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Verhängnisvolle Gleichsetzung

Der russische Krieg in der Ukraine belastet das Gedenken an die Befreiung vor 77 Jahren

  • Von Hendrik Lasch
  • Lesedauer: 10 Min.
Am Ufer der Elbe wehen eigentlich die US-amerikanische, die deutsche und die russische Fahne - bis zum Krieg in der Ukraine
Am Ufer der Elbe wehen eigentlich die US-amerikanische, die deutsche und die russische Fahne - bis zum Krieg in der Ukraine

Die rus­si­sche Fah­ne ist ein­ge­holt. Eigent­lich weht sie an einem der drei Mas­ten, die an der Tor­gau­er Elb­brü­cke ste­hen, neben den Flag­gen der USA und der Bun­des­re­pu­blik. Jetzt sind sie durch bun­te Fah­nen mit der Auf­schrift »Peace« ersetzt. Eine pas­sen­de Ges­te, beschwört das Mahn­mal doch den »Geist der Elbe«, wie auf einer Tafel steht: ein Appell an die »Men­schen aller Natio­nen«, Dif­fe­ren­zen »aus­schließ­lich mit fried­li­chen Mit­teln zu lösen«. Er war eine Leh­re aus dem Krieg, der am 25. April 1945 an die­ser Stel­le mit einer sym­bol­träch­ti­gen Ges­te ende­te. Sol­da­ten der Sowjet­uni­on und der USA reich­ten sich erst­mals die Hän­de. Zwei Wochen spä­ter, am 8. Mai 1945, kapi­tu­lier­te das Nazi­re­gime. Der Zwei­te Welt­krieg war vorbei.

An den Hand­schlag von Tor­gau wird eigent­lich jähr­lich mit einem offi­zi­el­len Fest­akt erin­nert. Die Ver­an­stal­tung zum 77. Jah­res­tag kürz­lich aber fand nicht statt. Tor­gaus CDU-Rat­haus­chefin Romi­na Barth sag­te sie wegen der »aktu­el­len Lage« ab: dem Angriffs­krieg Russ­lands in der Ukrai­ne, der die Welt erschüt­tert und in Tor­gau das Pro­to­koll durch­kreuz­te. Es hat­te Reden von Ver­tre­tern Russ­lands und der Ukrai­ne vor­ge­se­hen. Ein Eklat war abseh­bar, man zog die Reißleine.

Als Chris­ta Hoff­mann davon las, pack­te sie der Zorn. Sie ist 85 Jah­re alt und war an dem denk­wür­di­gen Tag vor 77 Jah­ren am his­to­ri­schen Ort. Am Vor­mit­tag des 25. April 1945 quer­te die damals Acht­jäh­ri­ge, mit ihrer Mut­ter und drei Geschwis­tern auf einem Pfer­de­wa­gen sit­zend, die Tor­gau­er Brü­cke, auf der Flucht vor »den Rus­sen«, von denen sie Schlim­mes gehört hat­ten. Das von den Ame­ri­ka­nern besetz­te west­li­che Ufer erreich­ten sie mit Not. Kaum, dass sie die Brü­cke pas­siert hat­ten, wur­de die­se gesprengt. Hoff­mann erin­nert sich an eine Deto­na­ti­on und einen Aus­ruf: »Die Brü­cke ist kaputt.« Auf ihren Trüm­mern fand Stun­den spä­ter der Hand­schlag von Rot­ar­mis­ten und GIs statt.

Ihr Urteil über »die Rus­sen« revi­dier­ten die Flücht­lin­ge danach in meh­rer­lei Hin­sicht. Hoff­mann erin­nert sich, wie ihnen Sowjet­sol­da­ten dazu ver­hal­fen, dass sie auf einem Bau­ern­hof nicht mehr in der Scheu­ne schla­fen muss­ten, son­dern Zim­mer beka­men; sie erzählt auch, wie ein Sol­dat beim Anblick ihrer Geschwis­ter in Trä­nen aus­brach und zu ver­ste­hen gab, er habe eben­falls Kin­der, die aber tot sei­en. »Irgend­wann dach­ten wir: So schlecht sind die doch gar nicht«, sagt Hoff­mann. Zudem fie­len ihr Sol­da­ten auf, die von den Kin­dern wegen ihres Äuße­ren als »Mon­go­len« bezeich­net wur­den, wohl aus einer mit­tel­asia­ti­schen Sowjet­re­pu­blik stamm­ten und zeig­ten, dass die Rote Armee aus mehr Natio­na­li­tä­ten als »den Rus­sen« bestand.

Sol­che Erin­ne­run­gen sor­gen dafür, dass Hoff­mann die Absa­ge des Geden­kens für grund­falsch hält. Sie ver­ur­teilt den rus­si­schen Angriff auf die Ukrai­ne: »Was Putin da macht, ist der Hor­ror«, sagt sie. Bei den Ver­an­stal­tun­gen zum 8. Mai aber sol­le all jener gedacht wer­den, die Deutsch­land und die Welt vor 77 Jah­ren von einem faschis­ti­schen Regime befreit und »den Zwei­ten Welt­krieg für uns gewon­nen« hät­ten, dar­un­ter Rus­sen, Ame­ri­ka­ner, Fran­zo­sen, Ukrai­ner, Kir­gi­sen und ande­re. Es gebe »jeden Grund«, den Tag wür­dig zu bege­hen, sagt sie und fragt: »Was hat der Tag der Befrei­ung mit dem heu­ti­gen Krieg in der Ukrai­ne zu tun?!«

Nicht alle unter­schei­den so zwi­schen his­to­ri­schem Ver­dienst und aktu­el­lem Krieg. In Dres­den flamm­te kurz vor dem Gedenk­tag Streit um ein sowje­ti­sches Ehren­mal auf, das Ende 945 als ers­tes sei­ner Art auf deut­schem Boden errich­tet wur­de, Sol­da­ten mit Sowjet­fah­ne und Maschi­nen­pis­to­le zeigt und »ewi­gen Ruhm« für jene Rot­ar­mis­ten ver­spricht, die im Kampf gegen die »deut­schen faschis­ti­schen Erobe­rer für die Frei­heit und Unab­hän­gig­keit der sowje­ti­schen Hei­mat gefal­len« sind. Das Denk­mal »kann nicht blei­ben«, mein­te ein FDP-Poli­ti­ker. »Nicht wegen 1945«, füg­te er an, son­dern »wegen 1953, 1968 und 2022«. Die letz­ten Zah­len bezie­hen sich auf den sowje­ti­schen Ein­marsch in die CSSR und den aktu­el­len Krieg in der Ukrai­ne, bei­de mit Betei­li­gung der 1. Gar­de-Pan­zer­ar­mee, die bis 1993 in Dres­den sta­tio­niert war.

Rein for­mal hat das Denk­mal mit die­ser nichts zu tun; es ist den Gefal­le­nen der 5. Gar­de­ar­mee gewid­met, die im Früh­jahr 1945 im heu­ti­gen Sach­sen kämpf­te. Jen­seits von For­ma­li­tä­ten geht es aber um die Fra­ge, ob die Ver­diens­te der Befrei­er durch spä­te­re Ereig­nis­se, vor allem den aktu­el­len Krieg, geschmä­lert wer­den – und auch dar­um, inwie­weit ein Geden­ken an den Sieg von 1945 zur Legi­ti­ma­ti­on heu­ti­gen Han­delns instru­men­ta­li­siert wer­den kann.

Anne­kat­rin Klepsch will »Sie­ger­ges­ten« am dies­jäh­ri­gen 8. Mai ver­mei­den, aber auf ein Geden­ken nicht ver­zich­ten. Die Kul­tur­bür­ger­meis­te­rin von Dres­den wird am Jah­res­tag der Befrei­ung bewusst nicht das Ehren­mal besu­chen, son­dern den Dresd­ner Gar­ni­sons­fried­hof, auf dem Kriegs­ge­fal­le­ne bestat­tet sind. Die Links­po­li­ti­ke­rin und die grü­ne Umwelt­bür­ger­meis­te­rin Eva Jäh­ni­gen wol­len ein Zei­chen set­zen an einem Tag, mit dem man sich in Sach­sen und des­sen Lan­des­haupt­stadt schon schwer tat, als Russ­land noch kei­nen Krieg in der Ukrai­ne führ­te. Vor­stö­ße im Land­tag, die­sen zum Fei­er­tag zu machen, hat­ten nie Erfolg. Es gebe, sagt Klepsch, ein »grund­sätz­li­ches Hadern mit dem Datum«. Das wird sich, so steht zu befürch­ten, im Licht der aktu­el­len Ereig­nis­se wei­ter verstärken.

Sie dürf­ten auch Fol­gen für den Umgang mit Erin­ne­rungs­or­ten wie dem Sowje­ti­schen Ehren­mal haben. Man­cher wünscht, es mit einer Tafel zu ver­se­hen, die Hin­ter­grün­de zu Ent­ste­hung und Anlie­gen erkläu­tert. Klepsch schlägt vor, es »neu zu befra­gen«, wie es in der Ein­la­dung zu einer Podi­ums­dis­kus­si­on über das Denk­mal am 8. Mai heißt. Der Krieg in der Ukrai­ne, heißt es dort, sei Anlass für eine »Neu­in­ter­pre­ta­ti­on post­so­wje­ti­scher Geschichts­nar­ra­ti­ve und der damit ein­her­ge­hen­den Sym­bo­lik von Denk- und Erin­ne­rungs­ma­len«. Ein Denk­mals­sturm aber ste­he in Dres­den nicht an, betont Klepsch – im Gegen­teil. Das Kul­tur­amt plant viel­mehr, das Ehren­mal sanie­ren zu las­sen. 2025, zum 80. Jah­res­tag der Befrei­ung, soll es fer­tig sein. Ob der Stadt­rat die nöti­gen 120 000 Euro aber auch vor dem Hin­ter­grund des Krie­ges bewil­ligt, ist offen.

Auch anders­wo stellt sich die Fra­ge, wie der Krieg die Erin­ne­rungs­po­li­tik beein­flusst. Ein Bei­spiel: die Gedenk­stät­te Ehren­hain Zeit­hain. Sie erfuhr schon bis­her weni­ger Auf­merk­sam­keit, als es dem Schick­sal der im dor­ti­gen Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­ger ver­stor­be­nen 25 000 Men­schen ange­mes­sen wäre. Das hat vie­le Grün­de. Die inhaf­tier­ten Sol­da­ten waren eine lan­ge kaum gewür­dig­te Grup­pen von NS-Opfern. Auch ist die Gedenk­stät­te schwer zu errei­chen. Nun könn­te sich der Krieg als wei­te­re »Hypo­thek« erwei­sen, fürch­tet Lei­ter Jens Nagel. Zwar waren in Zeit­hain auch Ita­lie­ner inter­niert. Die bei wei­ten meis­ten aber kamen aus der Sowjet­uni­on, deren Insi­gni­en auch heu­te noch das Erschei­nungs­bild der Gedenk­stät­te prä­gen. Die wie­der­um wer­de »oft ver­kür­zend mit Russ­land gleich­ge­setzt«, sagt Nagel – was jetzt zum Pro­blem wer­den könnte.

Es wäre inso­fern eine bit­te­re Iro­nie der Geschich­te, als man sich gera­de in Zeit­hain seit Jah­ren bemüht hat, der irri­gen Gleich­set­zung zwi­schen Roter Armee und Rus­sen ent­ge­gen­zu­wir­ken. So wur­den zu Ver­an­stal­tun­gen anläss­lich der Befrei­ung des Lagers am 22. April 1945 bewusst stets auch Ver­tre­ter aus der Ukrai­ne und Bela­rus ein­ge­la­den, sagt Nagel. Die­se Län­der hät­ten noch weit schlim­mer unter dem deut­schen Angriffs­krieg und der Beset­zung gelit­ten als Russland.

Dass jetzt am 8. Mai trotz­dem zuerst an Russ­land gedacht wird und infol­ge des­sen der rus­si­sche Krieg in der Ukrai­ne für der­ar­ti­ge Ver­un­si­che­rung sorgt, hat meh­re­re Grün­de, meint Nagel. Ein for­ma­ler: Die Ver­ein­ba­rung über Erhalt und Pfle­ge von Kriegs­grä­bern haben die Bun­des­re­pu­blik und Russ­land abge­schlos­sen. Womög­lich des­halb weht an Gedenk­or­ten wie in Tor­gau nur die rus­si­sche Fah­ne. Russ­land wie­der­um, sagt Nagel, habe die­sen Anspruch auf »Allein­ver­tre­tung« gern ange­nom­men, und ande­re post­so­wje­ti­sche Staa­ten hät­ten Russ­land »zu viel Raum gelas­sen«. Sie sei­en künf­tig »gut bera­ten«, das The­ma stär­ker für sich zu besetzen.

Wie das gelingt und wie sich das Geden­ken rund um den 8. Mai in Deutsch­land ent­wi­ckelt, bleibt abzu­war­ten. In Zeit­hain gab es, anders als in Tor­gau, auch in die­sem Jahr einen offi­zi­el­len Fest­akt. Es spra­chen eine Minis­te­rin und eine Vize­prä­si­den­tin des Land­tags. Ver­tre­ter von Russ­land und Bela­rus waren nicht ein­ge­la­den: »Für offi­zi­el­le Kon­tak­te gibt es der­zeit kei­ne Grund­la­ge«, sagt Nagel. Der Opfer wur­de den­noch gedacht – was deren Nach­kom­men wür­di­gen. »Herz­li­chen Dank, dass sie auch in einer so schwie­ri­gen Zeit der ein­ge­schla­ge­nen Rich­tung treu blei­ben«, schrieb die Nich­te eines in Zeit­hain ums Leben gekom­me­nen weiß­rus­si­schen Rot­ar­mis­ten. Sie ergänz­te: »Wir alle auf dem Glo­bus brau­chen FRIEDEN, und des­halb müs­sen wir immer die Erin­ne­rung an die Opfer bewah­ren, die der Krieg der Mensch­heit bringt.«

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