Auch Mediziner werden älter

Auf dem Ärztetag werden unter anderem Pandemiefolgen für Kinder und Jugendliche diskutiert

Ein Covid-Patient wird auf der Intensivstation am Campus Kiel übernommen. Die Behandlungskapazitäten in München hatten nicht gereicht.
Ein Covid-Patient wird auf der Intensivstation am Campus Kiel übernommen. Die Behandlungskapazitäten in München hatten nicht gereicht.

Der Anteil älterer Menschen an der Bevölkerung wächst auch in Deutschland, und damit steigt der ärztliche Versorgungsbedarf. Denn viele dieser Patienten haben mehrere Erkrankungen gleichzeitig, und sie erkranken häufiger akut. Das gilt auch, wenn nur die Gruppe arbeitender Menschen betrachtet wird – auch hier steigt der Anteil der Älteren. Das trifft ebenso die Ärztinnen und Ärzte. Ein Fünftel von ihnen steht kurz vor dem Ruhestand. Laut Statistik der Bundesärztekammer gehören über 13 Prozent der Ärztinnen und Ärzte der Altersgruppe der 60- bis 65-Jährigen an; weitere 8,5 Prozent haben das 65. Lebensjahr bereits überschritten. 2019 gab es auf Patientenseite 19,4 Millionen Behandlungsfälle in Krankenhäusern, dazu eine Milliarde Arztkontakte jährlich in den Praxen – auch diese Zahlen mit steigender Tendenz. Genau die sich aus dieser Relation von Ärzten und Patienten ergebenden Versorgungsprobleme sind der erste inhaltliche Schwerpunkt des nächsten, also 126. Deutschen Ärztetages. Auf dem Ärzteparlament werden gesundheitspolitische Impulse gesetzt und berufspolitische Themen beraten.

In zwei Wochen findet diese Veranstaltung in Bremen nach zwei Jahren Pandemie wieder in »normalem« Format statt, also als Präsenzveranstaltung. Vorab äußerte sich dazu in Berlin der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt. Wie wird es in unserer »Gesellschaft des langen Lebens« also weitergehen mit der ärztlichen Versorgung? Laut dem Mediziner ist die Arztdichte in Deutschland immer noch relativ hoch im Vergleich zu ähnlichen Ländern. Sie wäre es nicht ohne ständige Zuwanderung von Medizinern. Parallel zur wachsenden Zahl der Patienten tendieren jüngere Ärzte aber dazu, ihre Arbeitszeiten eher abzusenken. Teils, weil sie zum Beispiel auch noch ein Familienleben führen wollen, teils, weil sie anders die Belastungen etwa im Klinikalltag nicht auf Dauer aushalten.

Es gebe immer noch ein leichtes Wachstum bei der Zahl der Ärztinnen und Ärzte, kommentiert Reinhardt. Wie aus der aktuellen Statistik hervorgeht, waren im Jahr 2021 bei den Landesärztekammern insgesamt 416 120 berufstätige Ärztinnen und Ärzte gemeldet. Damit stieg die Zahl zwar wie bereits im Vorjahr um 1,7 Prozent beziehungsweise um rund 7000 Personen – aber dieser Zuwachs reicht laut Reinhardt bei Weitem nicht aus, um den Behandlungsbedarf auf Dauer zu decken. Gebraucht würden eine konsequente Nachwuchsförderung und bessere Ausbildungsbedingungen im ärztlichen Bereich. Außerdem gebe es bei der Bundesärztekammer jetzt eine Arbeitsgruppe zu Personalvorgaben im Krankenhaus. Die Diskussion um die notwendige Bemessung von Personal – also wie viele Ärztinnen und Ärzte welcher Fachgruppen wo gebraucht werden – solle damit versachlicht werden, erklärt Reinhardt die Intention. Für die Umsetzung hofft er darauf, dass »empathisches ärztliches Handeln« wieder möglich sein sollte. »Nicht zuletzt die Corona-Pandemie hat drastisch vor Augen geführt, dass eine ausreichende Personalausstattung im Gesundheitswesen kein Luxus ist, sondern essenziell für das Wohlergehen der gesamten Gesellschaft.«

Mit dieser vor allem quantitativen Entwicklung ist noch nichts gesagt über die Auswirkungen der Pandemie. Wie die letzten zwei Jahre insbesondere die Jüngsten getroffen und auch beeinträchtigt haben, das ist der zweite inhaltliche Schwerpunkt des kommenden Ärztetages. Der Ärztekammerpräsident zählt die Probleme auf: mehr psychisch kranke oder psychisch auffällige Kinder und Jugendliche, mehr Entwicklungs- und Bindungsstörungen in der Altersgruppe, verursacht durch Pandemiemaßnahmen wie Unterrichtsausfall und ‑verlagerung ins Internet, Isolation und Wegfall vieler Freizeitangebote. Die gesamte Problematik, die auch eine starke soziale Komponente habe, soll auf dem Ärztetreffen »systematisch diskutiert« werden, auch weil »Kinder politisch nicht so gut vertreten sind«, erklärte Reinhardt.

In Bezug auf die Pandemie, aber auch darüber hinaus, legt der Ärztekammerpräsident besonderen Wert auf die Verbesserung der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung. Auch das werde in Bremen diskutiert. Mit Sorge beobachten die Mediziner, dass bei vielen Krankheiten, wie etwa denen des Stoffwechselsystems und bei Herz-Kreislauf-Leiden, die Patienten immer jünger werden. Diese Tendenz werde wohl anhalten, so Reinhardt. Hier müssten die verschiedenen Ansätze, wie etwa die der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung oder die Präventionsvorhaben der Kassen, besser abgestimmt werden. »Jeder in diesen Bereich investierte Euro ist eine gute Geldanlage, auch wenn die Wirkungen nur sehr langfristig eintreten.«

Die Bundesärztekammer sieht zusätzlichen Reformbedarf in »fast allen Bereichen des Gesundheitswesens«. Nötig seien Neuerungen etwa bei der Krankenhausplanung und ‑vergütung, der Notfallversorgung und beim Ausbau der Digitalisierung. Auch effektive Maßnahmen gegen eine zunehmende Kommerzialisierung wären nötig, erklärte Reinhardt auf nd-Nachfrage: »Dagegen muss mit allen rechtlich zur Verfügung stehenden Instrumentarien vorgegangen werden.« Das betreffe etwa wettbewerbs- und sozialrechtliche Fragen. Unter anderem sollte das komplette Spektrum einer Fachrichtung in spezialisierten Medizinischen Versorgungszentren angeboten werden, nicht nur lukrative Leistungen.

Zum Ärztetag, der am 24. Mai in Bremen beginnt, wird unter anderem Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) erwartet. An den Beratungen sollen 250 Delegierte teilnehmen.

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