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Wenn die Periode ausbleibt

Eine Amenorrhoe kann viele Gründe haben – auch Stress und Essstörungen können dahinterstecken

  • Von Angela Stoll
  • Lesedauer: 8 Min.
Auch Essstörungen können den Hormonhaushalt massiv beeinträchtigen – und damit die Regel stören.
Auch Essstörungen können den Hormonhaushalt massiv beeinträchtigen – und damit die Regel stören.

Pünkt­lich alle vier Wochen die Peri­ode: Das ist für die meis­ten Frau­en rei­ne Theo­rie. In wel­chem Abstand, wie lang und wie stark sie men­stru­ie­ren, ist völ­lig unter­schied­lich. Außer­dem kann es immer mal zu Unre­gel­mä­ßig­kei­ten kom­men, ohne dass dies eine grö­ße­re Bedeu­tung hät­te. Was ist aber, wenn bei jun­gen Frau­en, die nicht schwan­ger sind, die Peri­ode auf ein­mal ganz aus­bleibt? So berich­tet zum Bei­spiel die 19-jäh­ri­ge Sophia, dass sie kei­ne Regel­blu­tung mehr hat­te, als sie ein ner­ven­auf­rei­ben­des Aus­lands­jahr mach­te. »Zuerst habe ich mir nicht viel gedacht, weil es bei mir im Urlaub auch öfter mal zu Ver­zö­ge­run­gen kam. Aber als mei­ne Tage nach ein paar Mona­ten immer noch nicht da waren, war ich beun­ru­higt.« Im Inter­net fand sie eine lan­ge Lis­te mög­li­cher Grün­de und hat­te auf ein­mal Angst, schwer krank zu sein. »Dabei habe ich ver­mu­tet, dass es ein­fach am Stress lag. In Prü­fungs­pha­sen hat­te ich auch schon Verschiebungen.«

Der Fach­aus­druck für Sophi­as Pro­blem heißt sekun­dä­re Amenor­rhoe. Davon spricht man, wenn die Peri­ode drei Mona­te und län­ger auf sich war­ten lässt, ohne dass eine Frau schwan­ger wäre oder in den Wech­sel­jah­ren. Das Phä­no­men ist weit­ver­brei­tet, wie die Gynä­ko­lo­gin und Hor­mon­ex­per­tin Bet­ti­na Bött­cher von der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Inns­bruck berich­tet. »Genau bezif­fern lässt es sich nicht, aber auf alle Fäl­le ist ein beträcht­li­cher Anteil der Frau­en davon betroffen.«

Dass der Zyklus so leicht aus dem Takt gerät, ist nicht ver­wun­der­lich. »Das Mens­trua­ti­ons­sys­tem ist wahn­sin­nig kom­plex, weil vie­le Hor­mon­sys­te­me inein­an­der­grei­fen«, sagt Wolf Lüt­je, Prä­si­dent der Deut­schen Gesell­schaft für Psy­cho­so­ma­ti­sche Frau­en­heil­kun­de und Geburts­hil­fe. »Je kom­ple­xer ein Sys­tem ist, des­to anfäl­li­ger ist es für Stö­run­gen.« Zen­tra­les Steue­rungs­or­gan ist der Hypo­tha­la­mus im Gehirn, der unter ande­rem das »Gona­do­tro­pin-Releasing Hor­mon« (GnRH) aus­schüt­tet. Es ver­an­lasst die Hypo­phy­se dazu, das lut­ei­ni­sie­ren­de Hor­mon und das fol­li­kel­sti­mu­lie­ren­de Hor­mon frei­zu­set­zen. Die­se bei­den Stof­fe regen wie­der­um die Eier­stö­cke an, die Sexu­al­hor­mo­ne Östro­gen und Pro­ges­te­ron zu pro­du­zie­ren, die den Mens­trua­ti­ons­zy­klus steu­ern. Dane­ben kön­nen aber auch ande­re Boten­stof­fe, etwa Schild­drü­sen­hor­mo­ne, den Zyklus beeinflussen.

Vor die­sem Hin­ter­grund leuch­tet es ein, dass die Lis­te mög­li­cher Ursa­chen so lang ist. Zu den gän­gi­gen gehört das Abset­zen der Pil­le, wie die Leip­zi­ger Frau­en­ärz­tin Rein­hild Geor­gi­eff erklärt. »Es dau­ert oft drei bis sechs Mona­te, bis sich der Rhyth­mus wie­der ein­ge­pen­delt hat. Der Kör­per braucht sei­ne Zeit«, sagt die Exper­tin von der Arbeits­ge­mein­schaft für Natur­heil­kun­de, Kom­ple­men­tär­me­di­zin, Aku­punk­tur und Umwelt­me­di­zin in der Deut­schen Gesell­schaft für Gynä­ko­lo­gie und Geburts­hil­fe. Abge­se­hen davon kön­nen sich hor­mo­nel­le Ver­hü­tungs­mit­tel auch stark auf den Zyklus aus­wir­ken, solan­ge man sie anwen­det: Zum Bei­spiel bleibt die Peri­ode bei der Hor­mon­spi­ra­le nach einer Wei­le oft kom­plett aus, weil sich die Gebär­mut­ter­schleim­haut nur schwach aufbaut.

Hin­ter einer Amenor­rhoe kön­nen sich aber auch diver­se Krank­hei­ten ver­ber­gen, etwa das Poly­zys­ti­sche Ovar-Syn­drom (PCOS). Bei die­ser häu­fi­gen Stoff­wech­sel­stö­rung gera­ten die Hor­mo­ne durch­ein­an­der, sodass sich meist zu vie­le männ­li­che Hor­mo­ne im Blut ansam­meln. Häu­fig ent­wi­ckeln sich klei­ne was­ser­ge­füll­te Bläs­chen an den Eier­stö­cken, typisch sind außer­dem Zyklus­stö­run­gen. Dane­ben kön­nen Schild­drü­sen­er­kran­kun­gen, Erkran­kun­gen im Bereich von Hypo­phy­se oder Hypo­tha­la­mus, Medi­ka­men­te wie bestimm­te Anti­de­pres­si­va, Krebs­be­hand­lun­gen und vie­les mehr zu einer Amenor­rhoe führen.

Oft liegt es aber an beson­de­ren Belas­tun­gen, wenn die Regel aus­bleibt. Psy­chi­sche Anspan­nung, Ess­stö­run­gen und Leis­tungs­sport füh­ren zu einem dau­er­haft erhöh­ten Level an Stress­hor­mo­nen. Sie kön­nen den Hypo­tha­la­mus so beein­flus­sen, dass weni­ger von dem Hor­mon GnRH aus­ge­schüt­tet wird und sich daher kei­ne Mens­trua­ti­on mehr ein­stellt. »Der Takt­ge­ber im Gehirn funk­tio­niert dann nicht mehr«, sagt Bött­cher. Auch Trau­ma­ti­sie­run­gen, etwa Gewalt- oder Ver­lus­ter­fah­run­gen, kön­nen eine Amenor­rhoe zur Fol­ge haben. Lüt­je erklärt: »Dass die Peri­ode in sol­chen Fäl­len aus­bleibt, ist ein Schutz­re­flex des Kör­pers. Es geht dann nicht mehr um Repro­duk­ti­on, son­dern ums eige­ne Über­le­ben. Zwi­schen Psy­che, Immun- und Hor­mon­sys­tem gibt es sehr enge Verbindungen.«

Aber ist es eigent­lich nicht ganz prak­tisch, kei­ne Peri­ode mehr zu haben? Nur auf den ers­ten Blick. Ist der Kör­per län­ge­re Zeit mit Hor­mo­nen unter­ver­sorgt, kann das vie­le uner­wünsch­te Fol­gen haben, warnt Bött­cher: »Das reicht von Osteo­po­ro­se über Haut- und Haar­pro­ble­me bis hin zu kogni­ti­ven Funk­ti­ons­stö­run­gen.« Außer­dem könn­ten sich hin­ter der Amenor­rhoe erns­te Krank­hei­ten ver­ber­gen, die behan­delt wer­den müssen.

Doch gera­de da so vie­le Ursa­chen in Fra­ge kom­men, soll­ten Ärz­te bei der Dia­gno­se­stel­lung beson­ders sorg­fäl­tig vor­ge­hen. »Es ist wich­tig, den Psy­cho­so­zi­al­be­reich zu berück­sich­ti­gen und sehr viel nach­zu­fra­gen«, sagt Lüt­je. Dane­ben kön­nen auch Infor­ma­tio­nen zu den Lebens­um­stän­den und zur Ernäh­rung zur Auf­klä­rung bei­tra­gen. So betont Rein­hild Geor­gi­eff: »Fet­te sind für die Bil­dung von Hor­mo­nen sehr wich­tig.« Eine Unter­ver­sor­gung, die sie manch­mal bei vega­ner Ernäh­rung oder exzes­si­ven Diä­ten beob­ach­te, kön­ne daher zu Zyklus­stö­run­gen füh­ren. Auch Umwelt­gif­te, etwa Weich­ma­cher in Plas­tik, könn­ten den Hor­mon­haus­halt beein­flus­sen und soll­ten als mög­li­cher Aus­lö­ser berück­sich­tigt wer­den, meint die Ärztin.

Hält eine Amenor­rhoe län­ge­re Zeit an, raten Schul­me­di­zi­ner in der Regel zu einer Hor­mon­the­ra­pie. Wel­che Mit­tel genau ver­schrie­ben wer­den, hängt vom Alter und der Situa­ti­on der Frau­en ab: Wol­len sie ver­hü­ten oder schwan­ger wer­den? Bewe­gen sie sich auf die Wech­sel­jah­re zu? »Dabei han­delt es sich aber nur um eine ergän­zen­de Behand­lung, die nichts an den Ursa­chen ändert«, sagt Geor­gi­eff. Die eigent­li­che The­ra­pie soll­te sich nach den tie­fer­lie­gen­den Grün­den rich­ten: Es kön­nen Psy­cho­the­ra­pien, Ernäh­rungs­um­stel­lun­gen, Ent­span­nungs­ver­fah­ren oder Medi­ka­men­te sinn­voll sein – oft sogar meh­re­res auf ein­mal. Auch alter­na­ti­ve Ver­fah­ren, etwa Aku­punk­tur, Homöo­pa­thie oder Heil­pflan­zen, könn­ten Frau­en ihrer Erfah­rung nach hel­fen, berich­tet die Ärz­tin. »Sinn­voll ist das aller­dings nur, wenn jemand dafür auf­ge­schlos­sen ist.« Manch­mal erle­di­gen sich die Pro­ble­me aber auch von selbst: Sophia bekam ihre Tage, als sie wie­der daheim war.

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