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Das Reale einer Konstruktion

Sally Haslanger will der Wirklichkeit mit feministischer Sozialkritik beikommen. Doch die bekannte Philosophin verbleibt innerhalb des neoliberalen Dogmas, auch weil sie keinen Begriff vom Kapitalismus hat

  • Von Lena Böllinger
  • Lesedauer: 11 Min.
Räume für das Erkunden neuer Weisen des Zusammenlebens: Klingt nach einer radikalen Forderung, bleibt aber im Zeitgeist verhaftet.
Räume für das Erkunden neuer Weisen des Zusammenlebens: Klingt nach einer radikalen Forderung, bleibt aber im Zeitgeist verhaftet.

»Frau­en (wis­sen), dass die männ­li­che Welt da drau­ßen exis­tiert, weil sie ihnen ins Gesicht schlägt. Ganz gleich wie sie dar­über nach­den­ken oder ver­su­chen, sie weg­zu­den­ken oder kraft ihrer Gedan­ken in eine ande­re Form zu brin­gen, bleibt sie unab­hän­gig von ihnen real und zwingt sie immer wie­der in bestimm­te For­men. Ganz gleich, was sie den­ken oder tun, sie kom­men da nicht raus. Sie hat die Unbe­stimmt­heit eines Brü­cken­pfei­lers, auf den man mit 60 Mei­len pro Stun­de trifft.« Die­ses Zitat stammt von der Rechts­pro­fes­so­rin und Femi­nis­tin Catha­ri­ne MacK­in­non, sie schrieb es 1989. Nach­le­sen kann man es in einem 2021 erschie­nen Buch der Phi­lo­so­phin Sal­ly Has­lan­ger mit dem Titel »Der Wirk­lich­keit wider­ste­hen. Sozia­le Kon­struk­ti­on und Sozi­al­kri­tik«. Sal­ly Has­lan­ger ist Pro­fes­so­rin am Depart­ment of Lin­gu­is­tics and Phi­lo­so­phy des Mas­sa­chu­setts Insti­tu­te of Tech­no­lo­gy und arbei­tet zu »femi­nis­ti­scher Meta­phy­sik«. In den USA ist sie eine Art Phi­lo­so­phie-Pro­mi, in Deutsch­land ist sie bis­lang weni­ger bekannt. Das Buch prä­sen­tiert die wich­tigs­ten Auf­sät­ze von Has­lan­ger, die zwi­schen 1995 und 2017 ver­fasst wur­den, erst­mals in deut­scher Übersetzung.

Wor­um geht es der Phi­lo­so­phin Sal­ly Has­lan­ger? Dass sie sich auf die femi­nis­ti­sche Juris­tin MacK­in­non bezieht, ist kein Zufall. Wie MacK­in­non geht es ihr dar­um, die Rea­li­tät gegen »jeg­li­che Form von Idea­lis­mus oder Rela­ti­vis­mus« zu ver­tei­di­gen. Selbst wenn man der inzwi­schen zur inner­fe­mi­nis­ti­schen Bin­sen­weis­heit gewor­de­nen Aus­sa­ge, dass die Welt sozi­al kon­stru­iert sei, zustimmt, muss man laut Has­lan­ger doch auch zuge­ste­hen: Die Welt exis­tiert nichts­des­to­trotz (zumin­dest teil­wei­se) unab­hän­gig von uns. Weder Fäus­te noch Brü­cken­pfei­ler las­sen sich sozi­al weg­kon­stru­ie­ren, sie sind nicht blo­ße »Fik­ti­on« oder »sozia­le Pro­jek­ti­on« und wir sind kei­ne »Halbgött*innen«, die die sozia­len Wel­ten nach Belie­ben erschaf­fen oder kon­trol­lie­ren kön­nen. Bezwei­feln dür­fe man hin­ge­gen die Exis­tenz einer objek­ti­ven Rea­li­tät »an sich«, die sich uns pur und neu­tral offen­bart, ganz ohne per­spek­ti­vi­sche und sozia­le Verunreinigung.

Realität von Gewicht

Im Ange­sicht der gegen­wär­ti­gen femi­nis­ti­schen Debat­ten stimmt die­ser Aus­gangs­punkt Has­lan­gers zunächst hoff­nungs­froh. Immer­hin scheint man es hier mit einer Den­ke­rin zu tun zu haben, die an einer poli­ti­schen und theo­re­ti­schen Bestim­mung der (Geschlechter-)Verhältnisse fest­hält. Has­lan­ger über­lässt die­se Bestim­mung nicht der indi­vi­du­el­len Selbst­aus­kunft (à la Geschlecht ist, was du sub­jek­tiv fühlst oder denkst). Genau­so wenig kapi­tu­liert sie vor der ver­meint­li­chen empi­ri­schen Viel­falt (à la es gibt so vie­le Geschlech­ter, wie es Indi­vi­du­en auf der Welt gibt, wie kön­nen wir uns da auf einen Begriff eini­gen?). Sie bleibt dabei: Es gibt gen­der. Es gibt race. Sie sind real. Es sind theo­re­tisch und poli­tisch wich­ti­ge Begrif­fe und sie las­sen sich inner­halb einer sozia­len Struk­tur bestim­men. Eine Beson­der­heit von Has­lan­gers Ansatz ist dabei, dass sie nicht nur die Ver­wen­dungs­wei­se und die Bedeu­tung von Begrif­fen unter­sucht, son­dern auch fragt, inwie­fern sie einer poli­ti­schen Bewe­gung nütz­lich sein kön­nen, was also der poli­ti­sche Ziel­be­griff sein soll.

Doch trotz ihrem Behar­ren auf rea­len, sozia­len Struk­tu­ren ver­fehlt Has­lan­ger am Ende deren Ana­ly­se und Kri­tik. Das liegt in ers­ter Linie dar­an, dass sie trotz vehe­men­tem Behar­ren auf einer »unab­hän­gi­gen Rea­li­tät« mehr Begriffs­ana­ly­se als Gesell­schafts­ana­ly­se, mehr kate­go­ria­le als poli­ti­sche Ziel­for­mu­lie­rung betreibt. Has­lan­ger behaup­tet zwar, dass sie sich in der Tra­di­ti­on eines »mate­ria­lis­ti­schen Femi­nis­mus« ver­or­te, bezieht sich aber nicht auf die ent­spre­chen­den Theo­re­ti­ke­rin­nen – was man wohl ent­we­der als igno­rant oder unver­schämt ein­ord­nen muss. Auch vom Mar­xis­mus will sie nichts wis­sen, und vom Kapi­ta­lis­mus hat Has­lan­ger erst gar kei­nen Begriff – sie erwähnt ihn im gesam­ten Buch kaum und wenn doch, bezeich­net sie ihn vage als »Lohn­ar­beits­sys­tem« oder noch schwam­mi­ger als »sozia­les Phä­no­men« oder »Form der Unter­drü­ckung«. Wahl­los wer­den dann in bekann­ter Manier ande­re Unter­drü­ckun­gen dane­ben auf­ge­reiht (wei­ße Vor­herr­schaft, Patri­ar­chat, Hete­ro­nor­ma­ti­vi­tät, Behin­der­ten­feind­lich­keit und Spe­zies­mus). All die­se Unter­drü­ckun­gen sol­len dann im Rah­men einer »Theo­rie kom­ple­xer Sys­te­me« irgend­wie inter­sek­tio­nal mit­ein­an­der ver­wo­ben sein.

Hartnäckige Hierarchien

So kommt es, dass Has­lan­ger zwar viel von Sozi­al­struk­tur, Ideo­lo­gie und Ideo­lo­gie­kri­tik redet, am Ende aber doch an den gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen vor­bei­theo­re­ti­siert. Sozia­le Struk­tu­ren sind für sie Gebil­de, die aus »Sche­ma­ta« (inter­sub­jek­ti­ven, kul­tu­rel­len Mus­tern, Skrip­ten, Bedeu­tungs­scha­blo­nen) einer­seits und »Res­sour­cen« und »Mate­ria­li­en« ande­rer­seits bestehen. Sozia­le Struk­tu­ren stel­len »sozia­le Posi­tio­nen« bereit. Has­lan­ger defi­niert gen­der und race als eben sol­che sozia­len Posi­tio­nen in einer hier­ar­chi­schen sozia­len Struktur.

Wie aber kom­men die­se Hier­ar­chien zustan­de? War­um hal­ten sie sich so hart­nä­ckig? Das ein­zi­ge, was Has­lan­ger hier als Erklä­rung zu bie­ten hat, sind »Ideo­lo­gien« und »Prak­ti­ken«, die sich wech­sel­sei­tig beein­flus­sen und irgend­wie zur Sta­bi­li­tät der sozia­len Struk­tur füh­ren sol­len. Eine gan­ze »Kul­tur« hal­te die sozia­le Struk­tur auf­recht, wes­halb Has­lan­ger Ideo­lo­gie als »Kul­tur­tech­nik« bezeich­net. Aus die­sen theo­re­ti­schen Kon­zep­ten lei­tet Has­lan­ger anschlie­ßend eine bestimm­te Art der poli­ti­schen Stra­te­gie und eine spe­zi­fi­sche Form der (Ideologie-)Kritik ab: Es gehe dar­um, »neue Erfah­run­gen« zu ermög­li­chen, die den »gesun­den Men­schen­ver­stand« und »All­tags­prak­ti­ken« infra­ge stel­len. Durch die­se »Brü­che«, so glaubt Has­lan­ger, gelän­ge es, »neue und poten­zi­ell eman­zi­pa­to­ri­sche Begrif­fe« her­vor­zu­brin­gen, die »ande­re Mit­tel für Den­ken, Füh­len und Han­deln erlau­ben«. »Sub­al­ter­ne Gegen­öf­fent­lich­kei­ten«, »Räu­me für das Erkun­den neu­er Wei­sen des Zusam­men­le­bens«, »Expe­ri­men­te im Leben« wünscht sich Has­lan­ger und hält die­se Wün­sche offen­sicht­lich für sehr radi­kal. An ande­rer Stel­le kul­mi­niert ihre Ana­ly­se regel­recht in libe­ra­lem Pathos: »Ich for­de­re«, schreibt Has­lan­ger, »dass wir uns selbst und die Men­schen um uns her­um als tief­grei­fend von Unge­rech­tig­keit geprägt sehen«. Und »wir soll­ten es ableh­nen, dem gen­der nach ein Mann oder eine Frau zu sein, wir soll­ten es ableh­nen, ras­si­fi­ziert zu wer­den«. Das sind zwar alles sehr edle Wün­sche und For­de­run­gen, sie gehen nur lei­der völ­lig kon­form mit dem neo­li­be­ra­len Gleichstellungsdogma.

Am Neoliberalismus vorbei

Dass der Spät­ka­pi­ta­lis­mus längst auf Gleich­be­rech­ti­gung und Selbst­ver­wirk­li­chung bei gleich­zei­ti­ger Aus­blen­dung der mate­ri­el­len Zwän­ge und Ungleich­hei­ten setzt, scheint Has­lan­ger voll­stän­dig zu ent­ge­hen. Eben­so, dass wir es gegen­wär­tig mit einer aggres­si­ven Inwert­set­zung »neu­er Erfah­run­gen« und »alter­na­ti­ver Wel­ten« zu tun haben, die die Sub­jek­te gna­den­los zur Opti­mie­rung ihrer all­täg­li­chen Erleb­nis­welt anhält. Auch mit ihrer Fest­le­gung der femi­nis­ti­schen und anti­ras­sis­ti­schen Ideo­lo­gie­kri­tik auf die Ent­lar­vung bio­lo­gis­ti­scher Natu­ra­li­sie­rung argu­men­tiert sie an den gegen­wär­ti­gen Ver­hält­nis­sen vor­bei. Allein am Bei­spiel der (bio­lo­gi­schen) Mut­ter­schaft lässt sich das momen­tan in Echt­zeit beob­ach­ten: Die Repro­duk­ti­ons­in­dus­trie hat längst ent­deckt, dass es der Ren­di­te eher scha­det, wenn man am Ide­al rein bio­lo­gi­scher Fort­pflan­zung fest­hält. Der Kapi­ta­lis­mus arbei­tet längst selbst auf eine »ent­na­tu­ra­li­sier­te«, dafür aber indus­tria­li­sier­te Mut­ter­schaft hin. Dass das der weib­li­chen Frei­heit nicht zuträg­lich und Anlass zu femi­nis­ti­scher Kri­tik geben soll­te, ist eigent­lich offen­sicht­lich – mit den theo­re­ti­schen Kon­zep­ten Has­lan­gers wird das aber kaum mög­lich sein.

Fata­ler­wei­se setzt Has­lan­ger somit trotz bes­ter Absich­ten mit ihren theo­re­ti­schen Kon­zep­ten und ihrer »Ideo­lo­gie­kri­tik« den gegen­wär­ti­gen Herr­schafts­ver­hält­nis­sen nichts ent­ge­gen, son­dern arbei­tet ihnen mög­li­cher­wei­se sogar noch zu. An die­ser Stel­le rächt sich ihre man­gel­haf­te Aus­ein­an­der­set­zung mit der mate­ria­lis­tisch-femi­nis­ti­schen Theo­rie. Die­se nimmt ihren poli­ti­schen und theo­re­ti­schen Aus­gangs­punkt näm­lich gera­de nicht bei »pro­ble­ma­ti­schen Begrif­fen« und sie ver­steht unter Mate­ria­li­tät und Res­sour­cen auch nicht ein­fach nur irgend­wel­che Din­ge, die man für bestimm­te Prak­ti­ken braucht, wie den Koch­topf zum Kochen. Der mate­ria­lis­ti­sche Femi­nis­mus setzt bei den mate­ri­el­len Ver­hält­nis­sen an. Er inter­es­siert sich für die öko­no­mi­schen Dyna­mi­ken, arbei­tet her­aus, inwie­fern der Kapi­ta­lis­mus von Anfang an auf patri­ar­cha­le und kolo­nia­le Ver­hält­nis­se sowie auf Natur­zer­stö­rung ange­wie­sen war und inwie­fern er das immer noch ist. Das ermög­licht es auch, zu ana­ly­sie­ren, inwie­fern sich die (sexis­ti­sche und ras­sis­ti­sche) Ideo­lo­gie gemein­sam mit dem Kapi­ta­lis­mus moder­ni­siert. Der Kapi­ta­lis­mus und die mit ihm ein­her­ge­hen­den ras­sis­ti­schen und sexis­ti­schen Ver­hält­nis­se sind so real und unab­hän­gig von unse­rer »Per­spek­ti­ve« wie die ein­gangs zitier­ten Fäus­te und Brü­cken­pfei­ler. Sie sind aber zugleich weit mehr als eine »kul­tu­rel­le Pra­xis«, der man mit »neu­en Erfah­run­gen«, »bes­se­ren Begrif­fen« oder ande­ren gut gemein­ten libe­ra­len Ges­ten beikommt.

Sally Haslanger: Der Wirklichkeit widerstehen.
Soziale Konstruktion und Sozialkritik.
Suhrkamp, 283 S., br., 22 €.

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