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»Greenwashing ist derzeit das wirksamste Valium für die Menschen«

Ein Gespräch mit der Klima-Aktivistin Sonja Manderbach über radikalen Widerstand im Neoliberalismus

  • Von Sigrun Matthiesen
  • Lesedauer: 19 Min.
Aktivist:innen von »Letzte Generation« bei einer Protestaktion vor dem Wirtschaftsministerium Mitte April
Aktivist:innen von »Letzte Generation« bei einer Protestaktion vor dem Wirtschaftsministerium Mitte April

Du bist Teil jener Genera­ti­on, die im Grun­de nichts ande­res mehr ken­nen­ge­lernt hat als den Neo­li­be­ra­lis­mus. Doch die For­de­run­gen von »Letz­te Genera­ti­on« bedeu­ten eine radi­ka­le Abkehr von die­sem Kon­zept. Wann und womit hat dein per­sön­li­ches poli­ti­sches Enga­ge­ment begonnen?

Son­ja Man­der­bach: In mei­ner Jugend. Und es waren auch schon die­sel­ben The­men. Ich bin 1977 gebo­ren, und Mit­te, Ende der 80er Jah­re gab es bereits den Bericht des Club of Rome. Damals waren die Grü­nen so was wie heu­te »Extinc­tion Rebel­li­on« oder »Fri­days for Future«. Das The­ma war sehr prä­sent, auch Fra­gen des Frie­dens. Der Kal­te Krieg war ein The­ma, und ich war kirch­lich sehr enga­giert. Das hat mir Halt gege­ben, weil mei­ne Fami­lie von ein paar Schick­sals­schlä­gen getrof­fen wor­den war. Nach der Kon­fir­ma­ti­on, mit 14, habe ich eine Fort­bil­dung zur Grup­pen­lei­te­rin gemacht. In der Kir­che ging es um Frie­den, sozia­le Gerech­tig­keit und Bewah­rung der Schöp­fung. Das ist eine ande­re Bezeich­nung für Öko­lo­gie. Ich habe das sozu­sa­gen mit der Mut­ter­milch ein­ge­so­gen, auch wenn mei­ne Eltern nicht so poli­tisch enga­giert waren. Denen galt der Neo­li­be­ra­lis­mus oder der Kapi­ta­lis­mus als das, was es halt gibt. Für mei­ne Fami­lie war ich seit mei­ner Jugend immer »die Öko-Rebellin«.

An wel­chen kon­kre­ten Punk­ten hast du dein Ein­ver­ständ­nis mit den vor­ge­fun­de­nen Rah­men­be­din­gun­gen aufgekündigt?

Ich bin in Baden-Würt­tem­berg auf­ge­wach­sen. Das war lan­ge schwarz-gelb regiert – und ist es eigent­lich immer noch, nur jetzt mit grü­nem Anstrich. Mei­ne Eltern haben auch so gewählt. Trotz­dem gab es in der Fami­lie auch vie­le SPD-Wähler:innen, also mei­ne Groß­el­tern waren schon vor dem Zwei­ten Welt­krieg so ori­en­tiert. Anders als heu­te hat sich die Sozi­al­de­mo­kra­tie frü­her vom Neo­li­be­ra­lis­mus noch merk­lich unter­schie­den. Da gab es eine gewis­se Span­nung, die ich als sen­si­bles Kind mit­be­kom­men habe. Ich war ein Außen­sei­ter-Kind, ich glau­be, das führt ja zu einem gewis­sen Caring, das sieht man ja auch bei Gre­ta Thun­berg. Der Unter­schied war, ich hat­te halt kein Twit­ter oder Face­book. Es war also nicht mög­lich, dass in Neu­see­land irgend­ei­ne Schul­klas­se mit­be­kommt, was ich mache. Aber die­sen Welt­schmerz habe ich schon sehr früh gespürt, die­ses Gefühl: Die Welt ist kalt und bru­tal, tut Men­schen und Tie­ren und sich sel­ber weh, und es wird viel zerstört.

Du hast also früh ein kri­ti­sches poli­ti­sches Bewusst­sein ent­wi­ckelt, wie wur­de dar­aus prak­ti­sches Engagement?

Anfangs habe ich mich ein­fach per­sön­lich enga­giert, bin zu Demons­tra­tio­nen gegan­gen, habe Kin­der­grup­pen gelei­tet, die sich auch mit gesell­schaft­li­chen The­men beschäf­tigt haben, und habe als Schü­le­rin poli­ti­sche Schreib­wett­be­wer­be mit­ge­macht. So habe ich die­se gan­zen The­men – Krie­ge, Öko­lo­gie, Ras­sis­mus – sozu­sa­gen ver­ar­bei­tet. Dann habe ich ein Frei­wil­li­ges Öko­lo­gi­sches Jahr gemacht, das war zuletzt noch bei der Schutz­sta­ti­on Wat­ten­meer in Sankt Peter Ord­ing. So bin ich auch nach Nord­deutsch­land gekom­men und habe dann in Olden­burg Phi­lo­so­phie und Kul­tur­wis­sen­schaf­ten stu­diert. In mei­ner Abschluss­ar­beit habe ich mich mit der Fra­ge beschäf­tigt: Lässt sich Ethik in den Wis­sen­schaf­ten prä­ven­tiv ver­an­kern, statt nur ange­hängt zu blei­ben? Also, wir machen erst die Welt kaputt und dann kommt die Kli­ma­be­we­gung. Oder wir klo­nen erst das Schaf und dann kommt der Ethik­rat. In die­ser Abschluss­ar­beit habe ich mich auch schon auf Mojib Latif bezo­gen, den berühm­ten Kli­ma­for­scher und Prä­si­den­ten des Club of Rome. Er hat­te kurz vor der Jahr­tau­send­wen­de ein Buch geschrie­ben über Hit­ze­re­kor­de und Jahr­hun­dert­flu­ten und was wir jetzt tun müs­sen, um das Schlimms­te zu ver­hin­dern. Das hat mich danach wei­ter beschäf­tigt. Ich habe dann viel poli­ti­sche Bil­dung gemacht, zum Bei­spiel Semi­na­re gelei­tet im Bereich Frei­wil­li­ges Sozia­les Jahr, in denen ethi­sche Wer­te und sozia­le Kom­pe­tenz ver­mit­telt wer­den. Da habe ich wirk­lich gedacht, wir kön­nen den Neo­li­be­ra­lis­mus und Kapi­ta­lis­mus über­win­den, indem wir Men­schen dahin­ge­hend bil­den, dass sie ethi­sche Wer­te über Pro­fit stel­len. So ent­steht eine gute Welt und dar­an arbei­te ich mit.

Im Jahr 2007 habe ich eine Toch­ter bekom­men, habe aber trotz­dem ver­sucht, mich gesell­schaft­lich zu enga­gie­ren, auch in der Arbeit mit Flücht­lin­gen. Da war die Kli­ma­ka­ta­stro­phe bereits als Flucht­ur­sa­che häu­fig ein The­ma, jene Men­schen, die wir hier als soge­nann­te Wirt­schafts­flücht­lin­ge abtun. Dann kam das Jahr 2015 mit dem Pari­ser Kli­ma­ab­kom­men und ich dach­te wirk­lich, jetzt haben wir es geschafft: Men­schen haben ihre Ver­ant­wor­tung für den Pla­ne­ten begrif­fen, und zwar nicht nur die alter­na­ti­ven Ökos, son­dern die Entscheider:innen und sie han­deln jetzt entsprechend.

Wann folg­te die Desillusionierung?

Das war 2018, als der Welt­ge­bets­tag der Frau­en, bei dem ich jedes Jahr mit­ma­che, unter dem Mot­to »Got­tes Schöp­fung ist sehr gut« stand. 2018 war Suri­na­me das Schwer­punkt­land und es ging unter ande­rem um Flüs­se in Süd­ame­ri­ka, die wegen des Bau­xit-Abbaus für unser Alu­mi­ni­um vol­ler Queck­sil­ber sind. In der Vor­be­rei­tung für einen Abend­got­tes­dienst hat unser Pas­tor dann gesagt, er wol­le der Gemein­de vor­schla­gen, man könn­te ja auch mal wie­der einen Wald­spa­zier­gang machen, um der Natur näher zu kom­men. Da bin ich aus­ge­ras­tet und habe gesagt: »Jetzt reicht es! Mit Wald­spa­zier­gang kom­men wir nicht mehr wei­ter. Die Mee­re sind vol­ler Plas­tik, die Kipp­punk­te sind fast erreicht. Die glo­ba­le Erwär­mung lässt sich nicht mehr leug­nen, die Kli­ma­ka­ta­stro­phe ist für unzäh­li­ge Men­schen Flucht­ur­sa­che.« Dar­aus haben wir dann eine Dia­log-Pre­digt gemacht und ich war die »Kli­ma-Rebel­lin«. Gre­ta Thun­berg war da noch nicht bekannt, aber sie hat zur sel­ben Zeit ange­fan­gen. Ganz vie­le sagen, dass es unge­fähr so im Som­mer 2018 für sie gekippt ist, als ihnen klar wur­de: Wir sind geschei­tert mit die­ser Idee, durch poli­ti­sche Bil­dungs­ar­beit Entscheider:innen zu Ver­ant­wor­tung zu bewegen.

Ging es dir dar­um, radi­ka­le­re Akti­ons­for­men zu fin­den oder erst mal über­haupt auch um eine Grup­pe, die jen­seits von so einem kirch­li­chen sozia­len Enga­ge­ment här­te­re For­de­run­gen stellt?

Zunächst ging es mir dar­um, jetzt mal Klar­text zu reden, nichts mehr zu beschö­ni­gen oder zu ver­harm­lo­sen. Son­dern zu fra­gen: War­um sind fair, öko und kli­ma­neu­tral Alter­na­ti­ven, die ich mir leis­ten kön­nen muss? War­um ist das nicht der Stan­dard? Ein gro­ßer Teil der Welt­be­völ­ke­rung ist aus­ge­lie­fert, kämpft am Exis­tenz­mi­ni­mum ums Über­le­ben. Die kön­nen kaum die Kli­ma­wen­de brin­gen, son­dern flüch­ten um ihr Leben. Und dann gibt es jenen Teil der Welt­be­völ­ke­rung, der ist so wohl­ha­bend, dass die­se Men­schen die Vor­stel­lung haben, ihnen pas­siert nichts. Das heißt, wir, die wir in der Mit­te sind, müs­sen han­deln. Ich war auch sehr früh schon bei Extinc­tion Rebel­li­on, war dann tat­säch­lich immer die Radi­ka­le­re, die »Swar­mings« (Stra­ßen­blo­cka­den), »Die-ins« (eine Per­for­mance zum Arten­ster­ben wegen der Kli­ma­ka­ta­stro­phe) und »Rebel­li­on of One« (Stra­ßen­blo­cka­de allei­ne) mach­te, um auch Bevöl­ke­rung zu errei­chen, die noch nicht in unse­rer Fil­ter­bla­se ist. Man setzt den eige­nen Kör­per ein, um Men­schen aus­zu­brem­sen. Das Nar­ra­tiv ist, die Kli­ma­kri­se geht nicht weg, sie ist jetzt da und wir kön­nen sie nicht mehr igno­rie­ren. Wir kön­nen nicht ein­fach so wei­ter­ma­chen mit unse­rem All­tag. Dann kam der Hun­ger­streik der »Letz­ten Genera­ti­on«. Dazu habe ich sehr viel gepos­tet und ich habe mich soli­da­ri­siert, weil ich fand, es ist wich­tig, dass es eine gro­ße zivi­le Empö­rung gibt über die Miss­stän­de und eine gro­ße Soli­da­ri­tät mit denen, die das jetzt machen. Statt einer wei­te­ren Dis­kus­si­on dar­über, ob die metho­di­sche Form rich­tig ist.

Im Okto­ber 2021 habe ich mich der »Letz­ten Genera­ti­on« ange­schlos­sen, aus der Erkennt­nis: Ich habe alles gemacht, was man auf den nor­ma­len Wegen so tun kann, um die Bevöl­ke­rung zu mobi­li­sie­ren, um die Poli­ti­ke­rin­nen zu errei­chen, um an die Wirt­schaft zu appel­lie­ren. Jetzt mache ich zivi­len Unge­hor­sam, bis ich ins Gefäng­nis kom­me oder unse­re For­de­run­gen erfüllt sind. Leu­te wie ich müs­sen so was machen, die Kir­chen­mu­si­ke­rin, die Frau von neben­an, Mut­ter einer tol­len Toch­ter. Wenn Leu­te wie ich sich auf die Stra­ße set­zen und even­tu­ell auch von der Poli­zei weg­ge­tra­gen wer­den oder ins Gefäng­nis kom­men, kann man Fotos von mir pos­ten und sagen: »Son­ja ist jetzt im Gefäng­nis, weil sie für Kli­ma­ge­rech­tig­keit ist.« Das macht was mit der Bevöl­ke­rung. Ich war dann fünf Wochen in Ber­lin und hab Auto­bah­nen blo­ckiert, in Frank­furt den Flug­ha­fen und in Ham­burg den Hafen. Und ich bin bereit, not­falls auch für ein paar Wochen oder Mona­te ins Gefäng­nis zu gehen.

Bei den For­de­run­gen von »Letz­te Genera­ti­on« fällt mir auf, dass ihr sehr mit die­sem Begriff »Not­fall« arbei­tet. Wir brau­chen einen Not­fall­plan für die Kli­ma­ka­ta­stro­phe. Ende März hat der Wirt­schafts­mi­nis­ter wegen des Ukrai­ne-Kriegs den »Not­fall­plan Gas« akti­viert. Im Neo­li­be­ra­lis­mus ist der Staat offen­bar nur noch im Not­fall zustän­dig, im Nor­mal­fall wird alles dem Markt über­las­sen. Aber was pas­siert nach dem Not­fall, was ist lang­fris­tig eure Utopie?

Wir müs­sen erst mal errei­chen, dass die Regie­rung, die Wirt­schaft und die gesam­te Gesell­schaft die Kli­ma­kri­se wirk­lich als unse­ren Nor­mal­zu­stand aner­ken­nen. Die Men­schen wis­sen es eigent­lich und 80 Pro­zent der Bevöl­ke­rung wün­schen sich auch eine Zukunft für ihre Kin­der. Und ich den­ke, die ande­ren 20 wün­schen sich das auch. Sie wol­len nur nicht ver­ste­hen, wie gefähr­det die­se Zukunft durch unse­re Art des Wirt­schaf­tens ist. Das tut weh. Da benut­zen wir Gre­ta Thun­bergs Meta­pher mit dem bren­nen­den Haus: Es ist so, als ob es im Kel­ler schon brennt und ich soll mir in der Küche noch über­le­gen: Koche ich heu­te Reis, Kar­tof­feln oder Nudeln, hat das Kind die Haus­auf­ga­ben fer­tig? Was zie­he ich mor­gen an und wor­an arbei­te ich nächs­te Woche? Also den All­tag auf­recht­erhal­ten. Und dann kommt auch noch jemand und ver­teilt Vali­um, weil ich es eigent­lich nicht mehr aus­hal­ten kann. Um davon weg­zu­kom­men, blo­ckie­ren wir Auto­bah­nen. Nicht um die Men­schen zu ärgern, die direkt vor uns sind, son­dern um das »Wei­ter so« zu stoppen.

Die­ses gan­ze Auf­he­ben – es kommt die Poli­zei und dann kom­men wir ins Gefäng­nis – damit sind wir der Feu­er­alarm, der nicht igno­riert wer­den kann. Wir haben vor­her weni­ger dras­ti­sche For­men wie Con­tai­nern prak­ti­ziert. Aber das kann die Regie­rung igno­rie­ren und sich sogar für die tol­le Demo­kra­tie fei­ern, wo alle ihre Mei­nung sagen kön­nen. Aber wir sagen nicht unse­re Mei­nung, son­dern etwas, das auf wis­sen­schaft­li­chen Fak­ten basiert. Und es muss gehan­delt wer­den. Und da brau­chen wir die­sen unigno­rier­ba­ren Feueralarm.

Wer sind dabei für euch die Kräf­te, die zu die­sen abso­lut nöti­gen Ver­än­de­run­gen am meis­ten bei­tra­gen können?

Wir mobi­li­sie­ren zum einen, dass sich uns mehr Men­schen anschlie­ßen, sich mit uns soli­da­ri­sie­ren, uns unter­stüt­zen. Wir sind außer­dem sehr ver­netzt mit allen ande­ren Grup­pen der Kli­ma­be­we­gung. Es ist nicht so, dass wir uns gegen­ein­an­der aus­spie­len, nur weil wir unter­schied­li­che Pro­test­for­men haben. Außer­dem haben wir auch eine ganz kla­re For­de­rung an die Agrar­wirt­schaft und an die Lebens­mit­tel­bran­che. Jetzt kommt noch das mit den fos­si­len Brenn­stof­fen dazu und die For­de­rung: Es muss noch etwas par­al­lel geben zur par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie, näm­lich Bürger:innen-Räte. Nach den abso­lut zwin­gen­den Not­fall-Maß­nah­men brau­chen wir Umver­tei­lung, das ist eigent­lich allen klar. Wir müs­sen die Sche­re zwi­schen Arm und Reich schlie­ßen und brau­chen glo­ba­le Gerech­tig­keit, das haben wir auch jetzt in unse­ren neu­en For­de­run­gen noch mal ganz expli­zit drin. Uns war von vorn­her­ein klar, dass ein Lebens­mit­tel­ge­setz nur der Anfang sein kann.

Bis­her habt ihr nicht mal die­se Mini­mal­for­de­rung durch­ge­setzt, ist das nicht entmutigend?

Zivi­ler Unge­hor­sam bringt den Staat in ein Dilem­ma: Ent­we­der erfül­len sie unse­re For­de­rung, die rich­tig ist. 80 Pro­zent der Gesell­schaft wis­sen, es muss ein Lebens­mit­tel-Gesetz geben, das ist gar kei­ne Fra­ge. Also ent­we­der die Poli­tik macht das, dann haben wir gewon­nen. Oder sie machen es nicht und zei­gen damit, dass sie an so etwas Ein­fa­chem schei­tern. Das Gesetz ist längst for­mu­liert, sie müss­ten es nur auf den Weg brin­gen. Wenn sie jetzt so einen Terz machen, mit einem ego­zen­tri­schen »Ich las­se mich doch nicht erpres­sen von Men­schen auf der Auto­bahn«, dann ver­sa­gen sie. Das heißt, wir haben auch gewon­nen, weil die Regie­rung zeigt, sie schafft es nicht. Das wie­der­um mobi­li­siert die Bevöl­ke­rung, sich stär­ker dafür ein­zu­set­zen, dass es jetzt wirk­lich pas­siert. Das heißt, wir kön­nen eigent­lich nicht ver­lie­ren und wir adres­sie­ren alle. Aber natür­lich ist die Poli­tik beson­ders im Fokus, weil sie die Geset­ze macht. Wir brau­chen Ver­bo­te und wir brau­chen Geset­ze, das ist ja längst klar. Der Slo­gan lau­tet: »Mit Phy­sik lässt sich nicht ver­han­deln«. Ich kann dem Mee­res­spie­gel nicht sagen: Kannst du bit­te warten?

Also »Öko-Dik­ta­tur« in dem Sin­ne, dass die Öko­lo­gie die Fak­ten vor­gibt, nach denen wir uns zu rich­ten haben.

Es ist nur so, dass man das nicht inner­halb des Neo­li­be­ra­lis­mus und Kapi­ta­lis­mus schaf­fen kann, son­dern es muss schon wirk­lich die­ses »Sys­tem chan­ge not cli­ma­te chan­ge« wer­den. Also wenn Ener­gie­wen­de, Mobi­li­täts­wen­de und Agrar­wen­de gelin­gen, wir nicht mehr über­pro­du­zie­ren und ande­re aus­beu­ten, dann kön­nen wir öko­lo­gisch und fair pro­du­zie­ren und haben eine Umver­tei­lung. Die Kon­zep­te dafür sind da, zum Bei­spiel in dem Buch »Die Humus­re­vo­lu­ti­on« oder in dem Film »Tomor­row. Die Welt ist vol­ler Lösun­gen«. Es gab den Bürger:innenrat Kli­ma, der hat sehr gute Vor­schlä­ge gemacht, die von sämt­li­chen Wissenschaftler:innen und Fach­leu­ten ers­tens beglei­tet und zwei­tens danach auch noch mal beur­teilt wur­den. Die Regie­rung muss das nur umsetzen.

Beein­flus­sen der Krieg in der Ukrai­ne und die poli­ti­schen Reak­tio­nen dar­auf die Akti­vi­tä­ten von »Letz­te Generation«?

Der Krieg wird an unse­ren For­de­run­gen nichts ändern und an unse­ren Metho­den auch nicht. Es gibt so viel Not und Krieg und Bür­ger­krieg und Ter­ror wegen unse­rem Life­style und des­sen Aus­wir­kun­gen. Jetzt ist es nur näher dran als sonst. Viel gefähr­li­cher fin­den wir gera­de das Green­wa­shing. Weil es Men­schen, die nicht im The­ma drin sind, eher noch betäubt. Leu­te freu­en sich, dass Gre­ta Thun­berg eine Rede hält in Glas­gow, und den­ken »Jetzt läuft’s«. Ohne zu gucken, was dann wirk­lich ent­schie­den wur­de. Sie sehen nicht, dass die Regie­rung die Vor­schlä­ge nicht umsetzt. Habeck oder Baer­bock hal­ten Reden, die mit Taten ver­wech­selt wer­den. Die­ses Green­wa­shing ist der­zeit das wirk­sams­te Vali­um für die Men­schen im bren­nen­den Haus.

Die stu­dier­te Kul­tur­wis­sen­schaft­le­rin Son­ja Man­der­bach arbei­tet als Kir­chen­mu­si­ke­rin und ist seit Lan­gem auch in der poli­ti­schen Bil­dungs­ar­beit tätig. Mit ihr sprach Sig­run Mat­t­hie­sen.
Gegen die Kli­ma­kri­se enga­giert sich Son­ja Man­der­bach seit 2018 bei »Extinc­tion Rebel­li­on« und seit Okto­ber 2021 auch bei der Orga­ni­sa­ti­on »Letz­te Genera­ti­on«. (Deren Name bezieht sich auf die Ein­schät­zung des Kli­ma­for­schers Dr. Ste­fan Rahm­s­torf, dass die gegen­wär­tig erwach­se­nen Men­schen die letz­te Genera­ti­on sei­en, die den Kli­ma­wan­del noch auf­hal­ten kön­ne.) Mit einem Hun­ger­streik hat­ten Aktivist:innen kurz vor der Bun­des­tags­wahl 2021 ein Gespräch mit dem dama­li­gen Vize­kanz­ler Olaf Scholz ein öffent­li­ches Gespräch über Sofort­maß­nah­men gegen den Kli­ma­not­stand erzwun­gen. Neben einem Gesetz gegen Lebens­mit­tel­ver­schwen­dung for­dert »Letz­te Genera­ti­on« das sofor­ti­ge Ende aller Inves­ti­tio­nen in fos­si­le Brenn­stof­fe und bezahl­te Frei­stel­lung sowie Wei­ter­bil­dung aller Beschäf­tig­ten, die durch die not­wen­di­ge Kli­ma­wen­de ihre Arbeits­plät­ze ver­lie­ren. Die gesell­schaft­li­chen Trans­for­ma­tio­nen, die nötig sind, um zu glo­ba­ler Kli­ma­ge­rech­tig­keit zu gelan­gen, sol­len durch Bürger:innenräte demo­kra­tisch beglei­tet werden.

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