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Die Kapitänsmütze des Indianerhäuptlings Manfred Stolpe

Ausstellung zu 1000 Jahre Brandenburg mit Exponaten aus dem Nachlass des Ministerpräsidenten

  • Von Matthias Krauß, Potsdam
  • Lesedauer: 6 Min.
Ein Exponat der Ausstellung: das Gröbener Kirchbuch von 1578 bis 1769
Ein Exponat der Ausstellung: das Gröbener Kirchbuch von 1578 bis 1769

In sei­nem Gedicht »Shake­speares Strumpf« macht sich Theo­dor Fon­ta­ne 1841 dar­über lus­tig, wie man den Woll­strumpf eines berühm­ten Men­schen anhim­meln kön­ne. Nicht der Strumpf des frü­he­ren SPD-Minis­ter­prä­si­den­ten Man­fred Stol­pe, aber sei­ne Müt­ze hat es nun ins Muse­um geschafft. Die neue Aus­stel­lung im Pots­da­mer Haus der Bran­den­bur­gisch-Preu­ßi­schen Geschich­te befasst sich mit zehn Jahr­hun­der­ten mär­ki­scher Geschich­te und prä­sen­tiert neben der »Kapi­täns­müt­ze« Stol­pes auch einen Heral­di­schen Atlas aus dem Nach­lass des 2019 ver­stor­be­nen Poli­ti­kers. An ande­rer Stel­le: Stol­pes Wer­be-Post­kar­te im Wahl­kampf 1990 und sei­ne Bro­schü­re »Häupt­ling der Streusandbüchse«.

Man­fred Stol­pe sei Geschich­te immer wich­tig gewe­sen, sagt Muse­ums­di­rek­tor Kurt Wink­ler, als er durch die kürz­lich eröff­ne­te Schau führt. Dar­in soll es dies­mal weni­ger um die Herr­schafts­ge­schich­te von Pickel­hau­ben-Preu­ßen gehen als viel­mehr um die Kul­tur- und Lebens­ge­schich­te. Es darf also auch ein Fak­si­mi­le des aller­ers­ten bran­den­bur­gi­schen Koch­buchs nicht feh­len – ein Doku­ment der Tat­sa­che, dass der Land­strich für alles Mög­li­che berühmt war, aber nicht für eine beson­ders anspruchs­vol­le Küche. Bezo­gen auf die ver­schie­de­nen Pha­sen der Lan­des­ge­schich­te wird der Fra­ge nach­ge­gan­gen: »Was hat das mit den dama­li­gen Men­schen gemacht?« 220 Expo­na­te sind ver­sam­melt, die teils aus Muse­en, teils aus pri­va­ten Samm­lun­gen stam­men. Man­ches wur­de für fünf Jah­re aus­ge­lie­hen, ande­res für kür­ze­re Fris­ten. Die Aus­stel­lung wer­de sich im Lau­fe der Zeit ver­än­dern, wer­de »leben­dig blei­ben«, ver­spricht Wink­ler. Für ihn ist die seit zwei Wochen prä­sen­tier­te Schau »eine Aus­ein­an­der­set­zung mit Geschich­ten, Bil­dern und Mythen«.

Was Stol­pes Kapi­täns­müt­ze betrifft, müs­se man auf eine gleich­ar­ti­ge Müt­ze von Alt­kanz­ler Hel­mut Schmidt zu spre­chen kom­men, mit dem Stol­pe befreun­det war, infor­mier­te der Direk­tor. Stol­pes Fai­ble für Preu­ßen führ­te auch zu Miss­grif­fen. Denn der Minis­ter­prä­si­dent setz­te das 1923 von Gus­tav Büch­sen­schütz kom­po­nier­te Lied »Mär­ki­sche Hei­de« als Hym­ne von Bran­den­burg durch. Dabei war es ein belieb­tes Marsch­lied der SA. Aus­ge­stellt ist eine alte Schell­lack­plat­te. Auf ihrer Vor­der­sei­te die »Mär­ki­sche Hei­de«, auf der Rück­sei­te das Horst-Wes­sel-Lied, die Par­tei­hym­ne der NSDAP.

»Stei­ge hoch, du roter Adler«, heißt es in der pein­li­chen Hym­ne. Der preu­ßi­sche Adler war laut Wink­ler nie etwas ande­res als ein Herr­schafts­zei­chen und sym­bo­li­sier­te das Groß­macht­stre­ben. Die­ser Adler ist in vie­ler­lei Zusam­men­hän­gen in der Aus­stel­lung zu ent­de­cken. Ein beson­ders grim­mi­ges Sand­stein-Exem­plar hat­te einst das For­tu­n­a­por­tal des Pots­da­mer Stadt­schlos­ses geziert. Nach der Spren­gung des Schlos­ses 1960 konn­te er aus dem Schutt gebor­gen werden.

2008 wur­de im pol­ni­schen Kostrzyn, das als Küs­trin jahr­hun­der­te­lang zu Bran­den­burg-Preu­ßen gehör­te, ein sowje­ti­sches Ehren­mal besei­tigt. Der bron­ze­ne Rote Stern die­ses Denk­mals ist eben­falls Bestand­teil der Pots­da­mer Aus­stel­lung und liegt hier viel­sa­gend am Boden. Einen Blick wer­fen kann der Besu­cher außer­dem auf das Pracht-Foto­al­bum der sowje­ti­schen Streit­kräf­te in Deutsch­land, das am Stand­ort ihres Haupt­quar­tiers in Wüns­dorf gefun­den wurde.

Der DDR-Abschnitt der bran­den­bur­gi­schen Geschich­te ist als Groß­fo­to einer Kund­ge­bung »Für unser Land« ver­tre­ten. Der Auf­ruf vom 28. Novem­ber 1989, erst­un­ter­zeich­net zum Bei­spiel von den Schrift­stel­lern Ste­fan Heym und Chris­ta Wolf sowie den Bür­ger­recht­lern Ulri­ke Pop­pe und Sebas­ti­an Pflug­beil, wand­te sich gegen den befürch­te­ten »Aus­ver­kauf unse­rer mora­li­schen und mate­ri­el­len Wer­te« durch eine Wie­der­ver­ei­ni­gung mit der Bun­des­re­pu­blik. Doch die deut­sche Ein­heit war schon nicht mehr auf­zu­hal­ten. Eine Näh­ma­schi­ne steht für das Werk in Wit­ten­ber­ge, das nach der Wen­de auf beson­ders zwei­fel­haf­te Art platt­ge­macht wurde.

Um Kin­der an die Lan­des­ge­schich­te her­an­zu­füh­ren, haben die Kura­to­ren der Aus­stel­lung daselbst eine Rät­sel­spur ein­ge­baut: Ent­lang von Tin­ten­kleck­sen kön­nen Kin­der ein ver­lo­re­nes Gemäl­de auf­spü­ren. Fol­gend dem Trend, wonach Aus­stel­lun­gen auch Orte der »Akti­vi­tät« ihrer Besu­cher sein sol­len, gilt es an einer ande­ren Stel­le, den Satz »Pots­dam wäre nicht Pots­dam, ohne …« indi­vi­du­ell zu voll­enden. Hin­ge­schrie­ben steht da: »… Hof­schran­zen und Bon­zen auch heu­te«, »… Streit und Kom­pro­miss«, »… stink­rei­che Men­schen« oder auch »… schö­ne Schlös­ser und fro­he Menschen«.

Von dem Schrift­stel­ler Theo­dor Fon­ta­ne sind Sta­tio­nen sei­ner berühm­ten Wan­de­run­gen durch die Mark Bran­den­burg nach­ge­zeich­net. Die Kar­te legt Zeug­nis ab von einer beacht­li­chen Stre­cke, wobei Fon­ta­ne einst weni­ger wan­der­te, viel­mehr ganz gern mit der Post­kut­sche oder auch schon mit der Eisen­bahn fuhr.

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