»Ewige Flamme« wird nicht verlöschen

Russland beging »Tag des Sieges«, die Ukraine betonte ihren Anteil an Zerschlagung des Faschismus

Zuschauer auf dem Roten Platz zeigten Bilder von im Zweiten Weltkrieg gefallenen Angehörigen.
Zuschauer auf dem Roten Platz zeigten Bilder von im Zweiten Weltkrieg gefallenen Angehörigen.

So wie in Moskau beging man in 27 weiteren Städten zwischen Sankt Petersburg und Wladiwostok, zwischen Murmansk und Samara den »Tag des Sieges« – den mit Abstand wohl wichtigsten Feiertag im Leben vor allem des russischen Volkes. Wie in jedem Jahr seit der Niederringung des faschistischen Deutschlands marschierten Tausende Soldaten über den Roten Platz der russischen Hauptstadt. Ausländische Staatschefs waren nicht erschienen. Dafür hatten auf der Ehrentribüne – neben der russischen Führung – Kriegsveteranen sowie Patriarch Kyrill, das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Platz genommen. Zehntausende hatten sich aufgemacht, um die wie immer gigantische Waffenschau zu beobachten. Doch die geplante Luftparade, an der – passend zum Jahrestag – 77 Hubschrauber und Flugzeuge teilnehmen sollten, fiel aus. Dabei hatten einige der Jets eine Z‑Formation geprobt – zum Gruß an die kämpfenden Truppen, die ihre Angriffe auf ukrainische Positionen auch am Montag fortsetzten. Doch das schlechte Wetter über Moskau ließ diesen Gipfel der Propaganda angeblich nicht zu.

Dafür gab es eine weithin mit Spannung erwartete Ansprache des russischen Präsidenten. Wirklich Neues hatte Wladimir Putin nicht mitzuteilen. Er gratulierte den Veteranen zu ihrem »großen Sieg« und betonte, es sei die Pflicht, die Erinnerung an diejenigen wach zu halten, die den Faschismus besiegt hätten. Es müsse alles getan werden, um zu verhindern, dass sich »der Schrecken eines globalen Krieges wiederholt«. Womit Putin beim Thema Ukraine-Krieg war. Der Präsident warf dem Westen vor, eine Invasion Russlands und der Krim vorbereitet zu haben. Die Nato habe Bedrohungen an den Grenzen Russlands aufgebaut, die Sicherheitsinteressen seines Landes ignoriert und in der Ukraine Neonazis bewaffnet. Immer wieder habe Moskau für eine internationale Sicherheitslösung geworben, behauptete Putin, doch die Nato habe alle russischen Argumente ignoriert. So sei der militärische Sondereinsatz – Moskau nennt seinen am 24. Februar begonnenen Angriffskrieg gegen die Ukraine noch immer so – die »einzig richtige Entscheidung«, erklärte Putin.

Der Präsident versuchte auch, seine Ukraine-Kämpfer, von denen einige an der Moskauer Parade teilnahmen, zu motivieren: »Ihr kämpft für euer Vaterland, für seine Zukunft.« Den Angehörigen verletzter und getöteter Soldaten sagte er Hilfe zu: »Der Tod eines jeden Soldaten und Offiziers bedeutet Leid und unwiederbringlichen Verlust für die Verwandten und Liebsten«, sagte Putin. »Der Staat, die Regionen, Unternehmen und zivilgesellschaftliche Organisationen tun alles, um diesen Familien Fürsorge zukommen zu lassen und ihnen zu helfen«, versprach der Redner und wurde konkret. Man wolle sich besonders um die Kinder der Toten und Verwundeten kümmern. Ein entsprechendes Dekret habe er gerade unterzeichnet. Kinder von Soldaten, die in der Ukraine gekämpft haben, hätten so Anspruch auf zehn Prozent der Studienplätze an staatlichen Hochschulen. Sie müssten dabei keine Aufnahmeprüfung ablegen. Kadetten- und Militärschulen seien ebenfalls angehalten, solche Kinder ohne Prüfung aufzunehmen. Putin beendete seine Rede mit einer Art Ruf zum Gefecht: »Für Russland! Für den Sieg! Hurra!«

Unterdessen verbat sich der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj jegliche »Aneignung« des Sieges über Nazi-Deutschland durch Russland. Auch die Ukraine begehe den Tag des Sieges, sagte der Präsident am Montag in einer Videobotschaft. Man sei stolz auf die Vorfahren, die gemeinsam mit anderen Nationen in der Anti-Hitler-Koalition kämpften. »Wir haben damals gewonnen. Wir werden auch jetzt siegen«, betonte er.

Unterdessen informierte das ukrainische Militär darüber, dass Russland auch am Feiertag seine Angriffe »in der Operationszone Ost« fortsetze, um die vollständige Kontrolle über die Gebiete Donezk und Luhansk zu erlangen und den Landkorridor zur besetzten Krim zu sichern, heißt es aus Kiew. Aus dem eingekreisten Stahlwerk in Mariupol meldete sich ein Offizier des rechtsnationalistischen Asow-Freiwilligen-Regiments bei verschiedenen ukrainischen Medien: »Wir fühlen uns verlassen«, klagte er und warf dem Oberkommando in Kiew schwere Versäumnisse vor: »Wir haben null Unterstützung bekommen… Wir waren auf uns allein gestellt.« Doch, so betonte er: »Kapitulation ist keine Option.«

Die Möglichkeit einer diplomatischen Lösung des Konflikts wurde am Feiertag nur am Rande angesprochen. So hieß es in Moskau, die Verhandlungen mit der ukrainischen Delegation würden in einem Videoformat weitergeführt. Für ein erneutes Treffen gebe derzeit keine Grundlagen, sagte der Leiter der russischen Verhandlungsgruppe, Wladimir Medinsky, am Montag.

Am Rande ist zu notieren: Trotz der sich in Russland zuspitzenden Versorgungslage werden die »Ewigen Flammen« an den Denkmalen für die Opfer des Großen Vaterländischen Krieges auch in Zukunft nicht verlöschen. Russlands Premierminister Michail Mischustin unterzeichnete anlässlich des 9. Mai ein Dekret, laut dem die Lieferung des benötigten Gases künftig kostenlos erfolgt.

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