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Wale, Weine, Wasserfälle

Die zu Portugal gehörende Inselgruppe punktet mit Walbeobachtung und Canyoning

  • Von Geraldine Friedrich
  • Lesedauer: 6 Min.
Wasserfall im Naturpark Ribeira dos Caldeirões
Wasserfall im Naturpark Ribeira dos Caldeirões

Mari­ca Micall­ef und Pau­lo Medei­ros strah­len. Bei­de sind Pro­fis in Sachen Can­yo­ning im Natur­park Ribei­ra dos Caldeirões im Nor­den der Azo­ren-Insel São Miguel. Die fünf Novi­zen, die sich mit ihrer Hil­fe erst­mals in Can­yo­ning ver­su­chen wol­len, schau­en dage­gen skep­tisch. Denn unter Can­yo­ning ver­steht man das Bege­hen einer Schlucht von oben nach unten, und zwar durch Sprin­gen, Absei­len, Rut­schen oder Tau­chen. Can­yo­ning zählt zu den Attrak­tio­nen auf São Miguel. Die Insel bil­det mit San­ta Maria die öst­li­che Grup­pe der ins­ge­samt neun Azoren-Inseln.

Die ers­te Her­aus­for­de­rung besteht aller­dings dar­in, sich in eine Wurst­pel­le, Wet­su­it genannt, zu zwän­gen. Nach­dem die Grup­pe anschlie­ßend in vol­ler Mon­tur 45 Minu­ten berg­an samt Klet­ter­ge­schirr und Helm mar­schiert ist, steht eines zumin­dest fest: Eine Abküh­lung wäre jetzt gar nicht schlecht.

Der ers­te Was­ser­fall steht an, und es folgt das, was Frei­bad­be­su­cher von Sprung­tür­men ken­nen: Von unten sehen fünf Meter läp­pisch aus, von oben wir­ken Was­ser­fall und Höhe gera­de­zu mons­trös. »Da sei­len wir uns jetzt ab«, erklärt Mari­ca. Zusam­men mit Pau­lo ver­sucht die pas­sio­nier­te Klet­te­rin, die übri­gens aus Mal­ta stammt und fünf Jah­re als Flug­zug­me­cha­ni­ke­rin in der Schweiz gear­bei­tet hat, bei ihren Schütz­lin­gen Begeis­te­rung aus­zu­lö­sen. Sie klet­tert vor­ne­weg die Fel­sen neben dem Was­ser­fall hin­ab und sichert von unten, Pau­lo, stu­dier­ter Mathe­ma­ti­ker und gebür­ti­ger Azo­rea­ner, sichert von oben. Wer wagt sich als Ers­ter? Vier von fünf kön­nen sich über­win­den, eine ent­schei­det sich, zu Fuß hin­ab­zu­ge­hen zur nächs­ten Sta­ti­on, einer Felsenrutsche.

Fel­sen­rut­sche? Die ist im Ver­gleich zur Was­ser­fall-Abseil-Akti­on Kin­der­gar­ten, denn man rutscht ein­fach einen schrä­gen, flach geschlif­fe­nen Fel­sen im Bach hin­ab auf die nächs­te Ebe­ne und plumpst ins küh­le Nass. Danach folgt eine kur­ze Klet­ter­epi­so­de, die dies­mal mit einem Sprung ins Was­ser aus drei Meter Höhe endet. Zum Abschluss führt Pau­lo die Grup­pe zur fina­len Mut­pro­be: ein Sprung aus sie­ben Meter Höhe in ein tie­fes Fluss­be­cken. Mari­ca springt vor­an. Als Bonus gibt es Zuschau­er, die gegen­über auf einer Aus­sichts­platt­form ihre Kame­ras zücken. Fazit: Can­yo­ning ist cool. Gut abge­kühlt ist man danach in jedem Fall – und auch ein wenig stolz.

Wer sol­che Adre­na­lin-Akti­vi­tä­ten nicht mag, fin­det auf São Miguel, der Haupt­in­sel der Azo­ren, natür­lich auch ent­spann­ten Was­ser­sport. Nur 30 Auto­mi­nu­ten vom Natur­park Ribei­ra dos Caldeirões ent­fernt liegt der wun­der­schö­ne Park Ter­ra Nos­tra mit exo­ti­schen Bäu­men und einem gro­ßen Ther­mal­be­cken. Das Was­ser dar­in ist 38 Grad warm und, wie eine Besu­che­rin es aus­drückt, »braun wie der Gan­ges«. Das Mot­to: ein­fach trei­ben las­sen, danach aber kalt abdu­schen, um den Gan­ges abzuspülen.

An der Süd­küs­te São Miguels, in Vila Fran­ca do Cam­po, bestehen gute Aus­sich­ten, Wale zu sehen. Die Stadt liegt 30 Kilo­me­ter öst­lich von Pon­ta Del­ga­da, der größ­ten Stadt auf São Miguel und dem Ankunfts­flug­ha­fen. Mit PS-star­ken Zodiacs kön­nen Besu­cher den größ­ten Säu­ge­tie­ren des Mee­res nahe kom­men: Beson­ders häu­fig in der Regi­on sind Buckel­wa­le, Sei­wa­le, der Gemei­ne Del­fin und der Zügeld­el­fin. »Eine Wha­le­watching-Tour ist kein Menü, bei dem man sich die Wale aus­sucht«, erklärt Auro­ra Cru­cia­nel­li, Mee­res­bio­lo­gin aus Bel­gi­en und Wal­be­ob­ach­te­rin beim Ver­an­stal­ter Ter­ra Azul. Schwert­wa­le (Orcas) gehö­ren denn auch eher zu den »Jack­pot-Walen«, wie es Cru­cia­nel­li im Brie­fing vor der Tour for­mu­liert: »Sie kön­nen da sein – oder auch nicht.«

Drau­ßen auf offe­ner See las­sen die ers­ten Zügeld­el­fi­ne nicht lan­ge auf sich war­ten: Rechts und links des Boo­tes tau­chen sie plötz­lich in klei­nen Grup­pen auf. Sie sprin­gen film­reif par­al­lel zum Zodiac, lie­fern sich ein klei­nes Ren­nen mit dem Boot und betrach­ten das Gan­ze als Spiel. Die rund 25 Insas­sen, dar­un­ter zwei Kin­der, reagie­ren alle­samt ent­zückt. Spä­ter gesel­len sich Gemei­ne Del­fi­ne zum Boot, die auch Lai­en gut an ihrem wei­ßen, manch­mal gold schim­mern­den Bauch erken­nen. Auch Buckel­wa­le las­sen sich bli­cken, wenn auch wei­ter entfernt.

Eine Garan­tie, bestimm­te Arten oder über­haupt Wale und Del­fi­ne zu sehen, gibt es logi­scher­wei­se nicht. Zudem gel­ten für die Annä­he­rung an die Tie­re Regeln. Eine davon ist, dass der Boots­füh­rer das Tem­po dros­selt, sobald Tie­re in der Nähe des Schnell­boots auf­tau­chen. Eine ande­re, dass man sich den Tie­ren nicht fron­tal nähert.

Heu­te schüt­zen die Azo­rea­ner die Tie­re. Dass das nicht immer so war, zeigt das Wal­fang-Muse­um in Lajes auf Pico. Die Insel Pico, die dem Vul­kan Pico (2351 Meter) ihren Namen ver­dankt, zeigt sich im Ver­gleich zu São Miguel ursprüng­li­cher, deut­lich weni­ger tou­ris­tisch und liegt 250 Kilo­me­ter west­lich von São Miguel. Aus heu­ti­ger Per­spek­ti­ve wirkt das Abschlach­ten der Wale nur grau­sam. Die Aus­stel­lung über den Wal­fang ver­mit­telt aber auch, dass das Jagen und Ver­wer­ten der Mee­res­säu­ger für die Insel­be­woh­ner einst eine wich­ti­ge Ein­nah­me­quel­le dar­stell­te und ein bein­har­ter Job war.

Heu­te sucht so man­cher Tou­rist auf den abge­le­ge­nen Atlan­tik-Inseln den Adre­na­lin-Kick. Für Ein­hei­mi­sche war der Über­le­bens­kampf stets auf­re­gend genug.

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