins, dem Angriff auf die Ukrai­ne, in ers­ter Linie eine ratio­na­le Reak­ti­on auf die Nato-Ost­erwei­te­rung erbli­cken wol­len und Ähn­li­ches. »Nawal­ny« hin­ge­gen ist Anschau­ungs­un­ter­richt dafür, dass es sich bei Putin um einen Kri­mi­nel­len han­delt, der kei­ne poli­ti­schen Zwän­ge benö­tigt, um Mord und Mas­sen­mord anzuordnen.

In vie­ler­lei Hin­sicht kommt der Film, der an die­sem Don­ners­tag in den deut­schen Kinos star­tet, zum rich­ti­gen Zeit­punkt. Möge er ein zahl­rei­ches Publi­kum fin­den. Ale­xei Nawal­ny selbst wird davon wenig mit­be­kom­men, denn er sitzt nach wie vor in Haft. Im März die­ses Jah­res wur­de er zu wei­te­ren neun Jah­ren Lager­haft wegen Untreue und Miss­ach­tung eines Gerich­tes ver­ur­teilt. Amnes­ty Inter­na­tio­nal kommt zu dem Schluss, dass Nawal­nys Ver­fol­gung »poli­tisch moti­viert« gewe­sen sei: »Nach­dem er einen Mord­an­schlag über­lebt hat­te, wur­de Nawal­ny kur­zer­hand inhaf­tiert und sei­ne Orga­ni­sa­ti­on in einer Jus­tiz­pos­se als extre­mis­tisch ein­ge­stuft. Vor dem Hin­ter­grund der ekla­tan­ten Miss­ach­tung inter­na­tio­na­ler, euro­päi­scher und natio­na­ler Geset­ze durch die rus­si­schen Behör­den droht vie­len ande­ren ähn­li­ches Unrecht.«

»Nawal­ny«: USA 2022. Regie: Dani­el Roher. 98 Minu­ten. Start: 5. Mai.

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