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Spektakel für Eingeweihte

Ewelina Marciniaks Inszenierung von »Die Jungfrau von Orleans« gastiert beim Berliner Theatertreffen

Eine feministische Selbstbefragung?
Eine feministische Selbstbefragung? "Die Jungfrau von Orleans", eingeladen zum Berliner Theatertreffen

Die Pan­de­mie for­dert dem Thea­ter­be­trieb fort­wäh­rend schwie­ri­ge Ent­schei­dun­gen ab. Was tun, wenn kurz vor der Pre­mie­re ein Ensem­ble­mit­glied posi­tiv getes­tet wird, also aus­fällt? Soll­te man die Auf­füh­rung absa­gen? Die Rol­le has­tig umbe­set­zen? Das Natio­nal­thea­ter Mann­heim wähl­te für sein gefähr­de­tes Gast­spiel beim Ber­li­ner Thea­ter­tref­fen eine »hybri­de Lösung«. 90 Minu­ten bekam das Publi­kum bei frei­em Ein­tritt eine Auf­zeich­nung zu sehen, danach – der erkrank­te Spie­ler hat­te nun kei­nen Auf­tritt mehr – spiel­te das Ensem­ble noch eine hal­be Stun­de auf der Bühne.

Zu sehen gab es Fried­rich Schil­lers »Die Jung­frau von Orleans«, die aber kaum wie­der­zu­ken­nen war, was nichts mit der Auf­zeich­nung zu tun hat, son­dern damit, dass Regis­seu­rin Ewe­li­na Mar­ci­ni­ak und Dra­ma­tur­gin Joan­na Bed­nar­c­zyk eine Fas­sung geschrie­ben haben, die von Schil­ler demons­tra­tiv Abstand nimmt, um die Haupt­fi­gur wie­der­um in nächs­te Nähe zu rücken, sie abzu­tas­ten auf all das, was sie sein könn­te, müss­te sie nicht über Jahr­hun­der­te als Pro­jek­ti­ons­flä­che für männ­li­che Begier­den herhalten.

In der ers­ten Sze­ne zählt Johan­nas Vater all die Gefah­ren auf, die einer unver­hei­ra­te­ten und also schutz­lo­sen jun­gen Frau wider­fah­ren kön­nen, stei­gert sich in Visio­nen hin­ein, wie sich die Toch­ter »mit hoch­ge­zo­ge­nem Rock dem erst­bes­ten Land­strei­cher hin­gibt«, wobei es der im Split­screen gezeig­ten Loli­ta-Sze­ne nicht bedurft hät­te, in der Johan­na immer wie­der die Hand des Vaters in ihren Schoß zieht, um zu ver­ste­hen, was die Toch­ter bald dar­auf klar­stellt: »Papa, das war dein Traum. Der han­delt von dir, nicht von mir.«

Die Haupt­rol­le ist also eine Leer­stel­le, sie ist immer das, was Män­ner in ihr erken­nen, und es sind hier die bekann­ten Rol­len zwi­schen den Extre­men Hure und Hei­li­ge. Anne­ma­rie Brünt­jen pro­biert sie an wie Klei­der, ver­sucht sich mal als küh­le Stra­te­gin, Unschuld vom Lan­de, rach­süch­ti­ge Ama­zo­ne oder lei­den­schaft­li­che Lieb­ha­be­rin. Ganz pas­sen wol­len die­se Ver­su­che nicht, wes­halb Brünt­jen dem Hohn eines Schau­spie­ler­kol­le­gen ganz zu Recht mit offen­si­ver Rat­lo­sig­keit begeg­net: Sie wis­se ja selbst nicht, wie es geht, sie suche aber wenigs­tens noch etwas! Die­se Suche nach der rich­ti­gen Johan­na bezieht sich immer auch auf die Suche nach ihrer rich­ti­gen Dar­stel­lung, die Insze­nie­rung ist bei­des zugleich: Kunst im bür­ger­li­chen Sin­ne als Instru­ment poli­ti­scher Selbst­ver­ge­wis­se­rung und ein sich selbst reflek­tie­ren­des Medium.

Man muss sich also beim Thea­ter­tref­fen wie­der mal – typisch Bran­chen­treff! – sehr für Thea­ter inter­es­sie­ren, um auch die­ses kon­kre­te Thea­ter da auf der Büh­ne inter­es­sant zu fin­den. Für alle Nicht­ein­ge­weih­ten lösen Brünt­jen und ihre älte­re Kol­le­gin Ragna Pitoll (in der Rol­le einer älte­ren Kol­le­gin) die Gen­der Trou­bles am Schluss zumin­dest in schwes­ter­li­chem Wohl­ge­fal­len auf. Da plan­schen sie in einem Was­ser­be­cken, und Pitoll gibt ein wenig nach Kalen­der­blatt klin­gen­de Rat­schlä­ge: »Du denkst viel­leicht, du änderst nur dich, aber das stimmt nicht. Du änderst alles mit dem Wan­del in dir.«

Johan­na von Orleans als Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te also, als Ver­kör­pe­rung des weib­li­chen Schick­sals schlecht­hin. Aber passt das? Ohne ihre eige­ne Visi­on von sich als Gesand­te der Got­tes­mut­ter wäre sie wohl nie­mals hand­lungs­fä­hig gewor­den, hät­te sie nie­mals ihren Platz in der Geschich­te erhal­ten. Die Selbst­er­mäch­ti­gung die­ser Johan­na ging also gera­de damit ein­her, dass sie sich dafür ent­schied, eine Pro­jek­ti­on zu sein, eine Pro­jek­ti­on der Krie­ger, die sie in die Schlacht trieb, und des Königs, der durch ihren Glau­ben an sie mit der Kro­ne belohnt wurde.

Sie ist, post­mo­dern gespro­chen, schon immer ganz Zei­chen, ohne dass die­ses Zei­chen auf etwas ver­wie­se, das nicht auch schon ein Zei­chen ist. Ande­re femi­nis­ti­sche Künst­le­rin­nen wie die im vor­letz­ten Jahr zum Thea­ter­tref­fen ein­ge­la­de­ne Flo­ren­ti­na Holz­in­ger hät­ten Johan­na viel­leicht per­for­ma­tiv zu ret­ten ver­sucht, hät­ten mit dras­ti­schen Mit­teln (Kot, Urin, Blut) auf ihre Kör­per­lich­keit gepocht. Mar­ci­ni­ak ist hier ver­gleichs­wei­se beschei­den; sie beschränkt sich dar­auf, den Fluch der Frau auf­zu­zei­gen, der dar­in besteht, ein vom Signi­fi­kat getrenn­ter Signi­fi­kant zu sein, kein Anrecht auf eine fes­te Gestalt zu haben, die nicht nur für etwas steht, son­dern jemand ist.

Ein­zig in der von Pitoll beschwo­re­nen Ver­än­de­rung könn­te ein Stück Befrei­ung ste­cken, eine »Ver­än­de­rung«, die hier ganz kon­kret auf der Büh­ne zu beob­ach­ten ist: weg von Schil­lers zwi­schen Lie­be und Hei­lig­keit schwan­ken­der Hel­din, hin zu einer Frau, die um die eige­ne Erzähl­bar­keit ringt.

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