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  • Menschen mit Behinderung und Inklusion

Beats bitte barrierefrei

Viele Musikveranstaltungen sind nicht inklusiv gestaltet

Für Rollstuhlfahrer und Menschen mit anderen Behinderungen sind Konzerte, hier eines der Beatsteaks im
Für Rollstuhlfahrer und Menschen mit anderen Behinderungen sind Konzerte, hier eines der Beatsteaks im "SO36" in Berlin-Kreuzberg, wegen vieler Barrieren oft kaum zu genießen.

»Wir wol­len Inklu­si­on durch Musik schaf­fen, denn Musik ist ein ver­bin­den­des Mit­tel für alle«, sagt Peter Man­del. Er ist Mit­be­grün­der von Han­di­c­lap­ped – Kul­tur Bar­rie­re­frei, einem Ver­ein, der es sich auf die Fah­ne geschrie­ben hat, Kon­zer­te inklu­siv zu ver­an­stal­ten für Men­schen mit und ohne Behin­de­rung. An die­sem Sams­tag orga­ni­siert der Ver­ein anläss­lich des Euro­päi­schen Pro­test­ta­ges zur Gleich­stel­lung von Men­schen mit Behin­de­rung ein gro­ßes Kon­zert mit Quiz und Moden­schau im Bil­dungs- und Kul­tur­zen­trum »Peter Edel« in Ber­lin-Wei­ßen­see. Man­dels wich­tigs­te For­de­rung anläss­lich des Pro­test­ta­ges: »Alle Men­schen müs­sen gleich­be­rech­tigt an Musik teil­ha­ben kön­nen, nie­mand darf davon aus­ge­schlos­sen sein auf­grund einer Behinderung.«

Bis dahin sei aber noch viel zu tun, sagt Man­del. Denn die meis­ten Musik­ver­an­stal­tun­gen sei­en nicht all­zu inklu­siv. Bar­rie­ren sei­en etwa feh­len­de Zugän­ge zu den Räu­men und zur Büh­ne, zu hohe Tre­sen oder unan­ge­mes­se­ne Beleuch­tung, so Man­del. »Wir bie­ten auch Bera­tun­gen für Ver­an­stal­te­rin­nen und Ver­an­stal­tungs­or­te an, um Bar­rie­ren abzu­bau­en. Vie­le haben sich da noch gar nicht genug Gedan­ken gemacht, weil Men­schen mit Behin­de­run­gen gar nicht erst zu den Ver­an­stal­tun­gen kom­men«, sagt Man­del. Auch sei wenig bekannt, dass Mit­tel zur Finan­zie­rung vom Abbau von Bar­rie­ren bean­tragt wer­den können.

Kern der Arbeit von Han­di­c­lap­ped ist die Musik. Schon seit fast 15 Jah­ren ver­an­stal­tet Man­del mit dem Ver­ein ein- bis zwei­mal im Monat Kon­zer­te mit inklu­si­ven Bands in Ber­lin. »Wir haben auch zwei Bands, die vom Ver­ein selbst geför­dert wer­den, also unter ande­rem Instru­men­te, Pro­ben­räu­me und musi­ka­li­sche Anlei­tung von uns finan­ziert bekom­men«, so der Vereinsgründer.

Die Han­di­c­lap­ped-Band, die sich inzwi­schen in Rock Antrieb umbe­nannt hat, spie­le zum Bei­spiel ganz­jäh­rig auf vie­len Fes­ten in Ber­lin und Bran­den­burg. Auch am Sams­tag wird die Band beim Kon­zert zum Pro­test­tag für Gleich­stel­lung von Men­schen mit Behin­de­rung auf­tre­ten. »Wir haben ein gro­ßes Pro­gramm auf die Bei­ne stel­len kön­nen«, so Man­del. Neben Bands und DJa­nes wer­de eine Moden­schau des Labels »Auf Augen­hö­he« statt­fin­den, das Mode für klein­wüch­si­ge Men­schen prä­sen­tie­ren wird; außer­dem wer­de es ein Inklu­si­ons­quiz geben, so Man­del. Das Wich­tigs­te bei allem sei der Spaß an der Musik für alle, die teil­neh­men. »Wir haben einen Saal, in den 300 Leu­te pas­sen, und hof­fen, dass etwa 150 Leu­te vor­bei­kom­men«, sagt er.

Der Pro­test­tag selbst fin­det jähr­lich am 5. Mai, also an die­sem Don­ners­tag statt. Der Ber­li­ner Behin­der­ten­ver­band orga­ni­siert zusam­men mit zahl­rei­chen wei­te­ren Orga­ni­sa­tio­nen eine Demons­tra­ti­on unter dem Mot­to »Tem­po machen für die Inklu­si­on – bar­rie­re­frei zum Ziel«. Erwar­tet wer­den um die 1000 Teil­neh­men­de, so Chris­tia­ne Mül­ler-Zurek von der Ber­li­ner Lebens­hil­fe zu »nd«. Die Demons­tra­ti­on fin­det inzwi­schen zum 30. Mal statt, in den ver­gan­ge­nen Jah­ren nah­men bis zu 5000 Men­schen teil, sagt sie.

Ein bren­nen­des Anlie­gen der Ver­bän­de sei es, dass Ber­lin end­lich die Bar­rie­re­frei­heit umset­ze. »Einer­seits geht es um phy­si­sche Bar­rie­re­frei­heit für mobi­li­täts­be­hin­der­te Men­schen in Bezug auf Wohn­raum sowie Mobi­li­tät. Im Land Ber­lin feh­len 40 000 bis 100 000 bar­rie­re­freie Woh­nun­gen«, so Mül­ler-Zurek. Aber auch in der Kom­mu­ni­ka­ti­on müss­ten Bar­rie­ren abge­baut wer­den, zum Bei­spiel durch mehr Gebär­den­spra­che und die Ver­wen­dung Leich­ter Spra­che auf den Web­sei­ten des Lan­des oder bei den BVG-Ticketautomaten.

Wei­ter­hin müs­se es mehr Betei­li­gungs­mög­lich­kei­ten für Men­schen mit Behin­de­rung in den poli­ti­schen Pro­zes­sen auf allen Ebe­nen geben. »Wir for­dern die akti­ve Unter­stüt­zung des Ber­li­ner Behin­der­ten­par­la­ments mit einem eige­nen Bud­get und einer Geschäfts­stel­le«, so Mül­ler-Zurek. Das Par­la­ment star­tet an die­sem Sams­tag mit einer digi­ta­len Auf­takt­ver­an­stal­tung ins zwei­te Jahr, teil­neh­men kön­nen alle Ber­li­ne­rin­nen. Die tat­säch­li­che Sit­zung soll dann im Dezem­ber im Abge­ord­ne­ten­haus statt­fin­den, sagt Mül­ler Zurek.

»Das Zwei­te Ber­li­ner Behin­der­ten­par­la­ment will Poli­tik inklu­siv gestal­ten, mehr Par­ti­zi­pa­ti­on und mehr Gehör für Men­schen mit Behin­de­rung schaf­fen«, sagt sie. Wei­te­re wich­ti­ge The­men für den dies­jäh­ri­gen Pro­test­tag sei­en Gewalt­schutz für Frau­en mit Behin­de­rung, die zum Bei­spiel einen erschwer­ten Zugang zu Frau­en­häu­sern haben, und bes­se­re Inklu­si­on in den Schu­len Berlins.

Die Demons­tra­ti­on wird um 14 Uhr am Bran­den­bur­ger Tor star­ten und dann über den Stra­ßen­zug Unter den Lin­den bis zum Roten Rat­haus zie­hen. Dort soll um 15.30 Uhr die Abschluss­kund­ge­bung statt­fin­den. »Was Bar­rie­re­frei­heit angeht, gehen die Orga­ni­sa­to­rin­nen mit gutem Bei­spiel vor­an«, so Mül­ler-Zurek. So gebe es Dol­met­sche­rin­nen für Gebär­den­spra­che auf der Büh­ne, und für Men­schen, die nicht die gan­ze Stre­cke lau­fen kön­nen, gebe es die Mög­lich­keit, Tei­le des Weges in Rik­schas mit­zu­fah­ren. Außer­dem sei die Büh­ne auch für Roll­stuhl­fah­re­rin­nen zugäng­lich, und bei allen Rede­bei­trä­gen wer­de dar­auf geach­tet, dass die Sprecher*innen sich leicht ver­ständ­lich aus­drü­cken, so Müller-Zurek.

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