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  • Berlin
  • Rassismus und rechte Gewalt

Zu Hause nicht sicher

Rassistische Gewalt in der Nachbarschaft ist für Betroffene besonders belastend

  • Von Louisa Theresa Braun
  • Lesedauer: 3 Min.
Nur ein Nachbarschaftsstreit? Oft werden Betroffene rassistischer Gewalt in der eigenen Wohnung von der Polizei schikaniert.
Nur ein Nachbarschaftsstreit? Oft werden Betroffene rassistischer Gewalt in der eigenen Wohnung von der Polizei schikaniert.

Seit Katsiaryna Olszewski vor drei Jahren mit ihrem Mann und ihren beiden kleinen Kindern in ihre jetzige Wohnung in Berlin-Weißensee gezogen ist, wird sie von ihren Nachbar*innen gemobbt. Einmal sei sie mit Baby im Arm im Treppenhaus von einem Nachbarn mit vielen Taschen beinahe hinuntergestoßen worden. Einige Male wurde die Polizei gerufen, weil ihre Kinder zu laut gewesen seien. Dann lag ein anonymer Drohbrief im Briefkasten, weil ihr Hund gebellt habe.

Seit sie am 8. März im Hof ukrainischen Kindern etwas erklärte, bekam die Schikane eine neue Dimension. »Scheiß Flüchtlinge!«, habe ein Nachbar aus dem Fenster geschrien. Kurz darauf kam ein Brief vom Jugendamt, dem zufolge sie ihre Kinder geschlagen habe. »Das ist alles Lüge«, sagt Olszewski auf der Pressekonferenz der Opferberatungsstelle Reach Out am Mittwoch. Dann der nächste Drohbrief, aus dem sie vorliest: »Kindesmisshandlung wird in Deutschland mit hohen Haftstrafen geahndet. Du wirst im Gefängnis verprügelt.« Doch die Polizei habe gesagt, das sei keine Drohbrief. »Es ist unangenehm, kostet viel Kraft«, sagt Olszewski.

Sie komme aus Belarus und spreche mit ihren Kindern zu Hause Russisch. Das Mobbing ist ein klassisches Beispiel für einen rassistisch motivierten Nachbarschaftskonflikt. »Wenn Menschen von Nachbarn rassistisch beleidigt, angegriffen, bespuckt werden, dann endet das nicht vor der Wohnungstür, sondern die rassistischen Nachbarn informieren die Hausverwaltung, wann der Nachbar mit den Kindern Riesenlärm gemacht habe«, berichtet auch Biplab Basu von Reach Out. Häufig würden im nächsten Schritt Jugendamt und Polizei eingeschaltet. »Da spielt Rassismus vermutlich auch eine Rolle, die wollen die Menschen einschüchtern, statt unabhängig zu ermitteln«, so Basu weiter. Reach Out unterstützt Betroffene in solchen Fällen. Viele müssten sich vor Gericht verantworten oder würden dazu gebracht, eine neue Wohnung zu suchen - eine immense Belastung.

Von insgesamt 354 rechten, rassistischen oder antisemitischen Vorfällen, die Reach Out für das Jahr 2021 dokumentierte, sind mindestens 23 Taten im direkten Wohnumfeld geschehen. »Das liegt uns deswegen so am Herzen, weil es sich für die Betroffenen eigentlich um einen geschützten Raum handeln sollte. Es können sehr schnell existenzielle Nöte entstehen«, sagt Sabine Seyb von Reach Out. Die Berliner Fachstelle gegen Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt »Fair mieten - Fair wohnen« hat dazu einen Leitfaden für Betroffene herausgegeben.

Rassismus sei unter den verzeichneten Fällen das häufigste Tatmotiv, deshalb »muss es endlich eine langfristige Auseinandersetzung auf parlamentarischer Ebene geben«, so Seyb weiter, insbesondere zum Thema institutioneller Rassismus. Konkret fordert Reach Out eine Enquetekommission im Abgeordnetenhaus, eine unabhängige Beschwerdestelle für rassistische Diskriminierung und Kontrollen durch die Polizei sowie ein Bleiberecht für von rassistischer Gewalt Betroffene.

Sabine Seyb kritisiert, dass die Opferberatung seit 2021 aus Datenschutzgründen keine direkten Informationen von Ermittlungsbehörden mehr erhalten. »Wir fordern, dass diese Praxis noch mal überprüft und verändert wird, damit wir ein umfassendes und ausführliches Monitoring auch in Zukunft gewährleisten können«, sagt sie. Die Dunkelziffer bei Angriffen sei wahrscheinlich sehr hoch.

Außerdem problematisiert Seyb, dass Reach Out jährlich neue Finanzierungsanträge stellen und um Mittel kämpfen müsse. Dieses Jahr konnten unter anderem Stellen nicht nachbesetzt werden. »Wir wünschen uns, dass wir einfach in Ruhe und engagiert arbeiten können, und schön wäre es, wenn uns dabei keine Steine in den Weg gelegt werden«, erklärt Seyb.

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